KIRCHHEIMBOLANDEN
Ausstellung im Art-Hotel Braun: Im Bann trügerischer Welten
„Diese Ausstellungseröffnung ist ein Versuch, die Fahne für die Kultur trotz der Pandemie hochzuhalten“, so begrüßte Hausherr Martin Braun die Gäste der Vernissage. Er zeigte sich gespannt auf die Arbeiten, die diesmal doch anders als sonst sind und durchaus ein wenig Erklärung brauchen, dann aber umso spannender anzuschauen sind.
Die Macht der Bilder
Im Zentrum der künstlerischen Arbeit von Echo Can Luo, die aus China stammt und heute und Bonn und Peking lebt und arbeitet, steht die Frage nach dem Einfluss der neuen Medien auf unser kritisches Bewusstsein, auf unsere Kommunikation, die Gesellschaft allgemein und unsere Art die Welt zu sehen. „Ihre Videos belegen, wie schwer es im Zeitalter von Social Media ist, der Macht der Bilder zu widerstehen und nicht dem Postulat äußerlicher Ideale zu unterliegen“, sagte Lydia Thorn Wickert in ihrer Einführungsrede. Die Künstlerin zeige, wie durch virtuelle visuelle Vorbilder und Schönheitsideale im Internet die menschliche Identitätsfindung untergraben und dabei bewusst oder unbewusst eine diskriminierende Auswahl von Gesichtsmerkmalen gefördert wird.
Schon im Parterre des Art Hotel Braun begegnet dem Besucher auf einem großen Bildschirm die erste Arbeit der 32-jährigen Künstlerin: „Nicely nicely all the time“ beschäftigt sich damit, wie befangen und voreingenommen die so oft als fehlerfrei und objektiv wahrgenommene Gesichtserkennungssoftware ist. Geprägt auf kaukasische Knochenstrukturen, Hautfarbe und Gesichtsformen macht eine solche Software vor allem Nutzern Probleme, deren äußerliche Merkmale davon abweichen. So wurden Asiaten beispielsweise aufgefordert, die Augen weiter zu öffnen. Echo Can Luos Video fragt sich, ob es überhaupt möglich ist, dass eine solche automatische 3D-Modell-Generator-Software einen unvoreingenommenen menschlichen Avatar zustande bringt und zeigt eindrücklich die Geschichte von Immigranten, die ihre (biometrischen) Daten aufgegeben haben, um diese Software überhaupt nutzen zu können. „Echo zeigt mit dieser Arbeit, wie sich menschengemachte rassistische Voreingenommenheit in der vermeintlich neutralen Zahlenwelt der Algorithmen einnistet“, so Thorn Wickert.
Ein Stockwerk höher findet sich die Video-Installation „Chocho studio reshaping the face“. Die Installation ist Teil von Echo Can Lous Abschlussarbeit „The algorithms arent’t biased, we are“ und zeigt, wie stark sich immer mehr junge Menschen der Algorithmen und der Künstlichen Intelligenz bedienen, um herauszufinden, ob und wie schön sie sind. Dabei steht die Sehnsucht nach dem perfekten Körper und dem perfekten Gesicht im Vordergrund, und das so sehr, dass der vom Algorithmus vorgegebene Veränderung am eigenen Gesicht dann sogar mit Hilfe von plastischer Chirurgie umgesetzt werden kann – und tatsächlich auch wird.
Im „Gespräch“ mit Alexa
Im obersten Stockwerk ist mit „oh Alexa, … please, tell me more!“ in einem der Hotelzimmer die gleichzeitig amüsanteste und am meisten zum Nachdenken anregende Installation der Ausstellung aufgebaut: Hier befinden sich zwei programmierte Avatare im Gespräch mit einem handelsüblichen Amazon Echo Dot, bekannt als „Alexa“. Das „Gespräch“ der Avatare mit Alexa zeigt, dass Alexa nicht denkt, nicht glaubt und überhaupt nicht in der Lage ist, mehr als reine Informationen zum Gespräch beizutragen. Echos Can Luo bezieht in dieser Arbeit auch den Betrachter mit ein: Man wird aufgefordert, Alexa selbst Fragen zu stellen (als Hilfestellung liegt ein Buch aus) und merkt rasch, wie oft sie mir „I don’t know – ich weiß es nicht“ antwortet. Dass die Arbeit beschrieben ist mit: „in dieser Video Performance unterhält sich Alexa mit Ihren Freunden, (…sie) reden über eine Reihe interessanter Menschen und Dinge und plaudern über Vergangenes und die Zukunft“ macht auf ironische Weise noch deutlicher, wie wenig die Künstliche Intelligenz in der Lage ist zu „plaudern“ und lässt nur umso stärker den Kontrast zwischen Mensch und Maschine hervortreten.
Die Grenzen der Maschine
Die Arbeit lässt den Betrachter nachdenklich darüber zurück, was Technik kann – und was eben (noch) nicht. Oder, wie Lydia Thorn Wickert es treffend zusammenfasste: „Schonungslos führt uns Echo Can Luo die Grenzen der Maschine und ihrer 3D-Welten vor. Zwar kann das Unbewegte in Bewegung gesetzt werden und das ästhetisch Unausgewogene formal geglättet. Echo veranschaulicht, dass auch unsere neuen Technologien obsolet sind, wenn sie Werten wie Glaube und Menschlichkeit entbehren. Transzendenz und die Attribute der Menschlichkeit gehören zusammen und sind Grundvoraussetzung unserer Existenz.“
Die Ausstellung von Echo Can Luo ist ein großartig gelungenes Stück Kunst, das deutlich zeigt, was Kunst eigentlich soll: die Strömungen unsere Zeit aufgreifen, spiegeln und sichtbar machen.
Die Künstlerin hat sich ihren Künstlernamen „Echo“ übrigens selbst ausgesucht und dabei ganz bewusst den Namen jener Nymphe gewählt, die nur Worte zurückwerfen konnte und am Ende ganz zur Stimme wurde. Der Name ist Programm, und was für eins.
Kommentar: „Nur“ digital?
Diese Ausstellung im Art-Hotel Braun berührt, sie wirft irritierende und nachdenklich stimmende Schlaglichter auf die verschwimmenden Grenzen zwischen realer und digtaler Welt. Selbst Angehörige der Generation der „Digital Natives“ verfolgen mitunter erstaunt, wie schnell auch „gestandene“, selbstbewusste Menschen bereit sind, zumindest digital optisch an sich herumzudoktern: Man denkt sich ja nichts dabei, wenn man fürs Profilbild der Dating-App oder für Instagram ein paar Filter über sein Gesicht laufen lässt, die Augen etwas größer, das Kinn weniger spitz macht – merkt ja keiner, ist ja nicht schlimm, ist ja „nur“ digital. Wie beeinflussend und gesellschaftlich prägend all diese gemachten Schönheiten in ihrer Gesamtheit tatsächlich sind und wie schnell aus einer „optimierten“ Avatar-Schönheit eine „reale“ werden kann, nämlich indem man mit dieser Vorlage einfach zum Schönheitschirurgen geht, macht die Videoinstallationen von Echo Can Luo schmerzlich bewusst. Wie stark dann auch noch Rassismus und Diskriminierung in diese Projektionen mit hineinspielen, erschreckt und zeigt einmal mehr, wie ungemein wichtig es ist, Medienkompetenz und eigenes, kritisches Denken zu lernen und zu vermitteln.
Die Arbeiten von Echo Can Luo sind klug und handwerklich gut gemacht, und die Ausstellung regt zum Nachdenken an - und das mit großer Intensität.