Donnersbergkreis Die zehn Gebote des Lobbyismus
Kirchheimbolanden. Als vor wenigen Tagen „Ceta“ unterschrieben wurde, das Freihandelsabkommen zwischen der EU und Kanada, war eine schwere und immer wieder gefährdete Geburt endlich gelungen und vielerorts Erleichterung zu spüren: Europa hat sich doch noch aufgerafft, ein wichtiges Projekt realisiert. – Ganz falsch, lautet da die Botschaft der „Berliner Compagnie“, die am Samstagabend in der Aula des Nordpfalzgymnasiums in Kirchheimbolanden gastierte, eingeladen von der hiesigen Amnesty-Gruppe und der Evangelischen Arbeitsstelle Nordpfalz. In der furiosen Polit-Satire „Stille Macht“ handeln unsere Politiker lediglich am Gängelband multinationaler Konzerne und deren Handlanger im Umkreis der Regierungen und Parlamente: den Lobbyisten.
„Freihandelsabkommen“ sind in dieser Lesart nur wohlklingende Mogelpackungen zur sonst schwer durchsetzbaren Beseitigung ökologischer und sozialer Standards. Zugunsten der Gewinnmaximierung. Zum 13. Mal trat die „Berliner Compagnie“ im Rahmen der Friedenstage in der Kreisstadt auf, ein inzwischen „großes Bündnis“, wie es am Ende hieß. Vorausgegangen war ein rasanter 90-Minuten-Parforceritt der sechs Akteure der „Compagnie“ alias Lobbyagentur „Utterly & Quiet“, alle in grau-uniformer Businesskleidung, die männliche Fraktion mit golden schimmernden Krawatten – ein optischer Hinweis auf Klientel und Aufgabe der Truppe: „Für die Besitzenden denken“, was leider umgekehrt bedeutete: Gegen die Besitzlosen. Ist leider so. Gemeinwohl? Gibt es nicht: „Wenn der Staat einer Gruppe was gibt, muss er einer anderen was wegnehmen.“ Zuständigkeit und Fleiß der Agentur sind enorm: Man kümmert sich etwa um Energiekonzerne, Entwicklungshilfe, die vor allem den Gebern nützt, das Durchsetzen von Gentechnik und Verhindern billiger Medikamente für Afrika und Asien, das Wohl der Agrar- und Lebensmittel-, der Tabak- und Rüstungsindustrie. Geniale Hebel sind „Freihandelsabkommen“, von denen gerade eines mit Indien geplant ist: „Mit ihnen fegen sie nationale Produzenten aus dem Weg und eröffnen ihrem multinationalen Konzern bislang streng verschlossene Märkte. Und indem sie mit Massentierhaltung, Dumping-Preisen und Billigexporten von Gen-Saatgut die Kleinbauern im Süden in den Widerstand treiben, erhalten sie neue Kunden: Sie liefern den Herrschenden das Kriegsgerät, das sie brauchen, um den Widerstand zu brechen“, wird die Lobbyisten-Strategie im Flyer zu „Stille Macht“ beschrieben. Mit virtuosen Auftritten geht das Stück von Helma Fries (Regie: Elke Schuster) über die Bühne und verlangt dem Publikum immense Konzentration ab durch die Geschwindigkeit, in der komplizierteste Sachverhalte satirisch auf den Punkt gebracht werden. „Erholung“ gibt es lediglich bei den unter Formationstanz vorgetragenen Songs, „Evergreens und Schmachtfetzen“ im Stil der 50er Jahre, die immer wieder das Selbstverständnis des schrägen Vereins herausbringen: „Utterly & Quiet, wir sind gemietete Gewehre … Eine Lüge soll dich nicht genieren, lass den Sachzwang doch regieren …“ Und am Schluss doch fast an sich selbst verzweifelnd: „Weiter, weiter, immer weiter – wenn ihr uns nicht stoppt, machen wir weiter!“ Zu den Höhepunkten gehört das Rollenspiel einer Talkshow – wichtiger Wirkungsort für Lobbyisten, wobei etliche von ihnen aus Trainingsgründen einmal auf die Gegenseite müssen als NGO-Frau aus Indien, pfälzischer Biobauer, Professor. Der „Vertreter der Agrarindustrie“ läuft dabei zu großer Form auf und scheut sich als Premium-Lobbyist nicht vor den irrsten Argumentationen und widerlichstem Sarkasmus, beispielsweise zum vegetarischen Gedanken: „Wenn man Tiere nicht essen soll, warum sind die dann aus Fleisch? – Vegetarier leben nur scheinbar länger, weil ihr Leben so langweilig ist …“ Erst als ein „Überraschungsgast“ präsentiert wird – ein schwer krebskrankes Kind – verschlägt es allen doch für einen Moment die Sprache. Wie es überhaupt natürlich „Momente der Schwäche“ gibt – und des Selbstmitleids: „Unser Beruf ist so verhasst! Es wird uns nie gedankt!“ Aber diese Anfälle gilt es zu überwinden. Als sich ein Utterly-Novize ziert, als Lobbyist in einem Ministerium „implantiert“ zu werden, wird er – starke Szene – mit verbundenen Augen, umringt von der suggestiven Traube seiner Kollegen, einer Gehirnwäsche unterzogen. Ihm werden die „zehn Gebote des Lobbyismus“ eingeimpft, darunter als Methode, wie man einen Abgeordneten oder Minister gewinnt: Vertrauen wecken – zuhören („Wie kann ich Ihnen helfen?“) – erobern wie eine Frau: „Wenn du die verführen willst, machst du ihr auch nicht gleich einen Heiratsantrag!“ Und die „Wahrheit“ gebetsmühlenhaft wiederholen, „auch wenn sie gar keine Wahrheit ist, bis er sie für seine eigene hält!“ Wichtig dabei sind „wissenschaftliche Studien“ mit „Wahrheiten“ wie: Der soziale Wert des Rauchens sei viel größer als der gesundheitliche Schaden. Und als der Neffe eines Kollegen auftritt, der aus einer Bank austreten will, weil sie in Streumunition investiert, gibt es eine väterliche Lektion des Onkels in Sachen Waffenhandel, mit altbekannten Argumenten: Rüstung kann Frieden schaffen! Schlimm sind nicht die Waffen, sondern der Krieg! Auch mit dem Küchenmesser kann man jemanden umbringen! Auch Ärzte und Krankenschwestern verdienen am Tod … Passend hierzu auf der Projektionswand eine Anfrage aus Afrika: Wie viel wiegt ein G36? Der Lobbyist kann beruhigen: Nur 3,6 Kilo, also nicht zu schwer für Kinderhände. Das Stück endet mit einem sehr eigenwillig-humorigen Wettbewerb unter den Utterly-Leuten: Wer hat die meisten Toten verursacht? Jeder prahlt mit dem „Resort“, für das er zuständig ist: Waffen, Pestizide, Rauchen, Fleischindustrie … Untereinander sind sie ehrlich – das Publikum dankt mit betroffenem Applaus für die in brillanter Satire gewährten Einsichten in das abgründige Innenleben der Lobby-„Kultur“.