Kirchheimbolanden RHEINPFALZ Plus Artikel Als Helfer bei der Tafel: Wie das Ehrenamt bei der Hilfsinitiative aussieht

Die ehrenamtliche Helferin Sabrina Werner übergibt am Ausgabefenster der Tafel Kirchheimbolanden an Tafel-Kunden.
Die ehrenamtliche Helferin Sabrina Werner übergibt am Ausgabefenster der Tafel Kirchheimbolanden an Tafel-Kunden.

Die Tafel des DRK Kreisverbands Donnersberg kämpft um ehrenamtliche Helfer und Spenden. Dabei soll sie selbst von armutsbetroffenen Menschen im Kreis helfen. Wie es ihr dennoch gelingt, diesen Auftrag trotz alltäglicher Herausforderungen zu erfüllen, hat Redakteurin Lisa Demmerle-Schmitz getestet.

Kisten stapeln sich auf der Ladefläche eines kleinen weißen Transporters, der bereits zum zweiten Mal an diesem Vormittag auf einem ehemaligen Schulhof in der Schillerstraße parkt. Der Inhalt der Kisten: Paprika, Zucchini, Pfirsiche, Kartoffeln, Reis, Salat, Brot, sogar Milch und Käse. Es ist ein Sammelsurium an Lebensmitteln des täglichen Bedarfs. Für Außenstehende muss es wie eine Lieferung für ein großes Sommerfest aussehen. Dabei ist das alles andere als das: Die Helfer, zu denen ich an diesem Donnerstag gehöre, bereiten sich auf die zweimal in der Woche stattfindende Lebensmittelausgabe der Tafel vor.

Mit schnellen Griffen reichen die Fahrer die Kisten über die geöffneten Fenster in das Gebäude des DRK Kreisverbandes Donnersbergkreis. Dort werden sie von eifrigen Händen in Empfang genommen. Auch ich packe an, lasse dabei meinen Blick über den Inhalt streifen. Dabei staune ich nicht schlecht. Mit so viel – und noch dazu gut erhaltener – (Bio-)Ware, hätte ich nicht gerechnet. Doch meine Begeisterung kommt schnell ins Stocken. „Das ist heute aber wirklich wenig“, kommentiert Heidi Viessmann, Leiterin der Donnerstagsgruppe, kritisch.

300 Menschen pro Tag

Aus ihrer 16-jährigen Erfahrung weiß Viessmann: Zwischen 80 und 100 Menschen nehmen das Angebot jeweils an einem der beiden Ausgabetage in Kibo in Anspruch. „Im Schnitt muss die Personenanzahl mal zwei oder drei gerechnet werden“, erklärt die Rentnerin. Denn hinter vielen Kunden, wie die Ehrenämtler die Menschen nennen, stehen weitere Familienmitglieder. „Im Prinzip werden an einem Ausgabetag gut 300 Menschen durch die Tafel versorgt“, sagt Viessmann. In Rockenhausen, der zweiten Tafel im Donnersbergkreis, sieht es laut DRK-Ehrenamtskoordinatorin Angela Schwalb mit 40 bis 80 Kunden pro Tag ähnlich aus.

Welche Menschen die Hilfe der Tafel in Anspruch nehmen, sei ganz unterschiedlich, berichten auch Viessmanns Kollegen. „Manchmal sind es Menschen mit Migrationshintergrund manchmal Senioren, oder es stehen schon die Kleinsten mit in der Reihe. Und manchmal kommen sie schon in dritter Generation“, berichtet Karin Gard-Schellenberg. Einfach so zur Tafel kommen, um sich ein Lebensmittel-Paket abzuholen, das kann aber nicht jeder, versichert Viessmann. So müsse die Bedürftigkeit bei jeder Abholung mit einem vom Jobcenter oder Sozialamt ausgestellten Ausweis nachgewiesen werden. Auch einen kleinen Beitrag von einem Euro müssen die Kunden in Kibo zahlen.

Großer Bedarf, wenige Mittel

Für die Fahrer geht es anschließend wieder auf die Straße. Insgesamt drei Mal rücken sie aus, fahren dabei unterschiedliche Discounter, Supermärkte, eine Bäckerei, sogar einen Großhändler und einen Biowarenhandel in Kirchheimbolanden, Alzey, Albisheim, Göllheim, Grünstadt und Wörrstadt an. Mehl hingegen spende ein großer Hersteller aus Kirchheimbolanden, erzählt Helferin Uta beim Sichten der Waren. „Glücklicherweise so viel, wie wir wollen.“ Ein Vorteil sei das vor allem in der Corona-Krise gewesen. „Wir waren die einzige Tafel im Umkreis, die immer Mehl hatte“, sagt Uta und freut sich sichtlich über die Hilfsbereitschaft aus der Region.

Doch Mehl ist offensichtlich das einzige, was es bei der Tafel zur Genüge gibt. „Wenn wir wenig Lebensmittel bekommen, müssen wir später weniger in die Tüten packen“, sagt Heidi Viessmann, während wir mit Einweghandschuhen das Gemüse aus unzähligen Plastikverpackungen schälen und dabei Verdorbenes aussortieren. Denn gammlige Lebensmittel soll hier niemand bekommen. Es gilt ein einfacher Maßstab, lerne ich: Schimmelige Lebensmittel und all das, was ich selbst nicht mehr essen würde, kommt in die Abfalltonne. Einen weiteren Grund, warum wir die Ware auspacken, gibt es außerdem: Wir müssen rationieren. Statt zwei Tüten, von der eine mit Milchprodukten, eine weitere mit Gemüse und Obst gefüllt ist, werden die Tafel-Kunden heute nur eine mit gemischter Ware bekommen. Immerhin: So erhält wenigstens jeder etwas.

Ware in gutem Zustand

Zum Glück gibt es beim Sichten der Produkte nur wenig zu beanstanden. Klar, vielleicht sind die Gurken nicht ganz so gerade oder ein Apfel hat eine Druckstelle. Aber selbst das Mindesthaltbarkeitsdatum vom Joghurt ist noch nicht abgelaufen. Essen würde ich also noch jedes einzelne Produkt. „Da sieht man mal, in welchem Überfluss wir leben“, sagt Gard-Schellenberg kopfschüttelnd. Sie meint damit, dass die Geschäfte die übrig gebliebenen Lebensmittel sonst im Müll entsorgen würden. Allein den Gedanken daran finde ich verrückt. Aber die Tatsache, dass dadurch ganze Familien mitten im reichen Deutschland unterstützt werden müssen, ist noch viel verrückter.

Laut Tafel Deutschland werden jedes Jahr 18 Millionen Tonnen Lebensmittel in der Bundesrepublik weggeworfen – unter anderem ein Grund dafür, dass die Tafel 1993 gegründet wurde. Seitdem gibt es über 970 gemeinnützige Tafeln in Deutschland, die von „mehr als zwei Millionen armutsbetroffenen Menschen“ in Anspruch genommen werden. Dem stehen insgesamt 60.000 Helfer gegenüber. Im Donnersbergkreis sind es etwa 100 ehrenamtliche Helfer in verschiedenen Teams, ergänzt Ehrenamtskoordinatorin Schwalb. Die Anzahl der hilfsbedürftigen Menschen sei dazu seit dem Ukrainekrieg im Kreis sprunghaft angestiegen und habe sich auf einem hohen Niveau eingependelt, sagt sie. Gleichzeitig falle die Menge der Lebensmittelspenden durch gezieltere Wareneinkäufe der Supermärkte oder Lebensmittel-Rettungsaktionen geringer aus. Damit stellt der Donnersbergkreis aber kein Einzelfall dar, weiß die Koordinatorin: „In den Nachbarkreisen gibt es einen Aufnahmestopp und lange Wartelisten.“

Händeringend Helfer gesucht

Die Tendenz zum Helfen wird abnehmen, glaubt Sabrina Werner. Die Erzieherin hatte vor ihrer Schicht bei der Tafel einen Aufruf auf dem sozialen Netzwerk Facebook veröffentlicht, um weitere helfende Hände zu finden. „Heute hat es am Vormittag gut geklappt, aber trotzdem bräuchten wir mehr“, sagt die Erzieherin. Sie weiß: „Für Berufstätige sind die Zeiten oft nicht mit dem Job kompatibel.“ Deswegen engagierten sich auch hauptsächlich Senioren. „Aber wie soll das mal weitergehen, wenn die mal nicht mehr da sind? Wir können doch alle irgendwann mal auf die Tafel angewiesen sein“, mahnt sie.

Obwohl die Ausgabe der gepackten Tüten erst gegen 14 Uhr beginnt, tummeln sich bereits am frühen Vormittag die ersten Menschen auf dem Gelände. In ihren Händen halten sie leere Baumwollbeutel. Manche von ihnen unterhalten sich, andere vertreten sich nur stillschweigend die Beine. Während wir damit beschäftigt sind, die Tüten vorzubereiten, klopft es an die Tür. „Gibt es heute keine Nummernausgabe?“, will eine gehetzt klingende Frau wissen. Normalerweise regelt ein Nummernsystem, wer als erstes seine Tüte in Empfang nehmen darf. Da es aber an Personal fehlt, gilt: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Den Kunden bleibt nichts, als vor Ort auszuharren.

Eine gemischte Tüte für alle

In der Zwischenzeit fülle ich mit der zweiten Helferschicht Tüten. Ich bin überrascht, wie gut sich das Team zusammenfügt. Alles geht Hand in Hand: Erst kommen die Milchprodukte. Dann füllen wir mit Gemüse, Obst und Backwaren auf. Doch nach den ersten 30 Tüten und einer Unmenge von leeren Transportboxen stelle ich erschrocken fest, wie drastisch sich die Ware bereits reduziert hat. Ab jetzt überlege ich noch genauer, welche Lebensmittel zusammenpassen: Wer beispielsweise Kartoffeln und Blumenkohl bekommt, der muss auf Salat verzichten. Dabei erwische ich mich, wie ich mir die Frage stelle: Was soll eine dreiköpfige Familie mit einer Paprika und drei Kartoffeln anfangen? Mir ist bewusst, dass es kaum reichen wird. Trotzdem: Auch wenn es wenig scheint, ist es für die Menschen wichtig.

Helfer Ali, ein Flüchtling aus Syrien, der selbst eine Zeit lang auf die Unterstützung der Tafel angewiesen war, übernimmt heute zum ersten Mal alleine die Kasse. Mittlerweile hat sich eine kleine Menschentraube vor seinem Fenster gebildet. Ein bisschen Gedrängel gibt es. Der 33-Jährige bleibt ruhig, kontrolliert die Ausweise, hakt Listen ab und jongliert dabei mit seinen Sprachkenntnissen: Deutsch, Englisch, Arabisch. Am anderen Fenster gibt Sabrina Werner die vorgepackten Tüten raus. Kaum halten die Menschen ihre Pakete in den Händen, entspannen sich die Gesichtszüge. Freundlich bedanken sie sich. Erleichterung macht sich breit – bei Helfern wie auch Kunden. Auch an diesem Tag geht zum Glück keiner leer aus.

Nur ein Bruchteil der Taschen ist bereits gefüllt.
Nur ein Bruchteil der Taschen ist bereits gefüllt.
Gut gelaunt trotz Herausforderungen im Tafel-Alltag: Reporterin Lisa Demmerle-Schmitz.
Gut gelaunt trotz Herausforderungen im Tafel-Alltag: Reporterin Lisa Demmerle-Schmitz.
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