Donnersbergkreis „Darf ich Mama zu dir sagen?“

Hier sind es Flüchtlinge aus Eritrea, mit denen Karl und Wiltrud Ritterspach arbeiten (im Uhrzeigersinn): Dejen Mihreteab, Yonas
Hier sind es Flüchtlinge aus Eritrea, mit denen Karl und Wiltrud Ritterspach arbeiten (im Uhrzeigersinn): Dejen Mihreteab, Yonas Tesheme und Johannes Hadishalam.

«Orbis.» Wie praktisch, dass bei Wiltrud und Karl Ritterspach die Wohnräume im Erdgeschoss liegen. Bekannte klopfen schon mal ans Fenster, um Neuigkeiten auszutauschen, gestrandete Kinder, die den Schulbus verpasst hatten und im Regen standen, wurden von innen erspäht und ins Warme reingeholt. Und aus dem Fenster heraus ist sogar eine Freundschaft entstanden: Junge Flüchtlinge, hilflos an der vorm Haus liegenden Bushaltestelle gestikulierend, bekamen zu hören: „Kommt erst mal rein“. Ungefähr drei Jahre ist das schon her. Seit der ersten Begegnung herrscht im Hause Ritterspach reges Kommen und Gehen. Acht Syrer waren es damals – der jüngste war erst 16 Jahre –, von denen mittlerweile einige beruflich Fuß gefasst haben und nicht mehr in Orbis wohnen, aber gern mal wieder zu Besuch kommen. Zurzeit sind drei junge Männer aus Eritrea mehrmals in der Woche da. Auf dem Tisch wird Schreibzeug ausgebreitet und das Ehepaar vertieft sich in Hausaufgaben. „Uns macht das Spaß“ „Müssen Sie sich das noch antun, in Ihrem Alter?“, werden sie beim Besuch der RHEINPFALZ gefragt. Immerhin ist Wiltrud Ritterspach kürzlich 80 geworden, ihr Mann Karl steuert auf seinen 85. Geburtstag zu. Übereinstimmende Aussage mit lachenden Gesichtern: „Uns macht das Spaß.“ Als die jungen Syrer damals mitleidig ins Haus gebeten wurden, konnte niemand ahnen, was sich daraus entwickeln würde. Mit ihren Fragen an der Bushaltestelle nach „Bass, Bass“ hatte Frau Ritterspach nichts anfangen können, erst die herbeigerufene Enkelin Kerstin sah dank ihrer Englischkenntnisse klar: „Die fragen nach dem Bus.“ Im Haus dann ergab sich alles wie von selbst. Dankbar nahmen die jungen Leute das Angebot an, sich zu melden, wenn sie mit irgendetwas nicht weiterkommen, Hilfe brauchen. Also kamen sie mit Fragen zu ihren Hausaufgaben und auch mit alltäglichen Problemen. Nach und nach wurden die Kontakte intensiver, persönlicher. Bis irgendwann gefragt wurde: „Darf ich Mama zu dir sagen?“ Vor eineinhalb Jahren sind die Syrer abgelöst worden von jungen Männern aus Eritrea, die genau so dankbar sind für die vielfältigen Hilfestellungen der Ritterspachs. Auch sie sind in einer von der Verbandsgemeinde Kirchheimbolanden angemieteten Wohnung in Orbis untergebracht, und die halten sie auch schön in Ordnung, hat „Mama Ritterspach“ schon festgestellt. Dass es mit Flüchtlingen im Ort keinerlei Probleme gibt, ist auch von Ortsbürgermeister Peter Schmitt zu hören. Dem Hausmeister des Wohnhauses hätten sie schon bei einigen Tätigkeiten geholfen, erzählt er sichtlich zufrieden. Hausaufgaben geduldig überwacht Wie sieht nun die Hilfe aus, mit der die Ritterspachs ihren Schützlingen durchs Dickicht der deutschen Sprache helfen? Immer wieder verbessern, korrigieren, sagt sie mit Nachdruck. Es gibt so viele unverständliche Ausdrücke, da heißt es dann: „Mama, erklär’ bitte“. Die Hausaufgaben fürs Christliche Jugenddorf in Kirchheimbolanden, wo die jungen Leute in Integrationskursen fit gemacht werden für eine berufliche Zukunft, werden geduldig überwacht und nicht zuletzt auch über Bewerbungsschreiben gebrütet, die die Jungs im Unterricht beim CJD schreiben lernen. Auch Ritterspachs ehemalige Schützlinge melden sich hin und wieder, ob aus Koblenz oder Kaiserslautern: Die familiären Kontakte bleiben. Immerhin haben sie gemeinsam einiges durchgestanden, Probleme besprochen, zusammen Geburtstage gefeiert und auch über Glaubensfragen diskutiert. Trotz seines Alters wird das alles dem Ehepaar nicht zu viel. Im Laufe ihres Lebens haben sie beide in ihrem Heimatdorf Orbis für die Allgemeinheit einiges geleistet. Wiltrud Ritterspach war zwei Jahrzehnte Vorsitzende des Landfrauenvereins, hat maßgeblich bei der Erstellung der Ortschronik und beim Aufbau des Geschichtswegs Pfalz-Rheinhessen mitgewirkt und ist auch heute noch Vorsitzende des deutsch-französischen Freundschaftskreises Grand Couronne Lothringen, in den auch Morschheim und Oberwiesen eingebunden sind. Nicht zuletzt durch ihren reichen Fundus an Aufzeichnungen ihres Vaters Wilhelm Schneider, der jahrzehntelang Ortsbürgermeister von Orbis war, gilt Wiltrud Ritterspach als Geheimtipp für Leute, die Ahnenforschung betreiben. Da hat sie oft genug schon Anfragen aus Amerika oder Kanada beantwortet. Für Engagement ausgezeichnet Die Ortsgemeinde Orbis hat Wiltrud Ritterspach für ihr vielfältiges Engagement bereits mit der goldenen Ehrennadel ausgezeichnet, Karl Ritterspach erhielt die bronzene Ehrennadel, weil er all die Jahre zur Stelle war, wenn er gebraucht wurde. Für beide ist es allerdings der schönste Dank, wenn ihre jungen Schützlinge auf die Frage, wo sie so gut Deutsch gelernt haben, antworten: „Bei unseren Eltern in Orbis.“

x