Donnersbergkreis Ein „Garten der Lüste“ und lodernde Flammen

91-87649632.jpg

Kirchheimbolanden. Immer mehr, immer interessanter und wohl auch immer besser angenommen: Auf 27 Stationen brachte es die diesjährige Kulturnacht am Freitag in Kirchheimbolanden – unmöglich, alle Angebote mitzunehmen! Besonders spannend sind die Neuentdeckungen: Im Kunstraum Holzmann wird man mit Hieronymus Bosch konfrontiert, dem großen Surrealisten an der Nahtstelle von Mittelalter und Neuzeit.

Die Düsseldorfer Künstlerin Gesine Kikol hat sich innovativ mit seinem „Garten der Lüste“ auseinandergesetzt, einem gigantischen Wimmelbild nackter Menschen zwischen Himmel und Hölle, angesiedelt in einer Traumwelt voller Symbole, Rätsel und Anspielungen. Der einführende Mainzer Kunstexperte Günter Minas spricht von einem Teufelswerk, einem falschen Paradies, entsprechend den damaligen Moralauffassungen. Boschs fein gemalte Paare „tändeln“ trotz Nacktheit (immer noch) einigermaßen züchtig – Kikol hat sie schemenhaft gezeichnet und lässt sie in einer reduzierten Landschaft drastisch kopulieren – in ungezählten Stellungen, umgeben von rammelnden Hasen, Fröschen, einem masturbierenden Einhorn. Überdimensionale Erdbeeren und Pilze stehen für sinnliche Genüsse – und doch wirkt die Szenerie merkwürdig unerotisch. Deftiger, mit markantem, kühnem Strich gehen da die kleinformatigeren Bilder Kikols zur Sache – das Einhorn beim „Erdbeersex“, die „weißen Hasen“ mit den rosa Löffeln beim flotten Dreier. Zahllose dieser Hasen, Inbegriff von ungezügelter Triebhaftigkeit, hier niedlich aus Papier gefaltet, tummeln sich überall in dem eigenwilligen Raum, bis hinauf ins Gebälk. Früher Kornspeicher, ist er jetzt Sarglager. Minas sieht in diesem Zusammentreffen den „Kreislauf des Lebens“ bestätigt. Anfangs streifte Kuratorin Lydia Thorn-Wickert Kikols Vita: Meisterschülerin Jörg Immendorffs, zahlreiche Ausstellungen, derzeit Dozentin für Kunst und Kunsttheorie in Köln. Über ihre zweite Exposition, „Totale Vanitas.Yeah“ im Art-Hotel Braun, werden wir gesondert berichten. Premiere in der Orangerie – ideale Galerie und großer Gewinn für die Stadt. Der Kunstförderverein Donnersbergkreis präsentiert dort Werke von 22 aktiven Mitgliedern – quer durch unterschiedlichste Stilrichtungen, vom Symbolismus bis zur Abstraktion, und quer durch kunsthandwerkliche Techniken: Raumgreifende Skulpturen aus Holz und Stein, kleine Bronzefiguren und vor allem Gemälde, Grafiken, Collagen werden gezeigt. Düstere und optimistische Visionen, dekorative Kunst – man ist von der Fülle fast erschlagen. Uli Lamp, der dem kreativen Verein vorsteht, schätzt die Besucherzahl auf über 200 und betont, dass die Ausstellung noch die ganze Woche über geöffnet ist: jeden Nachmittag von 16 bis 19 Uhr. Nebenan, in der Stadthalle, tritt ein Wettkönig aus „Wetten dass?“ auf, Dennis Schleussner, mehrfacher Weltmeister im Yo-Yo und Sport-Stacking (Becherstapeln). „Ist das Publikum ready?“ Schleussner, Aktionskünstler, Showmaster durch und durch, kostet seine Wirkung voll aus und gibt dem Affen Zucker. Er tanzt und springt, lässt dabei sein Yo-Yo kreisen und fliegen, zaubert es weg. Buchstäblich im Handumdrehen. Unglaublich, wie sich aus der Schnur Dreiecke, Trapeze und Pyramiden ziehen lassen! Und erst die Tricks mit den „Präzisionskasinowürfeln“, die er im Plastikbecher stapelt – exakt vier blaue aufeinander, dann noch die roten drauf. Der bunte Zauberwürfel, an dem andere endlos lang knobeln – er dreht die Farben ratzfatz zusammen. Applaus! Der „Display-Timer“ (Uhr) rechnet in Sekundenbruchteilen: Rasant türmt Schleussner Becher zu Sechser- und Zehner-Pyramiden. Im Finale setzt der Artist zwei Yo-Yos gegeneinander, in jeder Hand eines – virtuos. Er turnt dazu, hüpft auf einem Bein, windet sich am Boden. In Scharen ziehen kulturbeflissene Flaneure durch die Straßen. Auf dem Römerplatz hat Gabriele Jahnke ihr Bett aufgeschlagen, man sieht nur ihre blonde Mähne. Sie ruht dort unter einer blauen Plastikdecke mit der in Wellen wiederkehrenden Aufschrift: „KunstSchlaf träumt von KunstErwachen.“ In einer dreiseitigen, dem Bettgestell angehängten Erklärung schreibt die Künstlerin: „Der Rezipientschaft ist es frei überlassen, am Prozess des Erkennens als einem stufenweisen Prozess des Wachwerdens teilzuhaben.“ Ihr Künstlerkollege Harald Glatte soll dabei die Kommentare der Gäste per Videokamera aufnehmen und später auswerten. Manche reagieren ratlos auf das Happening, zwei Personen sollen sich sogar kurz mal dazugelegt haben. Ein Passant meint: „Was hot dann der dere gebb, dass se so schlooft?“ Glatte erklärt das zweistündige öffentliche Stillliegen als Botschaft an die Stadt. Beim traditionellen Schlussakkord ist die Paulskirche voll besetzt, Dekan Stefan Dominke moderiert das kompakte Programm. Das Ensemble der Ballettschule „Flex & Point“ setzt das Psalmwort „Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten“ zu meditativ-eindringlicher Musik (von Einaudi und Grammar) ausdruckstänzerisch um – bezaubernd kostümiert und perfekt choreographiert. Engelhaft schön sind auch die Stimmen des Christa-Franken-Ensembles (mit Jutta Schitter, Sonja Walter, Maike Kraus), die a capella und begleitet von Peter Schitters, Kontrabass, brillant und kontrapunktisch raffiniert mit „Die Gedanken sind frei“, dann mit Bach und Swing auftreten. Martin Reitzig orchestriert klangprächtig einen Satz aus Bizets „Suite Arlésienne“ an der Orgel. Komplettiert wird der lokale Kulturquerschnitt mit einer Bilderausstellung von Angelika Schulz zum Thema „Engel, Seelen, Traumbilder“ – mit leichter Hand, manche fast schwebend gemalt. Eher höllisch kontrastiert dazu das Abschlussspektakel draußen vor der Kirche: Zwei „Ladies of fire“, paillettenglitzernd und voller Power, lassen in einer fetzigen Tanzshow ihre Fackeln rotieren und Flammen auflodern. Echt heiß.

91-87649633.jpg
91-87649634.jpg
x