Bolanden / Saarbrücken RHEINPFALZ Plus Artikel „Die Liebe zur Sprache“: Kabarettist Martin Zingsheim im Interview

„Die ganze Kleinkunstszene hängt an einem dünnen ehrenamtlichen Faden“, sagt Martin Zingsheim und lobt Veranstalter wie den Neue
»Die ganze Kleinkunstszene hängt an einem dünnen ehrenamtlichen Faden«, sagt Martin Zingsheim und lobt Veranstalter wie den Neuen Landweg.

Martin Zingsheim gehört zu den bekanntesten und schlagfertigsten Kabarettisten Deutschlands. Bekannt ist auch seine WDR-Reihe „Zingsheim geigt rein“. Dabei hätte er nach seiner Promotion über Karlheinz Stockhausen auch eine andere Karriere einschlagen können. Konstanze Führlbeck hat sich mit dem vielseitigen Künstler vor seinen Auftritten in der Westpfalz und in Saarbrücken unterhalten.

Herr Zingsheim, Sie treten am 25. Januar auf Einladung des Kulturvereins Neuer Landweg im Theater Blaues Haus in Bolanden auf, was kann das Publikum erwarten?
Da möchte ich doch gleich die Gelegenheit nutzen und auf eine Programmänderung aufmerksam machen. Ursprünglich war „aber bitte mit ohne“ vorgesehen. Das spiele ich seit 2017. So ein Kabarettprogramm entsteht jeden Abend neu, man ändert und aktualisiert immer. Aber irgendwann ist alles ausgetauscht. Deshalb haben der Veranstalter und ich jetzt das ganze Programm ausgetauscht gegen „normal ist das nicht“.

Worum geht es in diesem Programm?
Da ist die Grundthese, dass wir uns den alltäglichen Wahnsinn immer erfolgreich als Normalität verkaufen. Der ganze Abend ist der Versuch, erfolgreich hinter diese „Normalitätsfassade“ zu blicken. Es geht dabei um meine Lieblingsthemen Politik, Erziehung, Ernährung und Kultur.

Wieso Erziehung?
Als Vater von vier Kindern lebt man im Ausnahmezustand. Kinder sind der beste Weg, um ständig die eigene Normalität in Frage zu stellen, weil meist alles anders läuft, als man sich das als Eltern vorgestellt hat.

Was ist davon „bühnentauglich“?
Das Scheitern an den eigenen Ansprüchen ist ein humoristischer Mehrwert. Als ich letzte Woche zum Beispiel mit Sohnemann durch die Gegend fuhr, fuhren wir an einem großen Gebäude vorbei, und er fragte mich, was das denn für ein Gefängnis sei. Ich musste ihm erklären, dass das keine Gefängnis ist, sondern die Gesamtschule.

Und was interessiert Sie besonders an dem Thema „Normalität“?
Vor allem, dass man „Normalität“ ja immer wieder neu verhandelt.

Haben Sie ein Beispiel dafür?
Machen wir einen Ausflug ins Mittelalter, da hatten sie ein völlig anderes Konzept von Normalität. Und es lohnt sich, diese Verschiebung kabarettistisch zu durchleuchten, angefangen bei den hygienischen Zuständen. Die Frauen haben einmal im Monat gebadet, die Männer zu Johanni, das war „normal“. Oder was man glaubt, was man für wahr hält, welches Bild von der Erde man sich macht. Wer weiß, wie in 500 Jahren beurteilt wird, was wir heute als „normal“ empfinden. Und auch heute ist es ja ganz unterschiedlich, was als „Normalität“ gilt.

Inwiefern?
Wir essen mit Messer und Gabel, der größte Teil der Menschheit tut das nicht. Da öffnet sich ein weites Feld für interkulturelle Betrachtungen. Es ist ein absolut inspirierender Gedanke, auch unter diesem Aspekt die eigene Normalität zu durchleuchten.

Waren Sie eigentlich schon mal in Bolanden?
Ja, das ist eine Rückkehr zu dem Verein. Vor elf Jahren bin ich schon mal mit meinem allerersten Programm da aufgetreten, mit „Opus Meins“. Das ist überhaupt so toll in der deutschen Kleinkunstlandschaft, dass es immer noch diese Menschen gibt, die Kulturvereine betreiben und Kabarett veranstalten. Auch das ist im positiven Sinne nicht „normal“.

Warum nicht?
Das ist außergewöhnlich. Die ganze Kleinkunstszene hängt an einem dünnen ehrenamtlichen Faden.

Sie haben ja einen wissenschaftlichen Hintergrund, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft, Philosophie und Musikwissenschaft studiert und promoviert. Haben Sie daraus etwas in Ihr Leben als Kabarettist mitgenommen??
Auf jeden Fall die Leidenschaft am Recherchieren. Das hat mir auf der Bühne geholfen. Aber auch die Liebe zum Formulieren. Die Liebe zur Sprache und zum Nachdenken über Sprache hab' ich mit ins Kabarett genommen.

Wie sind Sie denn zum Kabarett gekommen?
Eher zufällig. Zu Studienzeiten bin ich als Klavierspieler beim Kabarett gelandet, mit Anfang 20.

Und wie sind Sie dann von den Tasten zu den Worten gekommen?
Das war ein Emanzipationsprozess, vom Sitzen zum Stehen und von der Musik zum Sprechen zu kommen, das hat viele Jahre gedauert. So richtig als Kabarettist bin ich jetzt seit gut zehn Jahren unterwegs.

Und was hat Sie am Kabarett fasziniert?
Der minimalistische Versuchsaufbau. Da gibt es ein Mikrofon und einen Scheinwerfer und trotzdem kann man großes Theater und einen großen Gedankenreigen auf die Bühne bringen. Großes Kopfkino also.

Haben Sie auch Musik in Ihrem Programm?
Ja, Lieder sind ein fester Bestandteil.

Und begleiten Sie sich selbst dazu?
Ja, das sind ja meine Songs, ich glaube, ein pianistischer Begleiter würde mich bloß stressen.

Kommen Sie denn aus einer irgendwie „künstlerisch angehauchten“ Familie?
Nein, ich komme aus einer braven Juristenfamilie, ich bin quasi „aus der Art geschlagen“.

Zur Person

Martin Zingsheim, geboren im März 1984, ist promovierter Musikwissenschaftler. Parallel zum Studium war er bereits für das Kabarettprogramm Bundeskabarett in Köln tätig. Seit 2010 ist er als Kabarettist solo aktiv. Er ist Träger wichtiger Preise wie der St. Ingberter Pfanne, des Deutschen Kleinkunstpreises und des Salzburger Stiers. Beim Deutschlandfunk moderiert er die Sendung „Zingsheim braucht Gesellschaft!“, seine WDR-Reihe „Zingsheim geigt rein“ ist auch als ARD-Podcast verfügbar.

Termine

Martin Zingsheim tritt am Samstag, 25. Januar, ab 20 Uhr im Theater Blaues Haus in Bolanden-Weierhof auf, Veranstalter ist der Eisenberger Verein Neuer Landweg, Karten gibt es via https://neuerlandweg.de
Ende März ist Martin Zingsheim Gast in Saarbrücken, bei „Alfons und Gäste“ (28. März, 19 Uhr, Studio Eins, Funkhaus Halberg) und beim SR-Gesellschaftsabend (29. März, 20 Uhr, Funkhaus Halberg, Großer Sendesaal).

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