Donnersbergkreis „Das syrische Volk sagt von ganzem Herzen Dank“
Die Stimmung war familiär und emotional, die herbstlich geschmückte Jahnturnhalle proppenvoll – das Begegnungsfest der Kiboer Flüchtlingshilfe unter dem Motto „Welcome Refugees“ hätte nicht bewegender sein können, Tenor: Wir schaffen das! Einander näher kamen ungezählte „Alt-Kiboer“, 20 ehrenamtliche Helfer und zahlreiche Asylsuchende aus Eritrea, Albanien und vor allem Syrien – etliche junge Familien mit kleinen Kindern waren darunter.
Schöne Geste zu Beginn: Flüchtlinge drückten jedem Einheimischen eine Rose in die Hand mit dem Anhänger: „Das syrische Volk sagt Ihnen von ganzem Herzen vielen Dank.“ Später sang eine Gruppe junger Syrer eine Hymne auf die verlorene Heimat, von der unsereine(r) nur den Refrain – la, la, la – verstand. Sprachschwierigkeit ist wohl mit das erste Problem der allermeisten Vertriebenen. Die Neumayer-Schule wie die VHS helfen ihnen mit Deutschunterricht weiter, einem Grundkurs Alphabetisierung folgt der Fortgeschrittenenkurs. Jetzt traten der arabischsprachige Jamill Sabbagh und die junge Iranerin Maryam als Übersetzer auf. Locker und flott führte Stefan Klemme durch das Programm. Marje Beisiegel, zentrale Anlaufstelle und Koordinatorin im Haus der Familie, freute sich über „viele bekannte Gesichter aus Kommunalpolitik, Kirche und Vereinen“, viele zupackende Hände und die nach wie vor ungebrochene Spendenbereitschaft der Bevölkerung. Erich Morschhäuser, der mit einer großangelegten Fahrrad-Aktion auswärtigen Flüchtlingen zu Beweglichkeit verhalf (wir berichteten) und der sich insbesondere um Ausbildung und Behördenkontakte bemüht, informierte über weitreichende Arbeitsfelder, auf denen Ehrenamtliche tätig sind – Erstbesuch, Mobilität, Wohnraum, Kleidung, Medizin, Beschäftigung. Inzwischen wurden acht bis zehn Praktika vermittelt. „Freiwillige Flüchtlinge gibt es nicht“, sagte Ludger Grünewald. Als Amnesty-Vertreter sprach er das Grundrecht auf Asyl an und applaudierte Kanzlerin Angela Merkel für ihre Flüchtlingspolitik. Integrationsbeauftragte Jacqueline Rauschkolb dankte dem Team um Beisiegel für sein Engagement, die Landtagsabgeordnete Simone Huth-Haage ermunterte die Neuankömmlinge, sich in die vielfältigen (Sport-) Vereine vor Ort einzubringen. Stadtbürgermeister Klaus Hartmüller berichtete, dass derzeit 146 Asylsuchende in der VG ausnahmslos privat wohnen: „Sammelunterkünfte sind hier kein Thema.“ Landrat Werner thematisierte die große Aufgabe, eine Million Menschen – nicht alle könnten jedoch bleiben – willkommen zu heißen. Dies sei nur möglich, wenn es überall Helfer gäbe. Als Vorsitzender der Donnersberger Nothilfe appellierte Sabbagh: „Wenn Sie jemanden kennen, der uns braucht – sagen sie uns das!“ Fast so bunt wie die Besucher war das fünfstündige Programm gemischt. Ein echter Hingucker: die Ballettschule „Flex & Point“, die einmal mehr mit ihrem Feinschliff, glänzender Choreografie und wirksamer Kostümierung begeisterte. Schwarzweiß fetzig gedresst wirbelte die Truppe mit dem zweiteiligen Showtanz „Let there be love“ über die Bühne. Wow! Zur vital sprühenden „Violetta“ waren die Zuschauer zum Mittanzen aufgefordert – das sollte nicht die einzige Interaktion sein: Anrührend blieb das unkomplizierte Miteinander der Kleinen aus der Kita Louhans (Eigenbekenntnis: „multikulturell, offen und tolerant“) mit den fremden Kindern bei einem Zähl-Ringelrein. „Wir sind alle Kinder dieser Erde“- die anfänglich gesungene Botschaft kam an. Die „Schrottband“ vom Heilpädagogium Schillerhain, wo übrigens auch fünf unbegleitete jugendliche Flüchtlinge betreut werden, ließ es ordentlich krachen. Kanister, Bretter, Pfannen, Schüsseln – auf ungeahnte Gefäße wurde so ohrenbetäubend wie rhythmisch geklopft (tolle Soli!), und auch hier fanden sich schnell hemmungslose Mittrommler. Der protestantische Posaunenchor kontrastierte dazu eher besinnlich mit Spirituals wie „When the saints go marching in“ und dem gefährlich schleichenden „Panther Tango“. Annissa Kahla veräußerte alte Romane, um neue Lehrbücher kaufen zu können, Albisheimer Mennoniten leisteten Fahrdienste nach Kibo, die Jugendgruppe der Weierhöfer kümmerte sich um einen Kindermal- und basteltisch. Kriegsfelder Grundschüler hatten Bilder für die Flüchtlinge gemalt, und nicht zuletzt sei das üppige internationale Büfett mit Kuchen und Herzhaftem genannt. Strahlendes Finale war das Konzert der um Bruno Rörig gruppierten „Rentnerband“, von Mitorganisator Elmar Funk als „hochwirksames musikalisches Antibiotikum gegen Zeitkrankheiten wie Trübsal und Jammeritis“ anmoderiert. Sechs Vollblutjazzer spielten Dixieland und Swing-Standards vom Feinsten wie „Margie“, „Wild Cat Blues“, „Wochenend und Sonnenschein“ bis hin zum Klassiker „Ice cream“. Federnd, pulsierend, sinnlich, durchdrungen, könnerhaft und mitreißend. Ein Fest für die Optimisten im Lande. (fun)