Madame Medusa RHEINPFALZ Plus Artikel Donnersberger Impf-Guerilla und Flughafen Frankfurt-Imsweiler: Satirische Jahresvorschau

Wie immer hochkonzentriert bei der Arbeit: unsere Weissagerin Madame Medusa.
Wie immer hochkonzentriert bei der Arbeit: unsere Weissagerin Madame Medusa.

2022 verbirgt sich hinter einem Schleier aus Ungewissheit. Wir wollten es aber schon mal genauer wissen und haben uns – wie immer zum Jahresstart – an unsere Madame Medusa gewandt. Was sie aus ihrer Glaskugel lüftet, lässt aufhorchen.

Januar

Sitzhersteller Adient meldet eine sensationelle Neuentwicklung. Knapp 25 Jahre, nachdem in Rockenhausen der erste standardisierte, in alle gängigen Fahrzeugtypen passende Sitzlehneneinsteller Taumel vom Band gelaufen ist, präsentiert der Autozulieferer das Nachfolge-Modell: den Torkel 4.0. Mit Hilfe des ultraleichten Stahl-Teils – angeblich wiegt das Fahrzeug mit ihm weniger als ohne – scannt das Auto Schlaglöcher in der Fahrbahn schon von weitem. Der Recliner federt die Erschütterungen prophylaktisch und rückenschonend ab, indem er sich innerhalb von Millisekunden immer wieder neu einstellt. Die Erfindung ist umso wichtiger, weil infolge der Corona-Pandemie kaum noch Geld für den Straßenbau vorhanden ist.

Noch ehe die Produktion angelaufen ist, sollen in China bereits die ersten beiden Werke entstanden sein, die als Joint Venture getarnt das Know-how abkupfern wollen. In Rockenhausen werden laut Adient 1000 neue Arbeitsplätze und im Gewerbegebiet Lohwiese ein separates Torkel-Werk entstehen. Der Stadtrat hofft im Torkel-Sog auf zahlreiche Neubürger: Die Fraktionen beenden ihren seit sieben Jahren andauernden Streit über die Frage, wo die nächsten drei Bauplätze entstehen sollen, und geben umgehend eine Studie für fünf weitere Baugebiete in Auftrag. Wird das Planungstempo der Vorjahre beibehalten, dürfte das erste um 2035 erschlossen sein.

Februar

Der letzte Ärger über den Impfskandal von 2021, als Landrat Rainer Guth und zwei seiner Beigeordneten zu den ersten Geimpften im Kreis gehörten, ist kaum verraucht, da legen die Großkopferten einen nach: Wie sich herausstellt, sind ausgerechnet die Kreishöchsten noch immer nicht geboostert. „Wir hatten Anfang Januar die Gelegenheit, unsere geplanten Termine ganz kurzfristig abzusagen“, wird der Landrat von seiner Pressestelle zitiert. Er habe sich innerhalb weniger Sekunden entscheiden müssen, erinnert sich Guth. Da ihm noch zwei weitere Storno-Chancen angeboten worden seien, habe er kurzerhand die beiden Kreisbeigeordneten informiert. „Alle anderen Impftermine waren fix“, unterstreicht Guth. „Wir haben niemandem eine Stornierung weggenommen. Hätten wir unsere Termine nicht gecancelt, hätten einfach alle Impfungen stattgefunden.“

Dennoch sei es womöglich eine politisch falsche Entscheidung gewesen: „Um die Jahreswende gab es lange Schlangen an den Impfbussen. Damals hätte ich nie und nimmer damit gerechnet, dass auch andere Menschen ihren Impftermin stornieren wollen.“ Ein gefundenes Fressen für die Opposition: Auf der Facebookseite der Kreis-SPD entspinnen sich lange Diskussionen darüber, welche Kandidaten von CDU und FWG für eine der in den nächsten Jahren anstehenden Wahlen ebenfalls eine Impfung zu viel oder zu wenig erhalten haben könnten.

März

Die allgemeine Impfpflicht kommt – und führt prompt zu Jagdszenen im Donnersbergkreis. Da die Politik keine klaren Vorgaben macht, wie die Pflicht überhaupt durchgesetzt werden kann und die Behörden ratlos sind, treten erstmals radikalisierte Impfbefürworter auf den Plan. Mit Betäubungsgewehren verschießen sie aus dem Hinterhalt Impfspritzen auf Impfverweigerer. Mancher bemerkt gar nicht, dass er getroffen wurde und wird erst von Außenstehenden darauf aufmerksam gemacht, dass ihm eine Spritze im Hintern steckt. Die Donnersberger Impf-Guerilla, wie sie bald heißt, ist hocheffizient, und die Polizei ist machtlos gegen ihr illegales Tun. Das führt dazu, dass die Impfgegner ihrerseits aufrüsten. Auch sie bewaffnen sich mit Betäubungspistolen, um sofort auf die Vakzinattacken – fieserweise werden die mit Astrazeneca begangen – reagieren zu können: Sie verschießen K.-o.-Tropfen, um die Angreifer willenlos zu machen und der Polizei ausliefern zu können. Nach einem wilden Kanülen-Geballer in Obermoschel kann die Polizei dem Spuk schließlich ein Ende bereiten, nachdem sich beide Seiten völlig verausgabt haben und nach zahllosen Fehlschüssen willenlos am Boden liegen. Nach seinem Schauplatz – einer Pferdekoppel an der Obermoscheler Kanalstraße – geht der Showdown als „Spritzenschießerei am OK-Corral“ in den Volksmund ein.

April

Die Corona-Spaziergänger treffen sich weiterhin montags auf dem Römerplatz. Befragungen zeigen: Mittlerweile weiß mangels Flyern, Plakaten oder Kundgebungen keiner mehr so genau, wogegen oder wofür sie eigentlich auf die Straße gehen. Der Wormser Polizei-Chef Thomas Lebkücher, der aus Bubenheim stammt, erklärt sich bereit, mit den Spaziergängern zu reden. Er hatte bereits im April 2021 unerwarteten Erfolg, als er mit einem Bibelzitat bei einer Querdenker-Demonstration in Worms aufwartete. Auf Facebook ging eine Aufzeichnung davon viral und Lebkücher wurde zum gefeierten Internet-Star. Der Polizeichef spricht bei den Montagstreffen über christliche Nächstenliebe, die Verantwortung für die Gemeinschaft und den Wert des friedlichen Miteinanders in Krisenzeiten. Immer mehr Menschen aus nah und fern kommen montags auf den Römerplatz, um seinen Ansprachen zu lauschen, nur wenige spazieren anschließend durch die Straßen. Am Ende der Treffen klingt „We shall overcome“ über den Platz, Uwe Holzmann begleitet auf der Gitarre.

Mai

Von der Pfalz ausgehend, greift eine neue Mutation um sich, die schnell nach dem griechischen Alphabet als Sigma klassifiziert wird. Groß ist der Aufschrei – aber noch größer ist nach kurzer Zeit die Begeisterung, als sich erweist, dass Sigma alle Vorgängerversionen völlig entschärft. Die neue Variante wirkt besser als jeder Impfstoff gegen alle Varianten von Alpha bis Omikron: Mit Sigma fällt die Pandemie völlig in sich zusammen. Und obwohl das RKI vor weiterem Mutationsgeschehen warnt, werden Ansteckungspartys zum Renner. Die Bischoff-Brauerei in Winnweiler sieht das Potenzial, stellt die Produktion um, zieht Sigma auf Sprühflaschen und streicht so viel Gewinn ein, dass die Gewerbesteuer die Haushalte der VG Winnweiler und des Kreises explodieren lässt. Aber nicht jeder traut dem Frieden. Keine Studien, keine Langzeitbetrachtung, keine klare Risikoabschätzung: Eine Minderheit wehrt sich hartnäckig gegen die fortschreitende Einnebelung der Welt mit Sigma-Aerosolen aus der Bischoff-Produktion. Mit mehrfachem Mund-Nasen-Schutz versehen und in Bio-Hazard-Schutzkleidung gibt sie ihrem Protest in stummen Dienstagsspaziergängen Ausdruck.

Juni

Aufregung rund um Rockenhausen: Auf den Dächern der Stadt wird ein Affe gesichtet. Was zunächst kaum zu glauben scheint, wird den Donnersbergkreis für mehr als neun Wochen beschäfti ... nein, halt, da ist in Madame Medusas Glaskugel etwas durcheinandergeraten. Die große Makaken-Suche stand ja bereits im Sommer 2021 an.

Wie ein solcher Fehler bei ihrer Weissagung passieren konnte? Madame Medusa, die zweifellos Beste ihres Fachs, kann sich zunächst keinen Reim darauf machen. Den Affen, den hatte unsere Expertin ja fürs abgelaufene Jahr goldrichtig vorausgesagt, nur eben in anderer Funktion. Sie hatte zum Jahresbeginn 2021 prognostiziert: „Eine Gruppe Bambus-Lemuren besetzt das Kibo-Bad.“ Viel näher dran kann man bei einem so abwegigen Thema kaum sein. Dennoch lag sie halt knapp daneben, was unserer Expertin zufolge mit der komplexen Verstrickung der Ereignisse und einer Verschiebung im Raum-Zeit-Kontinuum zu tun hat. Um nicht nochmal knapp daneben zu liegen, will Madame Medusa nun nicht mehr ins Detail gehen: Welches außergewöhnliche Tier im Jahr 2022 händeringend gesucht wird – da müssen sich die Donnersberger überraschen lassen ...

Juli

Sigma hat die Corona-Lage vollends beruhigt. Bei den Montagstreffen hat Thomas Lebkücher inzwischen Verstärkung durch den Winnweilerer Pfarrer Carsten Leinhäuser bekommen. Dieser ist weit über die Kreisgrenzen hinaus bekannt, weil er gegen die offizielle Anordnung der Kirche homosexuelle Paar den Segen gab. Auch er ist ein Internet-Star: Seine Botschaft #liebegewinnt wurde auf Youtube und Instagram zum Renner. Leinhäuser und Lebkücher rufen jeden Montag zum friedlichen Miteinander auf und werden zu Leitfiguren der Friedfertigen. Die Spaziergänge werden kurzerhand in Kiboer Friedensmärsche umbenannt und werden organisiert von den Bischheimer Landfrauen und der Kibo-Karnevalsgesellschaft. Kalli Koppold begleitet die Veranstaltungen musikalisch, die Bewirtung übernimmt das neue Team von Pro Kibo.

August

Sie sind da, und nun warten sie auf ihre Bewährungschance: die schweren, 40 Jahre alten MAN-Kat-Laster, die für den Donnersberger Katastrophenschutz aus Bundeswehrbeständen beschafft wurden, weil sie auch in tiefem Wasser noch eingesetzt werden können. „Watfähig“ nennt man das. Und die Bewährungschance kommt, Starkregen im August, das Alsenztal verwandelt sich in eine Seenplatte. Die MANs werden in Marsch gesetzt. Doch kaum im tiefen Wasser, fangen die Motoren an zu röcheln, zu stottern, geben den Geist auf und lassen sich nicht mehr starten. Die Einsatzkräfte schauen sich ratlos an, aber kommen rasch dahinter, was passiert ist: Die Tankdeckel auf den Einfüllstutzen waren nicht zugeschraubt. Wurde es in der Aufregung vergessen, oder hat sich jemand einen ganz schlechten Scherz erlaubt? Jedenfalls sind die Tanks mit Wasser vollgelaufen, die Motoren im wahrsten Wortsinn abgesoffen. Waten müssen nun die Einsatzkräfte.

September

Beim Ausbruch des Cumbre vieja auf La Palma im September 2021 mag manchem eingefallen sein, dass ja auch der Donnersberg vulkanischen Ursprungs ist, und siehe da: Bald macht sich das auch mit Grummeln und ersten Erdstößen im und um den Pfälzer Hausberg bemerkbar. Die Unruhe nimmt zu, und am 19. September, genau ein Jahr nach dem Cumbre vieja, kommt es tatsächlich zum Ausbruch. Eine Magma-Blase direkt unter dem Fernsehturm hat so viel Energie angestaut, dass die sich in einer regelrechten Explosion entlädt – und den Fernsehturm abfeuert wie eine Mondrakete. Zum Glück bleibt es bei dem bombastischen Rülpser des Erdinneren, das sich gleich wieder verschließt, während der Fernsehturm aufsteigt, am Scheitelpunkt der Flugbahn kippt und dann genau an seinem ursprünglichen Standort, die Spitze voran, wieder einschlägt. Ein bizarres Bild schält sich aus den sich nach und nach verziehenden Qualm- und Schwefelwolken. Statt der schlanken Spitze als dem Wahrzeichen des Berges ragt nun ein Trichter über den Baumwipfeln in die Höhe, wie eine riesige Beton-Orchidee. Manche reiben sich die Augen über diesem Menetekel, raunen, was nun wohl noch kommen mag. Die meisten ärgern sich aber nur über den gestörten Handyempfang.

Oktober

Still war es geworden um das Imsweilerer Flugfeld. Zur Überraschung und zum Entsetzen aller Beteiligten hat das rheinland-pfälzische Innenministerium Mitte des Jahres einen Schlussstrich unter das Kapitel Rettungshubschrauber in Imsweiler gezogen: Nach Ende des zweiten Teils des Interimsbetriebs durch den ADAC vergaben die Mainzer den Dauerbetrieb an ein bislang unbekanntes Luftrettungsunternehmen, das die Nord- und Westpfalz von einer Landeplattform im Rhein aus versorgt. In Imsweiler, wo schon vor Jahresfrist Zufahrten betoniert, Landebeleuchtung installiert und Container aufgestellt worden waren, herrscht aber nur die Ruhe vor dem Sturm. Denn Ortschef Peter Ziepser verfolgt bereits ehrgeizige Pläne: Da der Pleite-Flughafen Hahn nicht mehr zu retten ist, sollen Passagier- und Frachtmaschinen aus aller Welt zukünftig den neuen Airport Frankfurt-Imsweiler ansteuern, der in liebevoller nächtlicher Kleinarbeit entsteht. Ziepser weilte im Sommer bereits für mehrere Wochen in China und hat dort nach eigener Auskunft „einige sehr interessante Investoren“ aufgespürt. Ob er denn nicht Angst habe, dass auch er im Reich der Mitte auf dubiose Briefkastenfirmen hereinfallen könnte? „Und wenn schon – die Chinesen denken ja auch, Imsweiler sei eine Millionenmetropole“, spricht Ziepser lachend von einer Lose-Lose-Situation.

November

„Heia Safari!“, schallt es seit Tagen quer durch den Schlossgarten. Nachdem der Teich endlich mit Wasser gefüllt wurde, haben sich nicht nur die Kröten, Molche und Frösche so richtig heimisch gefühlt. Im April siedelten sich die ersten Störche an, die wegen des reichhaltigen Buffets und der Klimaerwärmung im Winter nun sogar auf ihre Reise in den Süden verzichten. Das wiederum lockte den Wolf an, der sich zwischen den Bäumen und Büschen und dem neuen Nahrungsangebot auch sehr wohl fühlt. Die plötzliche Artenvielfalt mitten in Kibo sorgt schnell für ein neues Touristenangebot: Safari im Schlossgarten. Zu sehen: die „Little Three“ (Molch, Storch, Wolf), Teilnahme auf eigene Gefahr. Ob der Christkindlmarkt erneut im Schlossgarten stattfinden werden kann, hängt davon ab, ob die Tiere bereit sind, das Märchen Rotkäppchen und der böse Wolf beziehungsweise Kalif Storch aufzuführen – oder zumindest Weihnachtsmützen aufzuziehen.

Dezember

Alle Jahre wieder dasselbe Elend: Haushaltsberatung im Kreistag. Vorsorglich werden auf den Tischen schon mal Taschentücher verteilt – zum Tränen abwischen, aber auch zum Schnäuzen der Triefnasen. Wieder fehlen Millionen, wieder stehen Land und Bund am Pranger, weil sie dem Kreis Leistungen übertragen, dafür aber das Geld nicht rausrücken. Und wieder sagt die SPD Nein zum Haushalt. „Herr Guth, es reicht!“, schleudert Fraktionschef Gerd Fuhrmann dem Landrat entgegen schlägt dabei bibbernd den Kragen seines Mantels hoch. Schon wieder seien, trotz leerer Kassen, 100 Leute eingestellt worden, und für das kommende Jahr seien nochmal so viele Stellen eingeplant. Allein 20 neue Leute brauche die Personalabteilung, um all das Personal verwalten zu können, pflichtet Michael Cullmann bei, und während ihm der Atem in Nebenwölkchen vor dem Gesicht steht, rügt er auch, dass die Kommunalaufsicht des Kreises immer kleinlicher werde: Jetzt soll von den Ortsgemeinden sogar verlangt werden, Eintrittspreise für den Besuch von Gemeinderatssitzungen zu erheben. Auf Diskussionen will sich aber keiner im Kreistag einlassen. Denn es ist kalt auf dem Herrngarten, wo die Sitzung des Kreistages stattfinden muss, weil im Großen Sitzungssaal im Kreishaus auf zwei Ebenen Büroraum-Zellen eingerichtet wurden.

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