LOHNSFELD / KAISERSLAUTERN
Aus „Strom-Ei“ ist ein Storch geschlüpft
Ob der kleine Vogel seine erste Lebensphase gut übersteht, ob er gesund und munter ist, ob der Strom, der vor rund zwei Wochen durch das Nest geflossen ist, ihm tatsächlich nichts anhaben konnte, ob er später einmal von „Stiefeltern“ angenommen und großgezogen wird: Diese und weitere Fragen sind derzeit völlig offen. Fürs Erste aber konnte Karsten Tide von der Wildtierhilfe Kaiserslautern am Montag auf Anfrage der RHEINPFALZ am Telefon die freudige Nachricht übermitteln: „Aus einem der im Inkubator liegenden Eier ist in der Nacht von Sonntag auf Montag ein Storch geschlüpft!“
Wobei Tide keinen Hehl daraus macht, dass er mit positivem Ausgang der „hochspannenden“ Rettungsaktion nicht unbedingt gerechnet hatte. Am 7. Mai hatten mehrere Kurzschlüsse ein Nest, das ein Storchenpaar auf einem 20-KV-Masten am Lohnsfelder Ortsrand errichtet hatten, vorübergehend unter Strom gesetzt. Ob dieser auch die fünf abgelegten Eier erwischt hatte, war zunächst unklar. Diese hatten Kletterspezialisten der Winnweilerer VG-Feuerwehr aus luftiger Höhe gerettet und Tide übergeben. Der Gründer und Betreiber der Wildtierhilfe hat die Eier bei 38 Grad Wärme sowie 60 bis 70 Prozent Luftfeuchtigkeit in einen Inkubator – einen Brutkasten – gelegt.
Strom direkt unter dem Nest
Tide selbst war jedoch eher skeptisch, dass der Nachwuchs bei einer zugrundeliegenden Spannung von bis zu 20.000 Volt unversehrt geblieben ist: „Ich habe auf Videos der Feuerwehr gesehen, dass der Strom direkt unter dem Nest gewesen ist.“ Dieses war offenbar mit einer blanken Leitung in Kontakt gekommen – der starke Regen an diesem Tag hatte zudem die Leitfähigkeit des Nistmaterials stark erhöht. Es kam zur Bildung von sogenannten Lichtbögen, die auf den Vogelhorst übersprangen. Er sei deshalb schon „erstaunt“ gewesen, als nun am Wochenende ein Mini-Storch das Licht der Welt erblickt hat: „Chapeau!“
Das „Anpicken“ sei am Samstag erfolgt, da habe das Baby die Schale durchbrochen. Anschließend dauerte es aber fast noch zwei Tage, ehe es das Kleine ganz nach draußen geschafft hat. „Heute bleibt es noch im Inkubator, vermutlich zieht es morgen in die Wärmebox um und wird dann auch zum ersten Mal gefüttert“, erläuterte Tide. Läuft weiter alles gut („Was wir hier machen, ist ein Experiment, denn niemand hat Erfahrung mit dem künstlichen Ausbrüten der Eier“), soll das Junge möglichst bald in die Storchenscheune im südpfälzischen Bornheim gebracht werden. In der vom Verein „Aktion Pfalzstorch“ betriebenen Einrichtung werden unter anderem flugunfähige, kranke oder verletzte Störche versorgt.
Ammeneltern unterschieben
Geplant ist, den Nachwuchs dort sogenannten Ammeneltern unterzuschieben und von ihnen aufziehen zu lassen – ehe sie sich im Herbst mit Artgenossen auf den Weg in den Süden machen. Vielleicht fliegen dann auch einige andere Neugeborene der aktuell zehn in und um Lohnsfeld nistenden Paare mit.
Zuvor wird aber die spannende Frage beantwortet, ob in den nächsten Tagen bei der Wildtierhilfe weitere kleine Mitglieder der Familie Adebar schlüpfen: Von den fünf Eiern, hat Tide beim Durchleuchten festgestellt, waren zwei nicht befruchtet. In den beiden verbliebenen könnte demnach ebenfalls noch Leben sein. „Jetzt hoffen wir, dass auch die Geschwisterchen noch rauskommen“, sagte der Ersatz-Papa. Einen Namen für das erste Baby hat sich Tide übrigens bisher nicht überlegt. Wie wär’s mit „Volti“?
Spendenkonto
Wildtierhilfe Kaiserslautern der Tierhilfe Pfalz e.V., Sparkasse, Kaiserslautern, Iban DE89 5405 0220 0000 5566 62.