SOMMERREDAKTION
Brand- und Katastrophenschutz geprägt vom „notwendigen Minimum“
„Wir haben bei den Fahrzeugen einen Erfüllungsgrad von unter 50 Prozent. Das heißt, von dem, was wir bräuchten, um unsere Aufgaben so wahrzunehmen, wie der Gesetzgeber das vorsieht, ist die Hälfte an Material gar nicht da“, sagt Rossel, der die Dinge beim Namen nennt und eine klare Sprache spricht. „Das ist schon sehr gravierend. In dem Bericht wird deutlich, dass der Brand- und Katastrophenschutz hier im Landkreis in den letzten 20 Jahren totgespart wurde.“
Mit dem Bericht, den Rossel hier anspricht, ist der „Bedarfs- und Entwicklungsplan 1.0 der überörtlichen Gefahrenabwehr und des Katastrophenschutzes für den Donnersbergkreis“ gemeint, der kürzlich im Kreisausschuss vorgestellt wurde. Da fällt auf vielen Seiten die Ampelfarbe Rot auf, wo Ist- und Sollzustände verglichen werden. Der Eindruck, dass da viel zu tun ist, wird von Rossel nachdrücklich bestätigt.
Im Vergleich zu anderen Landkreisen sei der Brand- und Katastrophenschutz im Donnersbergkreis geprägt vom „notwendigen Minimum“. Im strukturell vergleichbaren Landkreis Birkenfeld etwa werde ein Erfüllungsgrad von gut 80 Prozent erreicht. Es gehe also auch anders. Leider hätten selbst Großereignisse nicht dazu geführt, die Schlagzahl bei der Beschaffung von Ausrüstung zu erhöhen. „Selbst die Sprünge, die nach den Unwettern 2014/15 angekündigt wurden, wurden nie gemacht“, blickt Rossel eher ernüchtert zurück. Der politische Wille, so sein Eindruck, sei lange Zeit nicht dagewesen.
Manches Einsatzfahrzeug privat untergebracht
Auf die Frage, was das Dringendste sei, spricht Rossel die Unterstellmöglichkeiten für Einsatzfahrzeuge an. „Wir kriegen ja dieses Jahr noch mindestens zwei Einsatzfahrzeuge, in den nächsten acht Wochen sind die da, und bei einem davon weiß ich noch gar nicht, wo ich es hinstellen soll, weil wir gar nicht die Räumlichkeiten haben. Wir haben auch jetzt schon Fahrzeuge, die irgendwo auf einem Hof im Freien stehen.“ Bei der WVR stehe ein Fahrzeug, auch Blechhütten, Unterstände auf Bauernhöfen wurden schon angemietet. Es gebe Anforderungen, wie solche Fahrzeuge mit hochwertiger und vor allem sicherheitsrelevanter Ausstattung unterzustellen sind. „Ich kann die nicht einfach so auf einem Parkplatz abstellen.“ Mancher Mitarbeiter müsse mal ein Auto mit nach Hause nehmen und in seiner Garage unterbringen.
Dass im Brand- und Katastrophenschutz auch Material bei Mitarbeitern zu Hause gelagert werden muss, hatte Landrat Guth schon unlängst angeprangert. Rossel bestätigt diesen Sachverhalt, das treffe auf Fahrzeuge zu, auf Rollwagen und ähnliches. „Der Feuerwehrmann ist ja eher die Persönlichkeit, die versucht alles möglich zu machen, und da nimmt man das auch mal in Kauf“, gibt Rossel zu verstehen. Die Folge: „Was aus den Augen ist, ist auch aus dem Sinn.“
Farbe Rot prägt Ist- und Soll-Vergleiche
Die Farbe Rot prägt auch andere Seiten in diesem Konzept, etwa jene, auf denen es um die fristgerechte Erreichbarkeit von Einsatzorten bei speziellen Einheiten geht. Um „auf der sicheren Seite“ zu sein, wäre ein Erfüllungsgrad von 80 Prozent geboten. In mehr als der Hälfte der Fälle solcher Einsatzmittel – vom Gerätewagen für Atemschutz bis hin zur Messtechnik – wird dieser Wert weit unterschritten, beim Gerätewagen Gefahrgut liegt er nur bei 40 Prozent. „Ich glaube auch nicht daran, dass wir die 100 Prozent erreichen werden, das kann ich mir nicht vorstellen. Momentan ist aber die Schere zu weit auseinander.“
Rossel wirbt da auch bei den Wehrleitern, die die Situation am besten kennen, um die Bereitschaft, das bei der Politik anzuprangern. Er sage ihnen: „Es bringt nichts, wenn Ihr das wisst und es mit nach Hause nehmt.“ Die Politik müsse das Gesamtbild kennen, um für sich klar entscheiden zu können. Letztlich sei der Politiker derjenige, der sagen könne, welche Risiken man in Kauf nehmen wolle. „Es kann nicht sein, dass das der Wehrleiter entscheidet oder ich als Kreisfeuerwehrinspekteur“, betont Rossel die Verantwortlichkeiten.
„Personell ist es noch okay“
Auf die Frage, wie hoch der Investitionsstau zu veranschlagen sei, reagiert Rossel zurückhaltend, zumal der Plan wichtige Aspekte wie die Personal- und Gebäudesituation noch ausblendet. Eine mittelfristige Investitionsplanung für Fahrzeuge und Ausrüstung kommt immerhin bis 2025 auf eine Summe von rund vier Millionen Euro. Rossel verweist aber beispielhaft – und um Größenordnungen sichtbar zu machen – auf die neue Rettungswache in Alzey, die Aufgaben des dortigen Landkreises mit übernimmt, und die 15 Millionen Euro gekostet habe, wovon ein Drittel auf den Landkreis entfalle.
Beim Personal sage ihm sein Bauchgefühl, dass es da nicht die großen Probleme gebe, so Rossel. „Personell ist es noch okay.“ Da stehe man in manchen Bereichen sogar sehr gut da. Zur Frage der zunehmenden Hauptamtlichkeit – mit ihm selbst hat der Kreis erstmals einen hauptamtlichen Kreisfeuerwehrinspekteur, sein Stellvertreter Christian Füllert ist in Winnweiler der erste hauptamtliche Wehrleiter – geht er von weiteren Entwicklungen in dieser Richtung aus. Inzwischen seien bis auf Winnweiler alle Wehrleiter neu gewählt. Auch da kann man diese Tendenzen erkennen. „Wehrleiter, die ansonsten einem ganz anderen Beruf nachgehen, gibt es immer weniger.“ Manche sind hauptamtliche Gerätewarte oder bei Berufsfeuerwehren tätig. Bei der Gerätewartung werde man noch größere Schritte gehen müssen – auch zur Entlastung des Ehrenamtes. Es könne nicht sein, dass Ehrenamtler damit zusätzlich belastet werden, „das ist nicht zeitgemäß und auch nicht wertschätzend.“ An der ehrenamtlichen Prägung des Brand- und Katastrophenschutzes werde sich aber nach seiner Einschätzung nichts ändern.
„Herzensangelegenheit von Landrat Guth“
Mit der Personalausstattung in seinem Referat ist Rossel zufrieden. Sechs Mitarbeiter auf fünf Stellen seien an Bord und schüfen Spielräume für vorbeugenden Brandschutz – Gutachten Überprüfungen, Beratungen. Rückstände aus der Zeit, als er selbst die Arbeit des brandschutztechnischen Bediensteten noch miterledigen musste, gebe es nicht mehr. Das sei eine Herzensangelegenheit von Landrat Guth, der auch insgesamt gleichwertige Lebensbedingungen für Stadt und Land auch beim Brand- und Katastrophenschutz sehen möchte und daher offensiv an das Thema herangehe, würdigt Rossel die Haltung Guths.
Voran geht es mit dem Bau einer SEG-Halle in Rockenhausen. Von dem sich seit Jahren verzögernden Bau einer neuen Rettungswache in Winnweiler gebe es aber noch nichts Neues, „da sind wir dran“. Das liege daran, dass zum neuen Rettungsdienstgesetz die Ausführungsbestimmungen noch ausstehen. Verzögerungen seien hier auch Corona geschuldet.
Referat zieht um
Momentan ist das Referat Brand- und Katastrophenschutz im Umzug. Mit dem Gesundheitsamt ziehen Christian Rossel und seine Mitstreiter in Räume, die bei der Firma Femeg in Kibo angemietet wurden. Ende August soll das vollzogen sein.
Das ist zunächst der räumlichen Enge im Kreishaus geschuldet, der Kreisfeuerwehrinspekteur geht aber davon aus, dass sein Referat nicht mehr ins Kreishaus zurückkehren wird, wenn sich dort die räumliche Situation verbessern sollte. „Wir werden sicher in Räume gehen, die für den Brand- und Katastrophenschutz neu zu schaffen sind“, so Rossel. Die Nähe zum Material sei dafür ausschlaggebend.
Rossel verweist, um das zu erläutern, auf die anstehende Beschaffung eines Einsatzleitwagens 2 – ein großes mobiles Kontrollzentrum, ein fahrender Funk- und Serverraum, mit dem vor Ort die Einsätze geführt werden können. Dafür seien im kommenden Haushalt bereits 400.000 Euro reserviert. Ein solches Fahrzeug müsse jeder Landkreis haben, es sei aber bislang hier nie vorhanden gewesen. Das Fahrzeug sei sehr wartungsintensiv, häufig seien Updates fällig, „da wäre es nicht sinnvoll, wenn ständig jemand rausfahren muss“.