Kirchheimbolanden RHEINPFALZ Plus Artikel Das Rätsel der Rotunde: So läuft es gerade im Terrassengarten

 Die Kaskade, das zentrale Gestaltungselement des Terrassengartens (im Vordergrund), wurde über das große Becken am Ballhaus (ob
Die Kaskade, das zentrale Gestaltungselement des Terrassengartens (im Vordergrund), wurde über das große Becken am Ballhaus (oben) mit Wasser versorgt. Zuvor floss es offenbar durch den in die Stützmauer eingelassenen halbrunden Bau oberhalb.

Ein Jahrhundertprojekt wie die Wiederbelebung des barocken Terrassengartens in Kirchheimbolanden ist vor allem Spurensuche und Puzzlearbeit. Gerade zerbrechen sich Experten über das einstige Aussehen der Rotunde den Kopf. Das hat – buchstäblich – so seine Haken.

Unterhalb des großen Wasserbeckens am Ballhaus wurde diese Rotunde, ein Rondell, in die oberste Stützmauer des Terrassengartens eingefügt. Aber war es ursprünglich, also vor später dokumentierten Umbauten, ein Rundbau, ein kleiner Tempel womöglich? Wie so oft bei dem Projekt Wiederbelebung des barocken Terrassengartens, liefert der Gartenplan von 1759 nur bedingt Aufschluss. Mittlerweile hat man sich im Arbeitskreis Terrassengarten, wo der Bau dieses Jahr gewissermaßen Forschungsschwerpunkt einer eigenen Arbeitsgruppe war, allerdings darauf festgelegt, besser von einer „Exedra“ als von einer Rotunde zu sprechen, also einem nischenartig in eine Mauer eingefügten Bau.

War er überdacht? Da gehen die Theorien zugezogener Spezialisten nach Besichtigungen vor Ort auseinander. Clemens Alexander Wimmer, Experte für historische Gartenanlagen, glaubt nicht daran. Er argumentiert: Mit einem Dach hätte der Schöpfer des Gartens die weite Blickachse vom Ballhaus über die zentralen Gestaltungselemente des Parks bis hinunter zum Schloss und – damals – sogar den Fernblick zur Burg Neubolanden empfindlich gestört. Sein Fachkollege Roland Sommer, der seine Dissertation Grotten-Architekturen widmete, hält eine Überdachung, womöglich aus einem leichten Material, als Schutz des Inneren hingegen für möglich.

Mit Schmuck und Abfallgrube

Aber was war im Inneren dieses halbrunden Bauwerks? Für nähere Untersuchungen wurde ein vermauerter Rundtunnel am Fuß des 5,20 Meter hohen Gebäudes wieder geöffnet. Er diente offensichtlich der Wasserzufuhr. Was – zumal sich auch oberhalb in Richtung großes Wasserbecken ein Schacht fand – vermuten lässt, dass über die Exedra ebenfalls die darunterliegende Kaskade und andere Gartenteile gespeist wurden. Dass es in der Nische selbst eine Art Wasserkunst gab, dafür fanden sich allerdings keine Belege.

Dafür aber zahlreiche Haken, Nägel und andere Verankerungen im Mauerwerk, das durch leicht hervortretende Wandverstärkungen, sogenannte Lisenen, gegliedert ist. Die Befestigungen lassen nach Meinung der Experten auf einen Behang mit Schmuckelementen schließen, wie sie typischerweise für Grotten verwendet wurden. Vermutlich waren sie mit Hilfe eines Netzes als Putzträger an der Mauer befestigt. Für dieses Gedanken-Puzzle sprechen Brocken hier gefundener schwarzer Glasschlacken, aber auch ein paar „Einzelstücke“, wie eine kleine Muschel, ein Amethyst und ein Stückchen blaugrüne Schlacke. Während viele Austernschalen, auf die man ebenfalls stieß, eher Hinterlassenschaften der herrschaftlichen Tafel gewesen sein dürften, denn in die Exedra war auch eine Abfallgrube eingelassen.

Weitere Untersuchungen geplant

„Mangels eigener Unterlagen zum Schmuck des Bauwerkes werden wir später bei der Rekonstruktion wohl erneut auf analoge Beispiele zurückgreifen müssen“, bemerkt Tatjana Fuchs, die Projektverantwortliche im Rathaus. Dabei geht der Blick zum Beispiel in die Schlossanlagen von Bayreuth, wo Säulen komplett mit farbigen Glaselementen überzogen sind. Für Kirchheimbolanden schwebt dem Arbeitskreis jedoch keine barockisierende Lösung, sondern eine freie Wandgestaltung über einen Künstlerwettbewerb vor.

Den derzeitigen Kenntnisstand hat Marc Sattel, der die Sanierung des Rondells plant, über die Exedra erstmal in einer Grafik visualisiert (nach Stand der Diskussion oben offen, ohne Dach), doch braucht es noch einige Untersuchungen im kommenden Jahr, um das Puzzle so gut wie möglich zu vervollständigen, berichtet Tatjana Fuchs. Parallel dazu werde 2024 die Sanierung des großen Wasser-Reservoirs am Ballhaus – einschließlich Artenschutz-Monitoring – vorbereitet und die Untersuchung der Kaskade intensiviert.

Die Visualisierung von Marc Sattel zeigt einen Teil der ersten Terrassenebene mit Beet, Bogengängen sowie der von Rasentreppen g
Die Visualisierung von Marc Sattel zeigt einen Teil der ersten Terrassenebene mit Beet, Bogengängen sowie der von Rasentreppen gesäumten Kaskade und darüber das in die obere Stützmauer eingefügte Rondell.

Spenden wichtige Stütze

Bei der praktischen Umsetzung rückt 2024 die erste Terrassenebene (über der Langen Bahn) ins Blickfeld, zumindest deren Detailplanung mit dem zentralen großen Spiegelbeet, mit Bogengängen, Baumpflanzungen und den beiden Pavillons als seitlichen Abschlüssen. Der Zuschussantrag dafür sei beim Land gestellt, berichtet Fuchs. Die Stadt vertraue aber auch weiterhin auf die großherzige Unterstützung des Projektes durch die Bürger. Diese haben zuletzt dafür gesorgt, dass von den 278 kostenträchtigen Eisenguss-Balustern, die als Geländer auf dieser Ebene benötigt werden und zu einem Gutteil bereits montiert sind, nur noch 30 einen Paten suchen.

„Wir wollen künftig aber auch Spendenmöglichkeiten für kleinere Geldbeutel anbieten, zum Beispiel für die Beet-Bepflanzung“, kündigt Tatjana Fuchs an. Nicht zuletzt soll eine Neuauflage der Broschüre über den Terrassengarten, in der beteiligte Fachleute Geschichte, Forschungsstand und Umsetzung erläutern, Kerchems Jahrhundertprojekt weitere Unterstützer gewinnen. Alle bisherigen Stifter sollen darin ebenfalls genannt werden. Dank finanzieller Unterstützung durch die Zukunftsinitiative Westpfalz wird es diesmal auch eine englische Version geben.

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