KIRCHHEIMBOLANDEN
Corona bremst Residenz-Renner aus
Sein Vorschlag war bei der Stadtratsitzung im Juli fraktionsübergreifend gut angekommen: Ein Jahr lang, so stellte es sich Stadtbürgermeister Marc Muchow vor, sollte der Residenz-Renner kostenlos im Stadtgebiet unterwegs sein. Während dieser Zeit wollte man die Nutzung prüfen, also die Fahrgäste zählen und befragen, und am Ende darüber beraten, ob die Stadt das Busangebot fortführen sollte und wie. Doch das Problem liegt auf der Hand: „Dank der Ausgangsbeschränkungen sind natürlich kaum Menschen unterwegs, und wenn, dann nutzen sie auch aus Angst vor Ansteckung vorzugsweise die eigenen Autos“, so Muchow. Es wäre also zwangsläufig zu sehr geringen Nutzungszahlen gekommen, aber „das hätte ja überhaupt keine Aussagekraft!“.
Dass nun aber derzeit gar kein Renner mehr im Stadtgebiet unterwegs ist, hat einen einfachen Grund: Zum Fahrplanwechsel im Dezember wurde der Verkehr vom bisherigen Betreiber, dem Fuhrunternehmen Krauß, wegen der überaus schlechten Nutzung eingestellt.
Belastbare Fahrgastzahlen sind nötig
In diese Lücke wollte die Stadt einspringen und den Bus, so war der Plan, ab Dezember ein Jahr lang kostenlos „rennen“ lassen. Krankenhaus, Einkaufsmärkte, Arztpraxen, Bahnhof – alle markanten Punkte in der Stadt, zu denen der Bus oftmals völlig ohne Fahrgäste unterwegs war, hätten auch in dieser Zeit angesteuert werden sollen. Für die Mitfahrer allerdings dann völlig kostenlos. „Für uns ist es aber ausschlaggebend, dass wir belastbare Zahlen über die Nutzung bekommen“, so Muchow. Und die seien in Pandemie-Zeiten nun mal nicht zu erwarten. „Aus diesem Grund haben wir uns schweren Herzens dazu entschlossen, das Ganze zu verschieben“.
Dabei sei man bereits startklar. Wenn endlich „wieder Normalität absehbar ist“, könne man den Betrieb schnell aufnehmen, so Muchow. Alle Hausaufgaben seien bereits erledigt. So sei man im Gespräch mit geeigneten Fuhrunternehmen, und auch mit der Kreisverwaltung, die für den Öffentlichen Personennahverkehr zuständig ist, habe man sich bereits über den Fahrplan abgestimmt.
Tickets als zu teuer kritisiert worden
Der Residenz-Renner ist ein Niederflurbus und damit auch für Menschen mit Gehbehinderungen, Rollatoren oder Kinderwagen bequem nutzbar. Warum die Nutzung des Busses so „unterirdisch“ war, wie Muchow es nennt, ist nicht ganz klar, allerdings war von Fahrgästen der Preis von 2,10 Euro für das Einzelticket und von sieben Euro für die Tageskarte öfter als zu hoch kritisiert worden.
Warum eine Preissenkung für die Fahrten nichts bringen würde, hatte der Stadtbürgermeister bei der Stadtratsitzung im Juli erläutert: Da die Stadt Teil des VRN-Tarifgebietes und in Tarifstufe eins eingeordnet ist, würden bei einem Wechsel in die Tarifstufe null die Einzelfahrten zwar nur noch 1,70 Euro kosten. Die VRN würde sich diesen Einnahmenausfall aber von der Stadt ersetzen lassen. „Wir reden hier von geschätzten Kosten von 10.000 bis 15.000 Euro jährlich für die Stadt“, so Muchow im Juli. Muchow betrachtet den Renner allerdings als wichtige Ergänzung zu den regulären Linienbussen in der Stadt und möchte ihn deshalb unbedingt behalten. Er präsentiert daher als Idee, dass der Bus von der Stadt selbst beauftragt wird, und will die Fahrten für die Fahrgäste komplett kostenfrei gestalten. Man würde keine Tickets verkaufen und hätte daher auch keinen Verwaltungsaufwand.
Fahrplan von der Stadt beeinflussbar
Fahren sollte der Bus immer von Montag bis Freitag zwischen 8.30 und 18 Uhr. Das sei zwar keine Luxusversorgung, aber jemand ohne Auto könnte in dieser Zeit seine wichtigen Angelegenheiten erledigen. Natürlich sei der Fahrplan auch von der Stadt beeinflussbar – „wir bezahlen die Musik ja schließlich auch“ – hatte Muchow das Vorhaben im Stadtrat angepriesen, man könne sogar an für die Samstage über einen „Nachtschwärmerbus“ nachdenken.
Eine erste Kostenschätzung hatte ergeben, dass man für den Residenz-Renner-Einsatz unter der Woche mit rund 50.000 Euro jährlich rechnen müsse, inklusive Wochenendangebot mit rund 57.000 Euro pro Jahr.
Zahlreiche positive Rückmeldungen aus der Bevölkerung habe er zu dem Vorschlag erhalten, so Muchow. Das mache natürlich auch Mut, das Stadtbus-Projekt trotz dieser schwierigen Coronaphase weiter anzuvisieren. „Ich habe den Eindruck, die Sache könnte gut werden“, so der Bürgermeister. Sogar ein ausgefeiltes Marketingkonzept liege bereits vor. Aber dazu will Muchow vorerst noch schweigen. Zumindest bis absehbar ist, wann der Renner wieder unterwegs sein wird, um hoffentlich dann auch mehr als nur Luft zu transportieren.