Sankt Alban
Ein Kraftakt: Der Umbau des „Delwer Bürgertreffs“ zur Kita
Der Anlass ist ein erfreulicher: Zuzüge einerseits, mehr Geburten andererseits haben im oberen Appeltal zu einem Bedarf an zusätzlichen Kita-Plätzen geführt. Vor gut einem Jahr hatten die Verantwortlichen der Verbandsgemeinde – damals Rockenhausen, heute Nordpfälzer Land – dann Gewissheit: Ohne weitere Kapazitäten kann ab Januar 2020 der Rechtsanspruch der Eltern nicht mehr garantiert werden. Eine Erweiterung der Kindertagesstätte in Würzweiler, in deren Einzugsgebiet der unerwartete Kindersegen fällt, war jedoch in baulicher Hinsicht schwierig.
Den zündenden Einfall hatte schließlich Bürgermeister Michael Cullmann, ohnehin ein Verfechter der dezentralen Bildungsstruktur in „seiner“ VG: Warum also nicht aus der Not eine Tugend machen und eine weitere Einrichtung eröffnen – die sechste unter dem Dach der „VG Kita ROK“, in der seit 2017 die Kindertagesstätten in Trägerschaft der Verbandsgemeinde Rockenhausen organisatorisch und pädagogisch zusammengefasst sind. Der nächste Gedanke schloss sich an: Warum nicht, statt neu zu bauen, ein ungenutztes Gebäude zu diesem Zweck umrüsten? Die Gelegenheit dazu ergab sich zwei Dörfer den Appelbach abwärts: In Sankt Alban stand seit geraumer Zeit die Gaststätte des „Delwer Bürgertreffs“ leer. Die auf drei Stockwerke verteilten Räume dienten einst als Vereinsheim des nicht mehr aktiven örtlichen Fanfarenzug.
Win-win-win-Situation
Ideale Voraussetzungen für eine Kita – und sozusagen eine „Win-win-win-Situation“: Die Ortsgemeinde spart nicht nur die Unterhaltung dieses Gebäudeteils – die angegliederte Halle kann auch künftig anderweitig vermietet werden –, sondern erhält auch noch Miete. Die Kinder aus Sankt Alban und Gerbach sowie von den umliegenden Höfen können wohnortnäher betreut werden. Und für die VG ist ein Um- wesentlich billiger als ein Neubau: Auf rund 500.000 Euro (statt einer Million) sind die Kosten taxiert, wobei der Eigenanteil der VG durch Zuschüsse noch deutlich gesenkt werden kann. „Als jemand, der nicht gerade die reichste VG im Land und auch nicht im Kreis führt, bin ich sehr froh und auch ein bisschen stolz, dass wir es zu diesem Preis hinbekommen haben“, betont Cullmann.
Oft ist eine gute Idee schon die halbe Miete für deren Umsetzung – hier war es vielmehr der Beginn eines steinigen Weges. Der damit begonnen hat, dass es innerhalb des Fanfarenzugs auch kritische Stimmen gegen das Projekt gab. Der Hintergrund: Der Verein musste auf sein vertraglich festgeschriebenes Nutzungsrecht der Gaststätte verzichten, um den Weg für das Projekt freizumachen. Keine einfache Entscheidung – umso dankbarer zeigt sich Cullmann, dass sich die Mitglieder mehrheitlich zu einem Ja durchringen konnten.
VG-Bauamtsleiter Michael Groß, Architekt Andreas Dürnberger, Fachbereichsleiterin Sabine Bold und Gesamtleitung Claudia Manz-Knoll starteten dann mit Volldampf in die Planung: Zwei Gruppen mit insgesamt 30 Plätzen sollten in einem halben Jahr entstehen. Und dies in einem Gebäude, an dem der Zahn der Zeit sichtlich genagt und das mit einem Kindergarten so viel wie augenblicklich der 1. FC Kaiserslautern mit der Champions League zu tun hatte. Als „sehr ambitioniert“ bezeichnete Cullmann das Ziel, bis Anfang 2020 das Vorhaben abzuschließen.
VG-Rat schluckt Kröte
Zumal es weitere Hürden zu überwinden galt: Erst ließen die Genehmigungen länger als erhofft auf sich warten; dann hatte sich der VG-Rat, der die Planungen konstruktiv-kritisch, aber stets unterstützend begleitete, mit einer unliebsamen Überraschung zu beschäftigen. Sie betraf zwei Investitionen, die in die Verantwortung der Ortsgemeinde fallen, aber Voraussetzung für die Kita waren: Für die Halle mussten separate Toiletten gebaut werden – die bisherigen wurden in den Kindergarten integriert und kindgerecht umgebaut. Und es ist ein Lager für Stühle, Bühnenteile und mehr errichtet worden. Hintergrund: Den großen Saal dürfen die Kinder auch zum Turnen nutzen, weshalb dieser künftig nach Veranstaltungen komplett geräumt werden muss.
Für die Maßnahmen war mit Kosten von 120.000 Euro gerechnet worden – nach der Ausschreibung ist der Betrag auf rund 230.000 Euro nach oben geschnellt. Ein enges Zeitfenster, das eher geringe Auftragsvolumen und die vollen Auftragsbücher der Handwerker hatten ein recht dürftiges Interesse der Unternehmen zur Folge - was naturgemäß den Preis nach oben treibt. Letztlich hat jedoch der VG-Rat auch diese Kröte in der Überzeugung geschluckt, dass der eingeschlagene Weg richtig ist.
Nächstes Problem: Zwar drückten die Firmen von Beginn an aufs Tempo. Doch bald zeichnete sich ab, dass eine Fertigstellung bis Anfang 2020 - wenn die ersten Plätze benötigt werden – nicht machbar ist. Statt mit einer (teuren) Container-Lösung zu überbrücken, haben Verwaltung und Rat das Angebot der Ortsgemeinde dankend angenommen, die Kinder vorübergehend in der über Winter ungenutzten Halle betreuen zu dürfen. In diesem Provisorium starteten die „Delwetritsche“, so der Name der Kita, am 7. Januar samt acht kleinen Besuchern ihr Angebot.
Nächste Hürde: Corona
Dann kam Corona – und brachte für das Träger-Tandem Sabine Bold und Claudia Manz-Knoll sowie das Team um die neue Leiterin Mona Eichenauer neue Herausforderungen mit sich: Gleichzeitig mussten eine Notgruppe aufgebaut, die Hygienevorschriften trotz der benachbarten Baustelle – Stichwort Staub – eingehalten und ungeachtet aller Einschränkungen ein nachhaltiges Personalkonzept entwickelt werden.
Auch wenn Restarbeiten wie am Außengelände oder dem zweiten Gruppenraum im Untergeschoss noch ausstehen: Am Dienstag geht es in den schmucken neuen Räumen los. Von einem normalen Kita-Alltag kann (wie überall) jedoch nicht die Rede sein – Notbetreuung und eingeschränkter Regelbetrieb laufen parallel, vorschriftsgemäß auf zwei Gruppen werden die derzeit 16 Kinder verteilt. Weil die Eltern diese aus Gründen des Infektionsschutzes nicht hinein begleiten können, sondern sie in einer „Küss-und-Tschüss-Zone“ verabschieden, durften sich Große und Kleine gemeinsam am Freitag bei einem – nach Familien gestaffelten – Rundgang ein Bild vom Inneren des komplett umgestalteten Hauses machen. „Begeistert“ waren laut Cullmann die Gäste – mit einem von der Bäckerei Münzel gebackenen Schlüssel-Keks willkommen geheißen – von der künftigen Heimat der „Delwetritsche“. „Viele von ihnen sind ja Einheimische und kannten die Gaststätte von früher. Sie waren mehr als beeindruckt, was in so kurzer Zeit daraus geworden ist“, so der VG-Chef.
Neben dem Engagement aller Beteiligten hat ihn das auch am meisten fasziniert: „Ein sanierungsbedürftiges, ja totes Gebäude haben wir zum Leben erweckt und einer tollen Nutzung zugeführt. Sehe ich dieses freundliche Ambiente, dann fällt mir der Spruch ein: ’Vom Dunkel ins Licht’.“ Obwohl der Weg dorthin ein Kraftakt war.