Donnersbergkreis Als das Dorf Kirchheim zur Stadt wurde

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Dass sich ein vollbesetzter Reisebus aus der Kreisstadt am Wochenende zur Ausstellung über Kaiser Karl IV. nach Nürnberg begab, hatte einen guten Grund: Kirchheimbolanden verdankt ihm die Erlangung der Stadtrechte anno 1368. Kommendes Jahr wird also 650. Jubiläum gefeiert. Der Verein Heimatmuseum und der Historiker Klaus Kremb, der die Teilnehmer auf eine schier unerschöpfliche Wissens-Tour ins Spätmittelalter führte, stimmten darauf schon mal ein.

Er mag für Karl ein Arbeitstag wie viele gewesen sein, jener 1. Februar 1368: Anordnungen treffen, Bittsteller empfangen. Mehrere mögen sich, wie so oft, auch an diesem Tag um Stadtrechte bemüht haben. Der 51-jährige Karl ist da nicht übermäßig zögerlich. Erfährt er so doch nachhaltigen Rückhalt selbst beim kleinen Landadel, denn Stadtrechte können auch wieder entzogen werden. Andererseits treten die Bittsteller, in diesem Fall der Graf von Sponheim, nicht mit leeren Beuteln vor einen oft genug klammen Potentaten. Für sie eröffnet sich mit dem Stadtrecht die Möglichkeit, Märkte abzuhalten, was nicht nur Einnahmen verspricht, sondern auch die Entwicklung einer differenzierten Bevölkerungsstruktur mit Handwerk und Gewerbe. Im Schutze der in Kirchheimbolanden schon vorhandenen Stadtmauer kann sich nun urbanes Leben entfalten, wird die Stadt für die umliegenden, oft nur zwei Dutzend Bewohner zählenden Dörfer zu einer Art erblühendem Mittelzentrum. Überdies regelt die Stadtrechtsurkunde die Gerichtsbarkeit. Eine mittelalterliche Win-Win-Situation also. Kirchheim um 1368, so berichtet der promovierte Historiker, dürfte ein Ort von ungefähr 450 Einwohnern gewesen sein. Die einzigen Steinbauten sind wohl die bescheidene Burg der Sponheimer am Ende der heutigen Schloßstraße und die Remigiuskirche, die heutige Peterskirche. Zwar hat eine weitere Sponheimer Besitzung, Dannenfels, bereits Stadtrechte, doch die Lage des Ortes ist ungünstig. Für sein Begehren, dies Recht nun auch Kirchheim zu gewähren, kann der Graf ein gewichtiges Argument ins Feld führen: Nicht direkt zwar, aber immerhin sieben Kilometer näher als Dannenfels liegt Kirchheim an der Via Regia, der großen West-Ost-Achse von Santiago de Compostela nach Kiew. Und Handelsstraßen im Mittelalter sind ungefähr so bedeutungsvoll wie heute eine Datenautobahn. Im Falle der Nordpfalz verläuft die königliche Straße von Göllheim über Albisheim und Ilbesheim Richtung Alzey mit einem bis heute markanten, leider eher als Unfallsymbol bekannten Wegzeichen: dem steinernen Kreuz bei Gauersheim. Dieses für die regionale Geschichte spannende Bild zeichnet Kremb unterwegs plastisch – und wird es in einem zum Jubiläum 2018 erscheinenden Buch über Kirchheimbolandens Stadtentwicklung noch vertiefen. Die dem 700. Geburtstag Karls (1316-1378) gewidmete bayrisch-tschechische Landesausstellung im Germanischen Nationalmuseum, zuvor in Prag gezeigt, spürt hingegen den großen Lebenslinien Karls IV. nach, der, 1355 zum Kaiser gekrönt, einer der bedeutendsten Regenten des Mittelalters wurde. Mit der Goldenen Bulle von 1356 gab er dem römisch-deutschen Kaiserreich eine Art Grundgesetz, das bis 1806 Bestand hatte. Väterlicherseits entstammte Karl, der eigentlich Wenzel hieß, dem Herrscherhaus der Luxemburger, mütterlicherseits den Habsburgern und böhmischen Przemysliden. Am französischen Hof wurde er ausgebildet und zur Gründung der ersten deutschen Universität 1348 in seiner Geburtsstadt Prag angeregt. Karl IV. war ein überaus gebildeter, sprachenreicher, kunstsinniger und frommer Herrscher, der eine spezielle Leidenschaft fürs Reliquiensammeln entwickelte. Gleichwohl war er ein Machtpolitiker. Vordergründig jedoch kein Kriegsherr, eher schon trugen ihm Diplomatie und vier Ehen neue Länder ein und stärkten seine Hausmacht. Nach Prag, das seiner Ära den Ruf als Goldene Stadt verdankt, wo er den Bau des Veitsdoms veranlasste und mit der skulpturentragenden Karlsbrücke das Wahrzeichen der Moldau-Metropole schlechthin schuf, hielt er sich am häufigsten in seiner Kaiserburg Nürnberg auf. In der reichen Handelsstadt war ihm am Wohlwollen der selbstbewussten Patrizier gelegen. So sehr, dass er sie auch zum Vorgehen gegen die Juden ermunterte, denen man hier wie anderswo als „Brunnenvergiftern“ nur zu gern die Schuld an der verheerenden Pestepidemie zuschrieb. Beim Pogrom 1349 wurden 652 Männer getötet, obwohl Juden gegen Geldzahlungen eigentlich unter königlichem Schutz standen. Ein mörderischer Pragmatismus, der eine dunkle Seite Karls IV. beschreibt. Die spätgotische Frauenkirche, die auf seine Veranlassung über der 1349 zerstörten Synagoge entstand, wurde bei der Altstadtführung mit Klaus Kremb und Peter Wasem aus Langmeil, der in Nürnberg als Ingenieur arbeitet, ebenso besichtigt wie Kaiserburg, Schöner Brunnen, Lorenz- und Sebalduskirche, architektonische Schätze einer Stadt nach Karls Maß: groß im Handel, Handwerk, im Finanzgeschäft und in den Künsten, späterhin auch in Wissenschaft und Technik. Trotz der beiden Hauptresidenzen blieb Karl IV. in seinem Großreich ein immenser Meilensammler, ein Reisekaiser. So wurde auch die Urkunde über Kirchheims Stadtrechte nicht in Nürnberg ausgefertigt, sondern in Frankfurt am Main. Ihr Original ist verschollen, eine Abschrift jedoch im Hauptstaatsarchiv Wiesbaden einsehbar.

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