Donnersbergkreis Auch eine „kleine rettende Insel“

KALKOFEN. In diesen Tagen hatte Kalkofen Anlass, groß zu feiern: 650 Jahre liegt die urkundliche Ersterwähnung des Dorfes zurück. Was sich in dieser Zeit zugetragen hat, ist auf den 532 reich bebilderten Seiten der zu diesem Anlass erschienenen Ortschronik nachzulesen.
„Und mit dieser Chronik sollte versucht werden, die geschichtliche Vergangenheit, zeitlich geordnet, vom Dorf und seinen Bewohnern, darzustellen. Und das ist uns hoffentlich in etwa gelungen. Auch was mir besonders am Herzen lag, den Rückblick lebendig zu gestalten, nicht nur Zahlen und politische Zusammenhänge aufzulisten. Gerade das Wissen, Erlebnisse von Kalkofenern erzählt, niederzuschreiben, festzuhalten, solange dies möglich ist“, schreibt Schriftleiter Willi Schattauer, langjähriger Ortsbürgermeister und Vorstandsmitglied des Nordpfälzer Geschichtsvereins, im Vorwort zu diesem Werk. Dass ihm und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Christian Anders, Ludger Helming-Jacoby, Ruth Lamb, Peter Lenz, Regina Jacoby und Marco Schattauer das gelungen ist, darf hier bestätigt werden. „Philipp von Bolanden, Herr zu Altenbaumburg, und seine Frau Mene verkaufen an Ancellmann… von Stosewege, Burggraf zu Böckelheim und dessen Frau Catharina von Hohenberg ihr Dorf Kalkofen um 400 fl (Gulden)…“ Mit diesen Worten beginnt die Urkunde aus dem Jahre 1365, in der Kalkofen zum ersten Mal erwähnt wird. Diese Urkunde sowie eine Reihe weiterer aus dem 14. bis zum 18. Jahrhundert werden dann ebenfalls angeführt und dokumentieren die Geschichte des kleinen Nordpfälzer Dorfes durch jene Zeiten unter der Herrschaft der Raugrafen und hauptsächlich unter der der Falkensteiner. Auch die Franzosenzeit, die Jahre, als die Pfalz zu Bayern gehörte, die Kriege im 19. Jahrhundert, die Weltkriege sowie die ersten Nachkriegsjahre und die damit im Zusammenhang stehenden Ereignisse und ihre Auswirkungen im Dörfchen werden mehr oder minder ausführlich abgehandelt und dokumentiert. Das Kapitel „Die kleine rettende Insel Kalkofen“ erzählt davon, wie das unscheinbare Dörfchen und seine Bewohner einmal für viele Menschen hier in der Region zur Rettung aus großer Not und tiefer Verzweiflung wurden: „Da es unter den vorgenannten Bedingungen vielen Untertanen nicht möglich war, ihr Land legal zu verlassen, blieb ihnen nur die Möglichkeit, dies illegal zu tun. Bei Nacht und Nebel und in aller Heimlichkeit versuchten viele, das Gebiet der Grafschaft Falkenstein zu erreichen. Die Grafschaft, zu der auch Kalkofen gehörte, das wie eine kleine Insel mitten in den rheingräflichen und pfalz- zweibrückischen Besitzungen lag, ging 1740 an das Kaiserreich Österreich über“, lesen wir im entsprechenden Kapitel, und dann noch weiter: „Hier waren sie in des Kaisers Schutz und Schirm. Niemand konnte sie mehr zurückhalten.“ „In Kalkofen wurde mit Fluchthelfern, die ihnen bei der Beförderung ihres Gepäckes behilflich waren, die letzten Kaufabschlüsse der hinterlassenen Güter getätigt, Reisepässe eingeholt und Fuhrleute gedingt, die ihre Habseligkeiten, auch Kinder und Alte, bis nach Regensburg beförderten. Auf der Donau bestiegen sie Schiffe und fuhren bis Wien“, erfahren wir weiter. Ziel dieser Auswanderer waren Galizien bzw. die Batschka, wo sie sich eine neue Heimat schaffen wollten und sich vor allem ein besseres Leben erhofften. Einen Schwerpunkt bilden natürlich die dörflichen Institutionen, das Bürgermeisteramt und seine Bediensteten, die Schule, die Kirche, die Feuerwehr, die Vereine, die Feste. Auch der Gemarkung und den Flurnamen ist ein Kapitel gewidmet. Natürlich darf in diesem Zusammenhang die neue Gemeindefahne nicht fehlen. Viele jetzige und ehemalige Bürgerinnen und Bürger werden sich auf den zahlreichen hier aufgenommenen Fotos wieder entdecken und sich bestimmt an die entsprechenden Situationen gerne wieder erinnern. „Kalkofen - ein Bauern- und Winzerdorf im Wandel der Zeiten“ heißt ein weiteres Kapitel, ein anderes „Handwerk und Gewerbe“, auch „Das Dorfleben nach 1920“ wird beleuchtet. Immer wieder dazwischen eingestreut finden wir Sagen und Geschichten wie etwa „Die Hexe vom Münstertal“ oder „Das finstere Loch.“ Im Kapitel „Erinnerungen“ nimmt uns Schattauer mit ins Kalkofener Dorfleben der 1960er Jahre, wie er es anlässlich seiner Ferienaufenthalte bei den Großeltern hier erlebt und noch in Erinnerung hat. Damals war das Dörfchen noch völlig landwirtschaftlich geprägt, entsprechend war das Alltagsleben strukturiert. Natürlich hat sich das auch auf die Sprache ausgewirkt, und es ist ein besonderes Verdienst Schattauers, dass er auch manche in jenen Jahren noch gebräuchliche Dialektausdrücke aufgenommen und so überliefert hat. Wer von den Jüngeren Zeitgenossen weiß etwa heute noch, was ein „Nachtdibbsche“ war oder wozu man eine „Wäschbidd“ gebraucht hat , und Ausdrücke wie „Schnääges“ und „Rummelkopp“ sind ja zwischenzeitlich ebenfalls aus unserer Umgangssprache verschwunden. Schattauer, der sich bereits durch seine Beiträge in den Nordpfälzer Geschichtsblättern, den Donnersberg-Jahrbüchern und auch durch seine Veröffentlichungen zur Geschichte der kleineren Siedlungen hier in der Nordpfalz einen Namen gemacht hat, legt mit dieser lesenswerten Ortschronik von Kalkofen sein Meisterstück vor. Lesezeichen Willi Schattauer: Kalkofen 1365-2015, Chronik einer Nordpfälzer Dorfes, Hrsg.: Ortsgemeinde Kalkofen, 2015, GTS Druck Kibo, reich bebildert, 532 Seiten, mit DVD-ROM