Donnersbergkreis Auf Pferderücken allerlei Leiden lindern
Sattelfest ist sie schon lange – bereits von Kindesbeinen an. Sattelfest aber sollen auch andere werden. Isabelle Tschoepke hilft ihnen dabei. Seit Jahren schon als Reitlehrerin, bald auch als Therapeutin. Mit sattelfest hat die 24-Jährige jetzt ein ambitioniertes Projekt überschrieben. Inklusion ist dabei ein Stichwort. Pferd ein anderes. Die Pädagogin aus Schönborn will mit Hilfe ihrer Pferde Leiden lindern helfen. Bei dem Inklusionsprojekt sollen sich Menschen mit Beeinträchtigungen am Umgang mit den Vierbeinern erfreuen. Dafür gilt es Geld zu sammeln. Und deshalb startet die junge Frau mit einigen Reitkameraden heute zu einem Spendenritt.
Isabelle Tschoepke liebt Pferde über alles. Und ist auf bestem Wege dazu, diese Liebe – die übrigens herzliche Erwiderung findet – auch professionell zu nutzen, darauf eine Existenz zu gründen. Die 24-jährige Schönbornerin sieht ihre berufliche Zukunft zumindest teilweise auf dem Rücken der Pferde gegründet. Zurzeit absolviert die Pädagogin und Sonderpädagogin eine Ausbildung zur Reittherapeutin. Grundidee dabei: Mit der lebendigen Therapiehilfe Pferd allerlei Leiden zu lindern helfen. Fritz verfügt über eine Engelsgeduld. Er ist das kleinste unter all den Pferden, 21 an der Zahl, die sich auf dem bäuerlichen Gut in der Schönborner Ortsstraße tummeln. Fritz hat eine helle Farbe und sticht schon von daher unter all den anderen braunen heraus. Aber Moment mal: Der Allerkleinste ist er seit kurzem ja gar nicht mehr. Das süße Fohlen, das nur einen Steinwurf entfernt neben der Mama auf einem abgetrennten Terrain steht, ist ein gutes Stückchen kleiner. Aber im Gegensatz zu dem Jüngsten im Bunde auf dem Hof Tschoepke wird Fritz nicht mehr wachsen. Fritz ist längst erwachsen, er zählt schon 14 Lenze. Er ist klein, aber charakterlich ein wahrer Riese. „Wenn der Mensch auf seinem Rücken unsicher ist, merkt er das sofort und bleibt dann stehen“, schildert Besitzerin Isabelle Tschoepke einen der vielen Vorzüge des Welsch-Ponys. Den kleinen Waliser hat die Reitlehrerin eigens angeschafft, damit auch Kinder bei ihr mitmachen können. Vor allem auch solche, die unsicher sind, sei es einer körperlichen oder gar geistigen Behinderung wegen. Ob seiner Größe und seiner mentalen Stärke sei Fritz bestens geeignet. Ein Goldstück. Isabelle Tschoepke hat 2012 am Wilhelm-Erb-Gymnasium in Winnweiler ihr Abitur gemacht, sich dann mal für eine Weile aus der Nordpfalz verkrümelt und ihre Zelte in Würzburg aufgeschlagen. Ihr liebstes Pferd hat sie dorthin sogar begleitet. Seit die 24-Jährige mit zwei Bachelor-Abschlüssen in Pädagogik im Gepäck zurückgekehrt ist, hat sich die Zahl ihrer Pferde geradezu explosionsartig vermehrt. Sie schickt sich seit Anfang vergangenen Jahres an, das Lebenswerk ihres Großvaters fortzuführen. Bernhard Tschoepke hat den Bauernhof einst erworben, dort mit Familie Einzug gehalten und einen Ponyzuchtbetrieb etabliert. Es entstand eine Art offenes Haus, in dem Reitbegeisterte ein- und ausgingen. Das hat sich bis heute nicht geändert. Noch immer herrscht reges Leben auf und um das alte Haus und das gesamte großzügige Anwesen. Nur Bernhard Tschoepke ist nicht mehr da. Der ehemalige Rockenhausener Amtsrichter hat sich, da er das achte Lebensjahrzehnt vollendet hat, Richtung Bundeshauptstadt verabschiedet. Dort habe er seinen neuen Lebensmittelpunkt erwählt, von dort aus unternehme er Reisen, erzählt die Enkelin. Sie hat das „Erbe“ gerne übernommen. Das Zeug dazu hat sie ohnehin. Mit Pferden groß geworden, hat Isabelle die Qualifikation der Reitlehrerin schon früh erworben, nicht zuletzt, um schon in Würzburg Unterricht zu erteilen und sich somit ihr Studium zum Teil zu finanzieren. Jetzt sattelt sie eins drauf – und ist mittendrin in der Ausbildung zur Reittherapeutin. Voraussetzung: Erfahrung mit Pferden und eine pädagogische Ausbildung. Beides hat sie ja mitgebracht. Nun lässt sich allein mit dem Engagement als freiberufliche Therapeutin kein Lebensunterhalt bestreiten. Wohl auch dann nicht, wenn eine kleine Zucht als zweites Standbein fungiert. Darüber ist sich Isabelle Tschoepke im Klaren. Und deshalb hält sie auch bereits Ausschau nach einem Beschäftigungsfeld als Pädagogin. Zumindest halbtags möchte sie arbeiten gehen – „wenn das hier sich mal alles beruhigt hat und geordnet ist“, wie sie sagt. Wen sie dann mal therapieren will? „Auf dem Pferd hat jeder vier gesunde Beine“, bemüht sie ein Sprachbild. Gehbehinderte, Menschen im Rollstuhl, die könnten beim Reiten ein völlig neues Gefühl kennenlernen. „Mir haben schon Rollstuhlfahrer gesagt: Es ist schön auf dem Pferd, weil ich herabschauen kann und nicht immer nach oben gucken muss“, erzählt die angehende Therapeutin. Die Arbeit mit dem Pferd bringe bei vielen Leiden Linderung. Etwa bei Multiple-Sklerose-Erkrankungen. Die Muskulatur entspanne sich beim Reiten merklich. Große Erfolge seien auch bei reittherapeutischen Bemühungen mit Formen des Autismus zu verzeichnen. Das Pferd als verbindendes Element sollen nun auch Behinderte näher kennenlernen. Das ist die Idee für das Inklusionsprojekt „Sattelfest“. Einen Inklusionstag gab’s kürzlich in Schönborn schon. Ein mehrtägiges Stelldichein soll folgen, wieder in Zusammenarbeit mit der Reittherapie Ringhof. Nora Ringhof bietet in Flörsheim-Dalsheim genau das an, was Isabelle Tschoepke mal – in kleinerem Stil, versteht sich – in Schönborn etablieren möchte. Ringhof ist übrigens Ausbildungs-Dozentin der angehenden Kollegin. Und sie wird auch heute mit unterwegs sein, wenn am Morgen eine Gruppe hoch zu Pferde zum Spendenritt aufbricht.