Donnersbergkreis Ein Bad sorgt für Kindersegen
«Göllheim.» So soll einst ein frommer Hirte namens Lorenz an einem heißen Sommertag seine Herde auf eine Wiese mitten im Wald getrieben haben. Dem Verdursten nahe suchte er nach Wasser, fand aber nirgendwo eine Quelle oder ein Bächlein. In seiner Not flehte er zum Himmel, wo er offensichtlich erhört wurde. Denn als er seinen Hirtenstab in die Erde stieß, entsprang an dieser Stelle ein frischer Quell. Der Hirte dankte Gott für die wundersame Rettung und nannte diese Quelle fortan Lorenzenbrunnen. Als man sich überall das Wunder erzählte, habe eine wahre Wallfahrt zu diesem Ort eingesetzt. Einer anderen Legende nach habe sich ein Einsiedler mit Namen Lorenz dort niedergelassen und eine Kapelle erbaut, zu der Gläubige aus Nah und Fern gepilgert seien. Man mag über diese frommen Geschichten schmunzeln, aber der Lorenzenbrunnen steht nachweislich auf geschichtsträchtigem Boden. Und so ist es nicht verwunderlich, dass heute vermutlich weniger gute Christen im Glauben an das heilige Wasser zu diesem Ort pilgern, als vielmehr engagierte Heimatforscher auf der Suche nach der historischen Wahrheit. Um die Geschichte des Lorenzenbrunnens der Bevölkerung etwas näher zu bringen, führten PWV-Vorstandsmitglied Hermann Angst und Manfred Nachbauer, ehrenamtlicher Archivar der Verbandsgemeinde Göllheim, bei einer Familienwanderung der Ortsgruppe des Pfälzerwaldvereins Göllheim eine kleine Schar Interessierter das Rothenberger Tal hinauf zu einem am Wegrand liegenden rotbraunen Findling, der auf etwas hinweist, das längst vom Waldboden verschluckt ist: die Burg Rothenburg, auch Rotenburg oder Rodenburg geschrieben, und den nur wenige Meter davon entfernten Lorenzenbrunnen. Hier wartete Hobbyhistoriker Dieter Chormann schon auf die Wanderfreunde, um ihnen etwas über diese „mittelalterlichen Schätze“ des Göllheimer Waldes zu erzählen. Chormann, pensionierter Lehrer und wie Nachbauer Mitglied des Göllheimer Kulturvereins, bezog sich bei seinem Vortrag auf Beiträge von Otto Gödel, Heinrich Brück und Berthold Schnabel über untergegangene Dörfer und Siedlungen – Wüstungen genannt – in der Nordpfalz. Zu den „wüst gefallenen“, also im Verlauf der Jahrhunderte wieder aus dem Umland von Göllheim verschwundenen Orten, gehören „Burg und Dorf Rothenburg 11. – 14. Jhrdt.“, so die Inschrift auf dem 1989 vom Pfälzerwaldverein am Fahrweg unterhalb der Waldabteilung Lorenzenhang verlegten „Ritterstein“. Der Name des Dorfes und der Burg leite sich von der roten Erde, dem „Rotliegenden“ her, auf dem sie errichtet wurden. Üblicherweise würden Ortsnamen mit „rot/rod“ auf Rodungen hindeuten, aber beide Erklärungen seien schlüssig, erläuterte Chormann. In diesem Dorf befanden sich ein dem heiligen Laurentius – einem frühchristlichen Märtyrer – geweihtes Gotteshaus und ein ebenfalls nach dem Kirchenpatron benannter Brunnen, dessen Wasser Heilwirkung zugeschrieben wurde. Funde sprächen dafür, dass sich hier einst sogar ein gallorömisches Quellheiligtum befunden haben könnte. Ein Graf Rothenberg habe eine frühmittelalterliche Burganlage errichtet, eine aus Holz mit Steinfundamenten auf einem aufgeschütteten Erdhügel erbaute sogenannte „Motte“. Sie diente vermutlich dem Schutz des Bergbaus, den Bischof Otto von Worms Ende des 10. Jahrhunderts wieder aufnehmen ließ, nachdem bereits in römischer Zeit hier Eisen- und Kupfererz abgebaut wurden. Der heilige Laurentius als Namenspatron der Kirche von Rothenburg, der auch Schutzpatron der Köhler ist, könnte ein Indiz dafür sein. Der Bergbau wurde jedoch bald wieder eingestellt und die Burg aufgelassen. Bei der Schlacht am Hasenbühl 1298 sei sie nicht mehr da gewesen, so Chormann. Bauern, die sich in einer Rodungsinsel auf dem Gebiet der Unterburg ansiedelten, hätten die Burganlage vermutlich als Steinbruch benutzt, da keine Mauerreste mehr vorhanden seien. Aber auch die Siedlung sei schon bald wieder verschwunden. Überdauert hätten lediglich der Friedhof, die Kirche und der Brunnen, zu denen seit dem späten Mittelalter die katholische Bevölkerung der Umgebung wallfahrte. Bis zur Einführung der Reformation um 1550 sei das nun einsam am Waldrand stehende Gotteshaus von einem Klausner betreut und deshalb auch „Klause“ genannt worden. Eine Zeichnung von Karl. A. Becker mit der Beschriftung „St. Laurenzi Wallfahrts Brunn 1607“ zeige Kirche und Brunnen allerdings mehr als idealtypisches denn als wirklichkeitsgetreues Abbild, räumte Chormann ein. Auch wenn die Kirche im Laufe der folgenden Jahrhunderte zu einer Ruine verfiel und nach 1800 gänzlich verschwand, sei der Glaube an die Heilkraft des Wassers nie verloren gegangen. Nach Schnabel, der sich immer wieder auf ältere Quellen bezieht, war der Lorenzenbrunnen noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts Ziel gläubiger Katholiken aus den umliegenden Dörfern, „die unter Führung von Laien am Sonntag nach Laurentius (10. August) dahin wallfahren“. Das Wasser selbst habe man getrunken, in Krüge abgefüllt sowie zum Waschen und für nasse Umschläge verwendet. Darüber hinaus hätten am Laurentiustag Brautleute und kinderlose Ehepaare nackt im Brunnen gebadet, um dadurch Kindersegen herbeizuführen. Seinen heutigen Zustand mit einem ummauerten und durch ein Eisengitter abgedeckten Betonring über dem Schacht verdankt der Lorenzenbrunnen den Renovierungsmaßnahmen des Vogelschutzbundes Göllheim im Jahr 1984. Die damals daneben zum Verweilen aufgestellte Sitzbank existiert nicht mehr.