Donnersbergkreis Aus der Inspiration des Augenblicks
DANNENFELS. Im Rahmen der Barocktage Kirchheimbolanden findet derzeit ein internationaler Meisterkurs für Improvisation statt: Betreut von Professor Rudolf Lutz aus St. Gallen rückt der Weiterbildungskurs auch die historischen Orgeln des Donnersbergkreises wieder verstärkt ins Bewusstsein. So am Mittwoch die Denkmalorgel von 1758 des Orgelbauers Stumm in der 1673 erbauten protestantische Kirche Dannenfels.
Im RHEINPFALZ-Gespräch und anschließend auf Befragen durch die interessierten Besucher (gemessen an Ort und Zeit in erstaunlicher Anzahl) wird deutlich, dass das Verändern einer Choralmelodie durch Takt- und Tonartwechsel, durch Variieren der Satztechnik von homophon zu polyphon sowie durch Ausschmücken (Kolorieren, Figurieren) das besondere Anliegen des Kurses ist, was sich letztlich neben den am Mittwoch vorgeführten Klangbeispielen auch bei liturgischen Aufgaben bewähren soll. So können eigene Vor-, Zwischen- und Nachspiele oder Choralfantasien entstehen: Wie der eloquente, charmant plaudernde, rhetorisch gewandte Schweizer ausführte, sollen die so kreierten Musikstücke aus dem Moment, aus der Inspiration des Augenblicks entstehen; sie verflüchtigen sich, werden nicht wie Meisterwerke festgehalten und verewigt. Im Barock kursierte dazu der Terminus der sogenannten „Gebrauchsmusik.“ Wie an der Orgel und danach im Pfarrhaus zu hören war, haben die Kursteilnehmer dabei unterschiedliche Erfahrungen gesammelt und verfügen über divergierende handwerkliche Voraussetzungen: Tim Stern aus Oslo sorgte an der Orgel für den Auftakt. Der gebürtige Gladbecker und Absolvent der Schul- und Kirchenmusik ist jetzt Organist und Kantor bei Oslo. Er stellte sich der Aufgabe, an die barocke Gattung der Passacaglia anzuknüpfen; die basiert auf einem zugrundeliegenden Bassthema, das in den Oberstimmen mannigfach ausgedeutet und umspielt wird – was der Organist über Tag in Steinbach geübt und jetzt erstmals beim Vortrag an der Dannenfelser Orgel erprobt hat. Improvisation in doppelter Hinsicht! Bei einer ersten Variation war spürbar, wie die Umspielungen und Verzierungen dennoch den melodischen Kern aufgreifen und mit den daraus gewonnenen Motiven des Themas „arbeiten“. Bei der zweiten sorgt ein vitaler, drängender rhythmischer Impuls für Belebung, und bei einer dritten entstand durch wuchtige Akkordblöcke im vollen Plenum der Eindruck gravitätischer Monumentalität im barocken Geist. Danach stellte sich die Japanerin Hiroko Asai vor, die seit 2004 als Titular-organistin in Tokio wirkt und neben dem Fach Orgel auch Komposition studierte. 2012 gründete sie in Tokyo sogar eine Art Improvisations-Gesellschaft mit dem Ziel der weiteren Erforschung historischer Improvisation, die allein durch das gekonnte Aussetzen eines bezifferten Generalbasses viele Voraussetzungen erfordert. Für ihren Beitrag hatte sie sich eine fragmentarisch überlieferte Fantasie von Johann Sebastian Bach ausgesucht, die sie mit den Stilmitteln und Satztechniken ihrer Entstehungszeit mit eigenem Interpretationsansatz weiterführen wollte. Dazu noch transponiert in eine andere Ausgangstonart, fürwahr eine Herkulesaufgabe. Allerdings war der erst vorgestern erfolgte Einstieg in diese Materie, nach eingehender Vorbesprechung und Studien ein Handicap für konzertreife Vorführung. Vielmehr meinte die Praxis der „Open Class“ eine Art öffentliche Musik-Werkstatt, wo Produktionen entstehen, aber noch nicht ausgereift sind. So bildete das Experimentieren, Suchen nach (Aus-) Wegen die Herausforderung, wobei sie den klingenden Nachweis fundierter Kenntnis der Ausdrucks- und Stilmittel des Barock erbrachte. „Den Vogel schoss der Amerikaner Bobby Mitchell ab“. Geboren in Louisiana, studierte er Klavier und Hammerflügel. Er ist sowohl in historischer Aufführungspraxis wie in Sachen „Neuer Musik“ bewandert und gewann als Interpret den ersten Preis beim Wettbewerb der amerikanischen Liszt-Gesellschaft. Er stellte sich einer Aufgabe aus dem Publikum, die es in sich hatte: Er sollte in der Art der Romanzen, Balladen und Fantasiestücke der Romantik ein solches Charakterstück am E-Piano entwerfen. Nach der Thematik der „Morgenstimmung“ von Grieg und in As-Dur. Es gelang eine Glanzleistung an melodischer Substanz, die kunstvoll in harfenähnlichen Arpeggien umschmeichelt wurde. Eine strukturierende Gliederung war nur teilweise zu spüren. Die Österreicherin Franziska Fleischanderl aus Linz präsentierte ein typisch alpenländisches Instrument: Das Hackbrett studierte sie in Linz und Basel in Masterstudien, wobei der Salterio als barocke Form auch in der Kunstmusik vertreten war. Diese Zusammenhänge und Aufführungspraktiken und Quellen erforscht sie derzeit für eine Promotion, wobei Professor Lutz in der Personalunion aus Forschung und Interpretation die ideale Basis sah. Kostproben aus einer Sammlung einer Klosterfrau um 1720 und das Variieren einer einprägsamen Viertonreihe zeigten den subtilen Klangzauber des verkannten Instruments. Während sie ideenreich und kunstvoll Wechsel- und Durchgangsnoten und akkordische Füllung aus dem Stehgreif spielte, tat sie sich beim Transponieren schwerer. „Learning by doing“ ist hier die Maxime.