Kirchheimbolanden
Braucht die Stadt ein Haus der Jugend? Stadtrat soll Jugendarbeit grundsätzlich überdenken
Ende April wurde entrümpelt – sämtliche Möbelstücke und alles andere, was sich noch so fand, wurden abtransportiert aus dem Gebäude in der Marnheimer Straße, das bis dahin das Haus der Jugend beherbergt hatte. Zugegeben: Natürlich befand sich jene Einrichtung seit Monaten im Standby-Modus, pandemiebedingt war sie seit mehr als einem Jahr dicht. Mitte Dezember nun wurde der Stadt das Mietverhältnis zum nächstmöglichen Zeitpunkt gekündigt – vertragsgemäß zum 30. Januar 2022. An dem Standort soll stattdessen ein Bürogebäude entstehen.
Der Eigentümer hätte es allerdings gerne gesehen, dass die Stadt so schnell wie möglich den Weg frei gibt. Der Stadtvorstand – Stadtbürgermeister Marc Muchow und seine Beigeordneten – beschloss, diesem Wunsch nachzukommen, da er auch für die Stadt vornehmlich Vorteile in einer schnellen Lösung sah: Seit Monaten werde Miete gezahlt, ohne dass das Haus der Jugend öffnen kann, und das könne ja nun noch eine ganze Zeit so weitergehen. Und so einigte man sich nun auf ein finanzielles Entgegenkommen des Eigentümers, die Stadt habe nur bis Februar Zahlungen geleistet, bis Ende April habe der Bauhof ausräumen können, berichtet Stadtbeigeordneter Jamill Sabbagh. „Wir waren natürlich zuversichtlich gewesen, dort länger bleiben zu können“, sagt Sabbagh, „der Bauhof hat dort viel Arbeit geleistet“ – erst im Mai 2019 war das Haus der Jugend aus der Amtsstraße in die Marnheimer Straße gezogen.
Jahnturnhalle steht als Interimslösung bereit
Als Übergangsquartier fürs derzeit heimatlose Haus der Jugend könnte in Teilen die Jahnturnhalle dienen. Die sei mit dem Landesjugendamt auch schon begutachtet und für okay befunden worden, schildert Sabbagh. Es seien weitere Objekte besichtigt worden, zeitweise habe man das frühere Gebäude der Tischlerei Holzmann favorisiert – die Architektenschätzung in Höhe von 300.000 Euro für die Umgestaltung zu einem Jugendhaus habe den Plan aber zunichte gemacht. „Außerhalb jeglicher Möglichkeit für die Stadt“, befindet denn auch Muchow.
Doch die Frage, die Muchow, Sabbagh sowie ihre Mitstreiter Michael Ruther und Birgit Dall gerne aufs Tableau bringen würden, ist von viel grundsätzlicherer Natur als die nach einem potenziellen neuen Standort. Vielmehr sehen sie die Situation als „historische Chance“, wie Muchow es ausdrückt, um die Jugendarbeit in der Stadt insgesamt zu überdenken und womöglich auf neue Füße zu stellen.
Muchow: Einrichtung deckt den Bedarf nicht
Denn eines sei klar, sagt der Stadtbürgermeister: „Bedarf für Jugendarbeit gibt es.“ Einzig, dieser Bedarf werde „mit dem Haus der Jugend nicht gedeckt“. Zuletzt hätten „maximal zehn Jugendliche“ die Einrichtung besucht. „Die Kosten waren enorm, aber die Akzeptanz bei den Jugendlichen minimal.“ Muchow befindet: „Im Grunde war es doch immer Gewissensberuhigung, im Stadtrat ständig zu sagen, wir machen mal noch ein Jahr weiter und schauen dann mal.“
Ein Grundgedanke: Die Jugendarbeit müsse zu den Jugendlichen kommen, nicht umgekehrt. Noch sammle man Ideen, über die dann der Stadtrat befinden solle, berichtet Sabbagh. Ob ein Streetworker – ein Straßensozialarbeiter – ein Thema für Kirchheimbolanden sein könnte, werde geprüft, gemeinsam mit dem CJD, dem Träger des Jugendhauses. Eine höhere Akzeptanz der Jugendarbeit erhofft sich Muchow auch dadurch, die Jugendlichen in den Entscheidungsprozess einzubinden. Ein Jugendparlament etwa könnte einberufen werden – eine Idee, die es Anfang des Jahrtausends in der Kleinen Residenz schon einmal gegeben hatte. Erster Ansprechpartner für alles, was da kommen mag, soll „als langjähriger Partner“ das CJD bleiben, unterstreicht der Stadtbürgermeister. Der Vertrag mit dem Christlichen Jugenddorfwerk läuft zunächst bis Jahresende.
Bedenken wegen Fördergeld
Während Muchow davon spricht, „die Jugendarbeit völlig auf den Kopf zu stellen“, und die Raumkündigung gerne als Katalysator dafür genutzt wüsste, meldet vor allem die „Wir für Kibo“-Stadtratsfraktion Bedenken an. Thomas Bock erinnerte in der Sitzung des Ausschusses für Soziales, Generationen und Ehrenamt daran, dass die Jugendarbeit im Haus der Jugend durch ein Landesprogramm gefördert werde, das es nicht mehr gebe und bei dem Kibo Bestandsschutz genieße – womit es seiner Auffassung nach vorbei wäre, wenn gar keine Räumlichkeiten für die Jugendarbeit mehr zur Verfügung stünden. Sabbagh, im Stadtvorstand federführend mit dem Projekt betraut, sieht dies anders.
Selbst bei einer befristeten Unterbringung in der Jahnturnhalle über Sommer bleibe nun nur noch ganz wenig Zeit, um darüber zu befinden, ob das Haus der Jugend denn nun weitergeführt werden soll oder nicht, mahnte Bock zudem. „Da hätte ich erwartet, dass man bis Januar 2022 in den bisherigen Räumen bleibt“, kritisierte er. „Jetzt stehen wir unter Zeitdruck.“ Stadtbeigeordneter Michael Ruther warf Bock in der Ausschusssitzung Polemik vor, aber: Zeit verloren werden soll auch nicht. Schon bei der Sitzung am 12. Mai sollen mit dem Stadtrat laut Sabbagh die Optionen diskutiert werden.