WINNWEILER RHEINPFALZ Plus Artikel Der Weg aus der Neonazi-Szene

Christoph Sorge traf am Dienstag auf eine sehr interessierte Zuhörerschaft im Wilhelm-Erb-Gymnasium in Winnweiler.
Christoph Sorge traf am Dienstag auf eine sehr interessierte Zuhörerschaft im Wilhelm-Erb-Gymnasium in Winnweiler.

34 Jahre alt, davon neun in ideologischer Verblendung: Christoph Sorge aus Bautzen in Ostdeutschland, das er und seine Gleichgesinnten stets nur „Mitteldeutschland“ nannten, gehörte als Jugendlicher und junger Mann zur Neonazi-Szene – und hat den Ausstieg geschafft. Davon hat er jetzt in Winnweiler berichtet.

Am Dienstag präsentierte er sich als Ausgestiegener Schülerinnen und Schülern des Wilhelm-Erb-Gymnasiums in Winnweiler, vermittelt durch die Amnesty-Ortsgruppe Kirchheimbolanden und den „Arbeitskreis Aktiv gegen Rechts“. Die Veranstaltung war Teil der „Interkulturellen Woche“.

Nur ganz kurz stellte er sich auf diese Weise vor und ermunterte die jungen Leute sogleich, die weitere Gestaltung seines Erfahrungsberichts durch Fragen jeglicher Art selbst zu bestimmen. Und die Schülerinnen und Schüler, schon gut vorinformiert und hochinteressiert, ließen sich nicht lange bitten:

Wie ist er in die Szene hineingekommen?

Er entstamme eigentlich einem „normalen bürgerlichen“ Elternhaus in Dresden, beginnt er, das Abdriften nach rechts sei mehr zufällig gewesen und habe etwa mit einer Lese- und Rechtschreibschwäche in der Schule zu tun. Er fand Hilfe beim Bruder eines Freundes, der einer rechten „Kameradschaft“ angehörte und ihm für Leseübungen rechtsorientierte Bücher gab, die ihn mehr und mehr faszinierten. Ihn begeisterten vor allem die vorgegebenen Werte wie „Treue, Stolz und Opferbereitschaft“: Nach und nach verschlang er vor allem Militärliteratur und bewunderte beispielsweise „die eigentlich sinnlose Selbstaufopferung der Wehrmacht in der Schlussphase des verlorenen Weltkrieges“.

Seit 2002 – mit 14 Jahren – gehörte er faktisch zur Neonazi-Szene und hatte sich entsprechend seiner Familie gegenüber mehr und mehr entfremdet, die zunehmend ersetzt wurde durch die „Kameradschaft“ mit ihren vielfältigen Angeboten wie Naturerleben, „Schlachten nachspielen“, Rechtsrockbands hören, ideologische Beheimatung …

Und der Geschichtsunterricht in der Schule? Dort erfährt man doch von den unsäglichen Verbrechen der Nazis, vom Holocaust?

Keine Chance angesichts der Gegenindoktrination in der „Kameradschaft“: „Alles nicht wahr!“ – „Der Sieger schreibt die Geschichte!“ Er habe im Geschichtsunterricht den Lehrer „reden lassen, die Fresse gehalten, um das Zeugnis nicht zu versauen“ und „geschrieben, was der Lehrer hören wollte“.

Ob er in seinen „Kameradschafts“-Jahren an gewalttätigen, kriminellen Aktionen teilgenommen habe? Obwohl ideologisch darauf vorbereitet, habe er „Glück gehabt“ und sich jedenfalls nichts zuschulden kommen lassen, das sein polizeiliches Führungszeugnis belastet hätte. Beruflich schadete ihm sein Rechtsradikalismus freilich einmal, als er aus dem Pflegeberuf, den er einige Jahre ausübte, geworfen wurde. Jetzt arbeitet er als Selbständiger im Bereich der Autobranche.

Was hat seinen Ausstieg aus der Szene bewirkt?

2012 – er war 25 Jahre alt – wurde er Zeuge einer Diskussion unter den „Kameraden“, was am „Tag X“, also dem Tag der nationalen Machtergreifung à la 1933, geschehen sollte, an dem die als dekadent verachtete freiheitlich demokratische Grundordnung endlich beseitigt wäre: Die „politischen Feinde“ (ausgenommen Polizisten und Soldaten) müssten sterben, auch gegenüber der eigenen Familie (!) dürfe es kein Pardon geben – die Ideologie gehe immer vor! Da konnte Christoph Sorge nicht mehr folgen. Solch monströse Pläne konnte er mit den verehrten „Werten“ der Bewegung nicht mehr in Einklang bringen. Und so begann der quälende Ablösungsprozess.

War der nicht gefährlich und überhaupt allein zu realisieren?

Er habe abermals „Glück gehabt“; andere „Verräter“ seien zusammengeschlagen oder gefoltert worden – er kenne Fälle von lebenslanger Behinderung, Flucht in ausländisches Versteck, Tod durch provozierten Unfall. Insgesamt habe die Abnabelung Jahre gedauert, vor allem im Kopf – eine Art Drogenentzug. Einmal habe er noch einen Prachtband über die Waffen-SS geschenkt bekommen. Den habe er unter Schmerzen in den Müll geworfen samt anderer rechtsradikaler Literatur und liebgewordenen NS-Devotionalien, aus Angst, rückfällig zu werden. Auch die Wiederannäherung an die Familie sei langwierig und mühsam gewesen. Die Eltern hätten ihm den Ausstieg lange nicht geglaubt. Geholfen hat ihm das Aussteigerprojekt „Ad-Acta, außerdem der Verein „Projekt 21 II“, für den er jetzt auch seit einigen Jahren selbst Präventionsarbeit leistet und beispielsweise Schulen besucht wie im aktuellen Fall.

Hält er es nicht für notwendig, mehr rechtsradikale Gruppierungen und Organisationen zu verbieten?

Bei solchen „Bewegungen“ nützten Verbote einzelner Gruppen oft wenig, die sich immer wieder in abgewandelter Form neu organisieren könnten: „Du musst die Ideologie aus den Köpfen kriegen!“

Hat er nicht Angst bei seiner Präventionsarbeit, die ihn in der Szene doch erneut verhasst mache?

„Bei mir“, sagt Christoph Sorge auf diese Frage, „überwiegt das Bedürfnis zu informieren die Angst.“ Auch sei er „sicherheitsmäßig ganz gut vernetzt“ und einer seiner besten Freunde sei Polizist.

Zum Schluss wird er noch bezüglich der Bundestagswahl befragt und speziell nach seiner sächsischen Heimat, wo die AfD flächendeckend Wahlkreise gewonnen hat.

Ja, er mache sich auch Sorgen wegen dieser Entwicklung, warnt vor dem neueren, durchaus auch „gebildeten“ rechtsradikalen Milieu („Oberstudienrat Höcke!“). Aber: „Dresden ist doch trotzdem eine tolle Stadt!“ Und: „In Sachsen gibt es doch nicht nur Rechte: 75 Prozent sind garantiert keine!“

Mehr als genug Bedenkenswertes und Gesprächsstoff innerhalb und außerhalb des Unterrichts für die angehenden Abiturienten in Winnweiler.

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