STEINBACH
Die Kinder von La Guette: Erinnerung an die Rettung jüdischer Kinder aus Nazi-Deutschland
„Wir haben hier in Steinbach viel zum Thema jüdische Geschichte vor Ort, hier ist so vieles greifbar“, so begrüßte Ortsbürgermeisterin Susanne Röß die Anwesenden bei ihrer kurzen Einführung zur Veranstaltung. Die jüdische Gemeinde in Steinbach am Donnersberg sei keine kleine gewesen, berichtet sie weiter. Zeitweise seien 20 Prozent der Steinbacher jüdischen Glaubens gewesen, 1938 waren es dann aber nur noch 18 jüdische Familien. Es gab eine jüdische Schule und auch eine Synagoge, die zwar in der Reichskristallnacht nicht abgebrannt, aber trotzdem geschändet wurde, und bereits 1935 wurden im Gemeinderat des Ortes Reglements gegen Juden beschlossen, wie sie zu der Zeit überall üblich waren. „Da war Steinbach leider ein Dorf wie alle anderen zu der Zeit.“
In Steinbach wird aber heute einiges für die Aufarbeitung der Geschichte getan; so gibt es etwa eine Gedenktafel für die Getreidehändlerfamilie Rubel, die 2002 angebracht wurde, und im Jüdischen Museum in Winnweiler gibt es eine Ecke, die sich den Steinbacher Juden widmet.
Mit Steinbach verbunden
Auch die Geschichte der sogenannten La-Guette-Kinder ist eng mit Steinbach verknüpft, wie Karola Streppel, die Vorsitzende des Arbeitskreises Geschichte der Juden in Pirmasens, bei ihrer Einführung zum nachfolgenden Film berichtete: Auf Initiative des „Comitee Israelit“, welches sich um die jüdische Baronin Germaine de Rothschild aus Paris gebildet hatte, konnten im März 1939 130 Kinder aus Berlin, Wien und der Pfalz ins Jagdschloss „La Guette“ in der Nähe von Paris auswandern. Unter den 28 pfälzischen Kindern waren auch die neunjährige Edith Mann und ihr 13-jähriger Bruder Simon Herbert Mann aus Steinbach. Ihre beiden älteren Brüder waren zu alt für die Kinderauswanderung, die nur Kinder bis 16 Jahre aufnahm. Ihre Eltern, Regina und Luitpold Mann, wurden später mit ihrem Bruder Ludwig in Auschwitz ermordet. Der Bruder Erich konnte aus dem Lager Rivesalte in Südfrankreich fliehen und überlebte.
Ein gutes Jahr konnten die 130 Kinder in La Guette bleiben, bis sie aus dem nun auch besetzten Nordfrankreich nach Zentralfrankreich fliehen mussten. 1941 schließlich konnte Baronin Rothschild, die inzwischen in die USA emigriert war, 34 Einreisevisa für Kinder in die USA bekommen. Davon konnten fünf oder sechs pfälzische Kinder profitieren, darunter auch Edith und Simon Herbert Mann aus Steinbach. Ihrem Bruder Erich Mann gelang es 1948 ebenfalls, in die Staaten zu emigrieren und sich dort mit seinen Geschwistern zu treffen. Er hat als einziger der Geschwister 1992 Steinbach noch einmal besucht.
„Liebe Mutti, komm doch her“
Der gezeigte Film, „Die Reise der Kinder von La Guette“ von Andrea Morgenthaler aus dem Jahr 1990 berichtet anhand von Interviews mit den nun erwachsenen Kindern, den Betreuern und Mitgliedern des „Comitee Israelit“ sowie anhand von Fotos und Schriftstücken aus der Zeit über die Reise und die Erlebnisse der Kinder. Der Film ist berührend und eindrücklich und zitiert unter anderem auch aus Briefen der Kinder an ihre Eltern, die von Sehnsucht und Verlorenheit sprechen: „Weißt du Mama, da wo die Kuhle ist, da habe ich einen Kuss hingedrückt, und wenn du da draufküsst, dann hast Du einen Kuss von mir. Alles erinnert mich an euch – liebe Mutti, komm doch her“, schreibt der zehnjährige Pauli an seine Mama. Jedes der Kinder hatte in Deutschland vor der Reise nach La Guette Unterdrückung, Spott und Schläge in der Schule erdulden müssen und erlebt, wie ihre Wohnungen verwüstet und die Eltern deportiert worden waren.
Der Film, so Karola Streppel, solle an diesem Nachmittag ein Anstoß sein für Ideen, um die Geschichte der Juden in Steinbach noch sichtbarer zu machen. Sie betonte, wie wichtig es für die Überlebenden und die Nachkommen ist, dass weiterhin über die Geschichte der Kinderemigration geredet wird, dass die Erinnerung wach bleibt. „Diese Kinder von damals strecken die Hand aus zur Versöhnung“, sagte sie, „sie sagen aber auch immer wieder: Es darf nicht vergessen werden!“ Genau darum sei es so wichtig, immer wieder über diese Zeit zu sprechen und die Geschehnisse von damals in der Stadt- und Dorfgeschichte, im Stadtbild lebendig zu halten.
Das Thema wach halten
Gespräche unter den Zuschauern gab es nach dem Film einige, worüber sich Ortsbürgermeisterin Susanne Röß sehr erfreut zeigte. Sie hofft nun, dass diese Initialveranstaltung Früchte trägt: „Wir müssen einfach schauen: Vielleicht erwächst ja etwas Tolles draus, und wenn nicht, dann versuchen wir trotzdem, das Thema weiter wach zu halten und zu streuen.“ Karola Streppel sieht das ähnlich: „Es war eindeutig, dass der Film die Zuschauer beeindruckt hat, und die Gespräche haben dann auch ergeben, dass es in der Nachkriegszeit doch einiges an privaten Kontakten zu diesen jüdischen Kindern gegeben hat. Solche Geschichten müssen viel mehr an die Öffentlichkeit, damit das Thema greifbarer wird und wir wieder ein breites Gespräch dazu haben – ganz besonders mit Menschen, die das Thema für nicht mehr aktuell halten. Das ist es nämlich.“
Übrigens: Der Arbeitskreis ist mit dem Südwestrundfunk im Gespräch, damit der Film „Die Reise der Kinder von La Guette“ bald noch einmal Fernsehen gezeigt wird. Bis dahin können Interessierte sich den Film bei Karola Streppel (Telefon 0179 22 69 992) ausleihen. Broschüren zum Thema mit Originaltexten der La Guette-Kinder sind bei Susanne Röß erhältlich.