Donnersbergkreis „Angst und Geld hatte ich noch nie“
BREUNIGWEILER. Einmal hat sich ein Anwohner beschwert, der um seinen Morgenschlaf fürchtete: „Welcher Idiot fährt denn um 5 Uhr früh immer mit Rollschuhen durchs Dorf?!“ – Das kann eigentlich nur samstags gewesen sein, denn lediglich an diesem Tag zog Maria Krieger ihr nicht ganz lautlos rollendes Wägelchen hinter sich her, weil neben der RHEINPFALZ noch weitere Druckerzeugnisse zu befördern waren. Ansonsten nahm sie einfach die große Zeitungstasche.
Oder war es in den Jahren, als sie auch die „Regio-Post“ zustellte? Die beruflichen Engagements der heute 66-Jährigen waren zahlreich und wechselten, auch weil beispielsweise die Pyrotechnik-Fabrik in Göllheim, wo sie zeitweise arbeitete, schloss. RHEINPFALZ-Zustellerin war sie in all den Jahren auch, lange Zeit vor allem in Steinbach, wo sie auch einen großen Teil ihres Lebens verbrachte. 2001 kam Maria Krieger nach Breunigweiler und bezog mit ihrem 2007 gestorbenen Mann das hübsche, an Hang und Natur angelehnte weiße Haus, innen sehr gemütlich, nur zu vollgestopft mit Erinnerungsgegenständen, wie sie findet: Sie sei halt eine schlechte Wegwerferin. Erinnerungssachen gibt es natürlich genug, wenn man viele Jahrzehnte so aktiv gelebt hat und noch lebt wie Maria Krieger. Sie engagiert sich in der Kirche als Presbyterin und für den Kindergottesdienst, sie ist aktiv im Sportverein, für dessen Kulturabteilung sie Theateraufführungen einstudierte und auch selbst dabei spielte, und das ist noch lange nicht alles. So bleiben gegenwärtig nur noch die Sonntage für die RHEINPFALZ AM SONNTAG. Und Vertretungen in den umliegenden Dörfern, aber, wie sie sich ausbedungen hat: „Nur noch, wenn’s brennt!“ Dann und wann muss sie raus aus dem oberen Pfrimmtal. Einer der beiden Söhne lebt mit Familie – neuerdings einschließlich Enkelkind Emma – in Berlin, das ist schon ein guter Anlass, um rauszukommen. Auch mit ihren Turnfrauen geht’s jährlich auf Tour, abwechselnd mit dem Fahrrad und dem Flugzeug. Das nächste Ziel heißt Andalusien. Für solche Reisen wird das Zustellergeld gespart. Entsprechend pflegt sie auf die Frage, ob man für ihren einsamen frühmorgendlichen Job nicht viel Mut brauche, zu sagen: „Angst und Geld hatte ich noch nie.“ Ihr großer Traum ist aber, einmal den Jakobsweg zu gehen. Vorerfahrung war eine kirchliche Pilgerwanderung zum Kloster auf dem Mont Sainte Odile im Elsass. Als sie nach tagelangen Anstrengungen (Steigungen, schweres Gepäck, Regengüsse) durch das Tor kam und im selben Moment die Glocken zu läuten begannen, seien ihr die Tränen gekommen. – Und nun als Ziel Santiago de Compostela! Vielleicht klappt es ja, 2018 mit einer Wandergefährtin nach Bilbao zu fliegen und sich von dort auf den Weg zu machen, zumindest für einige Etappen. Ihre hiesigen Zustellerwege versteht sie als gutes Training – Breunigweiler hat zwei beachtliche Steigungen. Aus den Anekdoten, die sich im Lauf der Jahre angesammelt haben, sei noch eine besonders skurrile Begegnung herausgegriffen, die bestimmt schon 20 Jahre zurückliegt. Steinbach, eines dunklen Morgens: Am Zigarettenautomaten hantiert eine männliche Gestalt: Sie trägt einen Hut und Schlappen, aber dazwischen – eigentlich nichts... Die konsternierte Zustellerin lässt dieses Haus aus und hastet schnurstracks vorbei und weiter. Da hört sie von hinten eine bekannte Stimme: „Krie isch heit kää Zeidung?“ Jetzt gibt ihm aber die Zustellerin Krieger resolut Bescheid: „Wenn Sie was anziehen, kriegen Sie eine!“ – Wenig später taucht der Zurechtgewiesene – im Jogginganzug – wieder auf und bekommt prompt seine RHEINPFALZ zugestellt.