Donnersbergkreis
Besondere Orte: Haus in Kirchheimbolanden war schon Remise, Obsthof und Radhaus
Noch steht es allein gegenüber der Schlossgartenmauer, das Haus Nr. 35 auf der anderen Seite der Neumayerstraße. Doch sobald im Neubaugebiet „Am Schlossgarten“ die Bauarbeiten beginnen, wird es auf drei Seiten von Häusern umgeben werden. Es ist zur Zeit das Wohnhaus der Familie Kaschig mitsamt dem Fahrradgeschäft von Hartmut Kaschig, „Das Radhaus“.
Von der Form her handelt es sich um einen sogenannten „Dreiseithof“, da es von oben wie ein breites „U“ aussieht. Nach Aussage von Andrea Bruns vom Amt für Denkmalschutz in der Kreisverwaltung ist das Gebäude seit 2018 als ein Teil der Denkmalzone Schlossgarten anerkannt, eine endgültige Bewertung durch das Landesamt für Denkmalpflege in Mainz steht allerdings noch aus. Die Außenfassade – Sandstein, gelbe Klinker und Fachwerk – sowie das Dach – spezielle Tonziegel, zum Teil gefärbt und als Muster verlegt – stehen im besonderen Fokus des Denkmalschutzes.
Heinrich Brunck, Technischer Direktor der BASF in Ludwigshafen und seit 1889 Eigentümer des Kirchheimbolander Schlosses nebst Schlossgarten und Ballhaus, ließ das Haus 1896 bauen. Es gehörte zum Gebäudeensemble des Schlosses und fand wohl zunächst Verwendung als Remise (Wirtschafts- oder Ökonomiegebäude) für Pferde und Kutschen. Außerdem soll es als Wohnung für den damaligen Gärtner, Heinrich Reutlinger, gedient haben. Er war nicht nur für den Park und den Wingert innerhalb der Mauern zuständig, sondern auch für die große das Haus umgebende Wiese voller Apfelbäume. Brunck, der bis heute als Vater der betrieblichen Sozialfürsorge in der BASF gilt, verfolgte dabei auch den Plan, die Arbeiter in der BASF mit Obst versorgen zu können.
Obstbauer und Winzer
Nach seinem Tod (1911) fiel das Schloss mit allen Nebengebäuden und Grundflächen als Stiftung (Heinrich-von-Brunck-Gedächtnisstiftung) an die BASF. Diese blieb bis Ende des 20. Jahrhunderts die Eigentümerin, auch von dem Dreiseithof. 1994 wurde die gesamte Immobilie an die Stadt verkauft, die 1996 das Eigentumsrecht bekam. Von der Stadt erwarb es dann 1998 Kaschig, der bereits seit 1992 in der Vorstadt ein Fahrradgeschäft betrieb. Zwei Jahre lang wurde renoviert und innen umgebaut – das meiste in Eigenleistung oder mit Freunden – dann konnte im April 2000 das neue „Radhaus“ eröffnet werden.
Der direkte Vorgänger von Kaschig war ein gewisser Paul Kern, der das Gebäude und die Apfelplantage von der BASF gepachtet hatte und als Obstbauer und Winzer einen gut gehenden Obsthof betrieb. Nach seinem Auszug hinterließ er im Gebäude eine große Kühlhauszelle, in der das Obst gelagert wurde. Laut Kaschig machte das gesamte Anwesen inklusive der Obstplantage und zwei Wingerten einen sehr gepflegten Eindruck. Im Bereich der Kühlhauszelle ist heute der Verkaufsraum vom Fahrradgeschäft untergebracht.
Vor Kern gab es noch andere Pächter oder Mieter, allerdings ließ sich in den baulichen Unterlagen der Kreis- und der Stadtverwaltung nichts Konkretes finden. Laut Tatjana Fuchs von der Bauverwaltung der VG, wäre dies nur bei Kaufabschlüssen der Fall gewesen. Von 1967 bis 1980 gibt es allerdings Informationen: In diesem Zeitraum wurde das Haus von Otto Glaser mit Familie bewohnt.
Abkürzung durch Schlossgarten
Seine Tochter Notburga Schmidt, geb. Glaser, die heute noch in Kibo wohnt, erzählt: Otto Glaser stammte aus der Nähe von Biberach an der Riß, absolvierte vor dem Zweiten Weltkrieg an einer Fachhochschule in Hohenheim bei Stuttgart eine landwirtschaftliche Ausbildung und kam durch Zufall in die „Kleine Residenz“. Er begleitete einen Freund, der sich bei der BASF beworben hatte, auf einer Fahrradtour nach Ludwigshafen. Beim Bewerbungsgespräch stellte sich heraus, dass auch für den Schlossgarten in Kibo ein landwirtschaftlich versierter Verwalter gesucht wurde und aufgrund seiner Ausbildung wurde Glaser direkt angestellt, sodass er ab 1951 dort arbeiten konnte. Mit vier festen Angestellten und mehreren Saisonarbeitskräften war er für die Pflege der Garten- und Obstanlagen sowie des Wingerts zuständig. Zur Verfügung stand ihm auch ein Arbeitspferd namens Rosa, dessen Stall sich im Dreiseithof befand.
Seine Wohnung befand sich zunächst im Schlossgarten in einem Haus neben der Brunck-Villa, dort wurde auch seine älteste Tochter Notburga 1953 geboren. 1960 ließ die BASF dieses Haus abreißen, da sie als Neubau ein Erholungsheim für Mitarbeiter plante, das aber nie realisiert wurde. Familie Glaser zog dann um in ein Gebäude am inneren Rand der Schlossgartenmauer, das heute noch steht und vom Weingut Boudier und Koeller aus Stetten genutzt wird. Unter erschwerten Wohnbedingungen – ein Kinderzimmer für drei Kinder und kein Bad – verbrachte die Familie dort sieben Jahre, danach zogen sie in den Dreiseithof um. Laut Schmidt wohnten dort vorher meist BASF-Angehörige zur Miete. Im Vergleich zum vorherigen Domizil war die Wohnsituation nun wesentlich angenehmer. Die Familie hatte einen Hühnerhof und zog pro Jahr ein Schwein groß, das geschlachtet wurde. Notburga Schmidt besuchte das NPG, und nutzte auf ihrem Schulweg die Abkürzung durch den Schlossgarten.
Öfen in den Baumreihen
Durch den Tod der Mutter musste sie 1969 die Schule verlassen und sich um die Familie kümmern. Auch als sie nach ihrer Heirat 1973 auszog, fühlte sie sich anfangs noch verpflichtet, im Dreiseithof zu putzen. Ihr Vater lebte dort noch bis zu seinem Renteneintritt 1980 und zog danach in eine Mietwohnung in der Bahnhofstraße. Der oben bereits erwähnte Paul Kern wurde sein Nachfolger. Sowohl Glaser als auch Kern haben Obst – Äpfel, Birnen, Kirschen – und Wein ab Hof verkauft. Kunden waren meist Privatleute, beliefert wurde aber auch die Küche von der Weierhof-Schule. Bemerkenswert ist, dass bei Frostgefahr, wenn die Obstbaumblüte zu erfrieren drohte, spezielle Öfen in die Baumreihen gestellt und beheizt wurden, um dies zu verhindern.
Heute gehört das Gebäude zum „Sanierungsgebiet Barockstadt – Kirchheimbolanden“, das die obere Altstadt umfasst. Bezüglich des geplanten Neubaugebiets vertritt Kaschig eine differenzierte Meinung. Absolut nicht störend empfindet er die Einfamilienhäuser, die im Rücken seines Hauses entstehen werden. Von den beiden großen Mehrfamilienhäusern, von denen sein Anwesen quasi „in die Zange genommen wird“, gehe schon eine gewisse Problematik aus. Speziell das oberhalb vorgesehene, das wohl in schmuckloser Quaderform geplant ist, würde seiner Meinung nach gar nicht zum Sanierungsgebiet Barockstadt passen.