Sport im Wandel RHEINPFALZ Plus Artikel Als alle Kinder noch einen Purzelbaum konnten

Gemeinsam blicken Tobias Wendt (links), Vorsitzender des TV Winnweiler, und Georg Mayer auf viele Veränderungen im Turnen zurück
Gemeinsam blicken Tobias Wendt (links), Vorsitzender des TV Winnweiler, und Georg Mayer auf viele Veränderungen im Turnen zurück.

Der Turnverein in Winnweiler besteht seit 145 Jahren. Georg Mayer (91) begann mit fünf Jahren das Turnen, später war er Vorsitzender. Was ein Riese mit seiner Turnkarriere zu tun hat, erzählt er im Rückblick.

Der Turnverein Winnweiler besteht seit 1876 und zählt heute etwa 930 Mitglieder. Die Zahl steigt von Jahr zu Jahr. Nur im vergangenen Jahr hat es zu der normalen Anzahl an Kündigungen wegen der Corona-Pandemie keine Neuzugänge gegeben. Das Angebot reicht vom Mutter-Kind Turnen über Badminton bis hin zu einer Showtanzgruppe.

Georg Mayer ist bereits seit vielen Jahren Mitglied. Mit fünf Jahren hat er 1934 mit dem Turnen angefangen. „Da war es noch Pflicht, eine schwarze Hose und ein weißes T-Shirt während des Trainings zu tragen“, erinnert sich der 91-jährige Winnweilerer. Heute darf natürlich jeder im Verein anziehen, was er möchte, nur praktisch sollte es fürs Training sein.

„Zu Beginn der Übungsstunde ließ uns der Trainingswart aufmarschieren. Dabei sangen wir das Turnerlied: Auf zum Streite“, so Mayer, der bis zu seiner Rente bei der Verbandsgemeinde Winnweiler gearbeitet hat. Im kleinsten Kurs seien damals 50 bis 60 Turner gewesen, heute seien es manchmal nur noch zehn. „Es war alles disziplinierter. Wenn wir in einer Reihe stehen sollten, dann haben wir das gemacht.“ Im Vergleich zum heutigen Training hat sich viel geändert. Die Kinder lernen spielerisch. „Die Rolle oder einen Purzelbaum können nur wenige, weil die Bewegung im Alltag fehlt“, erklärt der jetzige Vorsitzende Tobias Wendt.

Neugründung nach dem Krieg

Als der Zweite Weltkrieg begann, gab es keine Turnstunden mehr, außer in der Schule. Solange spielte Mayer Fußball, bis der Turnverein am 24. Februar 1951 wieder neu gegründet wurde. „Zu dem Zeitpunkt haben sich die Turner wieder zusammengefunden und die französische Militär-Regierung hat zugestimmt, den Verein wiederzubeleben.“

Nach dem Krieg gab es dann auch wieder Wettkämpfe. An Turnfesten nahm der Verein zum Beispiel 1987 in Berlin mit insgesamt 50 Turnern teil oder 1990 in Bochum/Dortmund. „Die Turnfeste gibt es auch heute noch, aber wir haben keine Turner mehr, die an Wettkämpfen teilnehmen“, erklärt Wendt. Mayer selbst hat weder vor noch nach dem Krieg an Wettkämpfen teilgenommen. Vor dem Krieg sei er zu jung und danach zu alt gewesen, berichtet er.

Keine Nachwuchssorgen

Aktiv war Georg Mayer nicht nur als Turner, sondern auch als Trainingswart. Probleme, einen solchen zu finden, habe es damals nicht gegeben. „Es waren so viele Bewerber, dass einer ausgewählt werden musste“, erzählt Mayer. Erst Mitte der sechziger Jahre seien weniger Übungsleiter gefunden worden. Mayer ist der Meinung, dass es am Geld lag. „1968 wurden das erste Mal insgesamt fünf Mark für eine Trainingsstunde bezahlt.“ Ganz anders ist es auch heute, erzählt Wendt: „Wir suchen trotz guter Bezahlung händeringend Übungsleiter.“ Er wünscht sich zu den aktuell 13 Übungsleitern noch den ein oder anderen dazu. „Wir hätten noch mehr Kapazitäten und könnten noch mehr Kurse anbieten.“

Mayers größte Aufgabe im Turnverein war der Posten als Vorsitzender von 1970 bis 2010. Seine verstorbene Frau Rita Mayer, ehemalige freie Mitarbeiterin der RHEINPFALZ, übernahm jahrelang die Aufgabe der Pressewartin.

„Früher gab es nur Geräte- und Bodenturnen“, so Mayer. „Der Riese am Reck war das Ziel jedes Turners.“ Der Riese, so wird die Riesenfelge oder der Riesenumschwung auch genannt, ist eine Turnübung am Reck und am Stufenbarren. Dabei hängt der Körper der Turner an der Reckstange oder am Stufenbarrenholm und wird in seiner vollen Länge um die Stange geschwungen. Die Übung kann rückwärts oder vorwärts ausgeführt werden. Beim Bodenturnen seien der Handstand und die Brücke besondere Übungen gewesen. „Wir waren stolz, wenn wir einen Handstand machen konnten.“

Mit 21 Jahren, kurz nach dem Krieg, habe er erst die Kippe gelernt. Dabei rotiert der Körper in vertikaler Ebene um eine feste Drehachse und wird dabei von einer tieferen Ausgangslage in eine höhere Endlage gebracht. Die Kippe wird in der Regel an Reck, Stufenbarren und Barren geturnt.

„Damals war das Geräteturnen modern, heute ist es die Showtanzgruppe“, erklärt Wendt. Geräteturnen wird aufgrund des fehlenden Interesses bei den Mitgliedern nicht mehr angeboten. Auch insgesamt sei der Verein moderner geworden, weiß Wendt. „Es gibt neben den Mitgliedschaften auch reine Kursbuchungen. Die Flexibilität scheint den Menschen heute sehr wichtig zu sein. Keiner möchte sich mehr über Jahre festlegen.“

Montagsturnstunde beliebt

Getrennt sind die Mädchen und Jungen in den Turnstunden noch wie zu Gründerzeiten. Auch bei den Erwachsenen habe sich das grundsätzlich nicht geändert. Die ein oder andere gemischte Gruppe gäbe es aber mittlerweile trotzdem.

Bei den Montagsturnern, die mit Steppern, Hanteln oder Bändern trainieren, ist die Stunde nach wie vor gut besucht. Rund 30 Teilnehmer zwischen 35 und 90 Jahren sind regelmäßig dabei.

1906 baute die Ortsgemeinde Winnweiler eine Turnhalle, das heutige Restaurant Max. Darin turnte der Verein, bis die kleine Sporthalle des Wilhelm-Erb-Gymnasiums 1929 gebaut wurde. Von dort zogen die Turner in die alte Halle der Albert-Schweitzer-Realschule, die abgerissen wurde. Bei dem Neubau der Halle wurde eigens für den Verein ein Aufenthalts- und ein Geräteraum integriert.

Mayer ist bis ins hohe Alter aktiv geblieben: Bis vor zwei Jahren, als das Winnweilerer Schwimmbad wegen Renovierungsarbeiten geschlossen wurde, schwamm er regelmäßig seine 1000 Meter. Und er freue sich auch jetzt erneut darauf, im neuen Schwimmbad wieder schwimmen zu können.

Die Serie: Sport im Wandel

Viele Sportarten gibt es bereits seit Jahrzehnten, doch sie haben sich über die Zeit verändert. Neue Trends sind dazugekommen, alte Übungen oder Disziplinen wurden ersetzt. In der Serie stellen lokale Sportler ihre Sportart im Wandel vor und berichten von früheren Erlebnissen und heute.
Georg Mayer hält sich auch mit 91 Jahren noch fit.
Georg Mayer hält sich auch mit 91 Jahren noch fit.
x