Göllheim RHEINPFALZ Plus Artikel Das Nötige zur rechten Zeit sagen

Jörn Wilhelm kürzlich bei einer ersten Lesung aus seinem Buch im Kirchheimbolander Irish Pub Connemara.
Jörn Wilhelm kürzlich bei einer ersten Lesung aus seinem Buch im Kirchheimbolander Irish Pub Connemara.

„Landung im Schatten des Donnersbergs“: Wenn Jörn Wilhelm dem dritten Band seiner Lebenserinnerungen einen solchen Titel gibt, sollte man schon genau hinsehen. Man wird beim Lesen bald merken, dass er bewusst von „Schatten“ spricht und damit sicher den Ort meint, in dem er 1972 seine erste Stelle als Landpfarrer angetreten hat: Göllheim.

Das Buch beginnt mit dem quälenden Traum Wilhelms, im Gottesdienst plötzlich von einer Sprechlähmung befallen zu sein, die den Prediger verstummen und es im Kirchenraum anhaltend still werden lässt. Die Leute sind gleichwohl freundlich und geduldig, und sie verlassen die Kirche, als wäre alles wie immer gewesen. Das Quälende bleibt, die Angst, „das Richtige nicht zur rechten Zeit sagen zu können“. Der „Opener“ sendet Signale an den Leser aus, dass das Buch über die Landung des damals 28-Jährigen Theologen in Göllheim von einer konfliktträchtigen Zeit handeln wird

Konnte das denn gut gehen? Sein Vorgänger Pfarrer Klaus Enders bereitete seine Gemeinde schon mal vor auf einen, der noch roter sei als er selbst. Wer Jörn Wilhelm, der heute in Steinbach lebt, mit den ersten beiden Bänden seiner Lebenserinnerungen bis hierher gefolgt ist, der weiß um seinen großstädtisch-hanseatischen Hintergrund, seine literarische Prägung – und um sein politisches Herkommen aus der Studentenbewegung und deren Aufbegehren gegen die Elterngeneration und ihr Beschweigen und Beschwichtigen der NS-Zeit. Und der weiß: Dieser Geistliche, der das soziale und freiheitliche Bekenntnis der Jugend seiner Zeit und ihr Eintreten für soziale Gerechtigkeit im Evangelium verbürgt und dort als Auftrag formuliert sieht, scheut nicht Konflikt und Provokation. Entsprechend unverblümt schreibt er auch über das Erlebte und die Menschen auf seinem Weg.

Frühes Aufkeimen handfester Konflikte

Ein hartes Aufeinandertreffen, denn natürlich ist der Muff der tausend Jahre, den Wilhelm früh wittert an seiner neuen Wirkungsstätte, noch nicht verweht. Die Kriegsgeneration sitzt im Sattel zu dieser Zeit und ist an Unruhe wenig interessiert. Da wird der Neue auf der Kanzel früh als Störenfried, bald auch als „Kommunist“ identifiziert. Dass er gleich als Geburtshelfer einer Juso-Ortsgruppe auftritt, sorgt schon für Zündstoff, nicht minder die Predigten, die Themen der Zeit aufgreifen wie den Vietnam-Krieg, die Ausbeutung der Dritten Welt. Sein Eintreten für die SPD sorgt nach seiner Schilderung für eine weitere ortspolitische Eskalationsstufe.

Manches fällt dem engagierten Pfarrer auch auf die Füße. Ein Theaterauftritt etwa, angeregt vom Antirassismusprogramm des Weltkirchenrates, beschert Göllheim einen veritablen Bühnenskandal. Den für die Aufführung vorgesehenen Raum im „Weißen Ross“ befand die von Wilhelm engagierte Compagnie aus Frankfurt für zu eng, der Bitte um Umzug in die Kirche kam Wilhelm nach. Später sorgte nicht die politische Botschaft des Stückes, das Kolonisation und Sklavenhandel in Afrika anprangerte, für Ärger, sondern die Tatsache, dass als Sklavinnen besetzte Schauspielerinnen im Kirchenraum oben ohne auftraten.

Bald folgten ganz handfeste Konflikte. In einen zähen Dauerstreit mit Ortschef Hans Appel und seinem Rat geriet der junge Pfarrer etwa dadurch, dass er dem politischen Druck der stetig wachsenden Ortsgemeinde, den evangelischen Kindergarten zu erweitern, mit seinem Presbyterium nicht nachkam und stattdessen der Gemeinde den Bau einer kommunalen Kita empfahl. Ein Konflikt mit grundsätzlichen Zügen, der sich wiederholen sollte und in dem Wilhelm nach seiner Schilderung die Gegenseite mit vielen Tricks am Werk sah. Später kam die kommunale Kita, doch hatte Wilhelm Ende der 80er Jahre das neuerliche Aufkeimen des Themas zum Anlass genommen, sein Wirken in Göllheim zu beenden.

Intervention beim Landeskirchenrat

Wie extrem sich die Spannungen zwischenzeitlich zugespitzt und aufgeheizt hatten, verdeutlicht die Intervention der Ortsgemeinde 1976 beim Landeskirchenrat, Wilhelm als Pfarrer aus Göllheim abzuberufen – wozu es nicht kommen sollte. Im Dekanat zumindest konnte Wilhelm sich unterstützt sehen von Dekan Werner Schramm – später Präsident der pfälzischen Landeskirche –, der zumeist die schützende Hand über ihn hielt. Besonders im Fokus Wilhelms stand damals die Jugendarbeit, auch das kritisch beäugt. Offenbar verstand es Wilhelm, eine aufnahmebereite Jugend zu begeistern – in Interviews mit damaligen Gruppenmitgliedern lässt er von heute aus die lebendige, inspirierende Stimmung der damaligen Arbeit anklingen.

Auch dieser dritte Band ist weder ein reines Erinnerungsbuch noch etwa ein Rechenschaftsbericht. Er verklammert Gegenwart und Vergangenes, indem Betrachtungen aus der Jetztzeit eingestreut, Zeitzeugen befragt, Zusammenhänge nachrecherchiert, Lebenskrisen während des Schreibens eingeflochten werden. Privates wird nicht ausgeklammert, auch persönliche Tragödien. Tief anrührend ist Wilhelms Bericht über eine Reise per Anhalter durch Schottland und Irland, unternommen mit seinem Sohn Knut – der später schwer erkranken und sich das Leben nehmen sollte.

Der Autor nimmt das Stöbern in der eigenen Erinnerung auch zum Anlass, manches nachträglich zu klären, etwa das Schicksal einer früheren Kirchendienerin. Akribisch hat er recherchiert, wie es zu ihrer Zwangssterilisation im Dritten Reich gekommen ist und wer dafür verantwortlich war. In vielem berührt sich dabei sein Buch mit der Schürfarbeit eines Peter Roos in der Göllheimer Vergangenheit, seiner eigenen und der davor, die er in einer RHEINPFALZ-Serie anhand der Lebenserinnerungen des Zeitzeugen Helmut Janson nachvollzogen hat.

Generationenkonflikt im Dorfformat

Das Buch lebt vom Erzähltalent Wilhelms, aber auch davon, dass er etwas zu sagen hat und Gegenwärtiges vom Standpunkte seiner politischen Sozialisation zu beleuchten vermag, auch wenn die aus ganz anderen Polarisierungen hervorging. So nehmen etwa Wilhelms tief nachhallende Erinnerungen an die großen Friedensdemos zur Zeit der Nachrüstungsdebatte Anfang der 80er Jahre breiten Raum ein, die 300.000 Menschen, die in den Bonner Hofgarten drängten, die unvergessene Demonstration in Rockenhausen gegen das Rekrutengelöbnis 1982 auf dem Gelände der Firma Keiper. Das erhält große Aktualität in einer Zeit, in der wieder Krieg geführt wird und man das Friedenschaffen den Waffen überlassen möchte – worin Wilhelm heute die Proteststimme der Jugend vermisst, die damals so unüberhörbar war.

Und natürlich ist dieses Buch ein Zeitzeugenbericht, in dem ein „68er“ auf dem Lande den Generationenkonflikt seiner Zeit, der zuvor in den Studentenunruhen Metropolen erschüttert hat, im Kontext eines Dorfes beschreibt.

Zum Autor

Jörn Wilhelm wurde 1944 in Waren am Müritzsee geboren und ist in Hamburg aufgewachsen. Theologie hat er studiert in Erlangen und Heidelberg. Nach dem Vikariat in Oggersheim war er von 1972 bis 1989 Pfarrer in Göllheim. Nach zehn Jahren als Schulpfarrer an der Berufsschule Kaiserslautern war er bis zur Pensionierung 2010 Pfarrer in Imsbach. Er lebt heute mit seiner Frau in Steinbach. Von seinen Lebenserinnerungen liegen bislang die Bände „Wildenten sah ich fliegen“ und „Mit ausgebreiteten Flügeln“ vor. Zuletzt hat er Robin Flowers Buch „Die westliche Insel“ übersetzt und auf Deutsch herausgegeben.

Lesezeichen

Jörn Wilhelm: Landung im Schatten des Donnersbergs. Erinnerungen eines Landpfarrers. Bd. III. Books on Demand 2022. 424 S. 16,99 Euro.

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