Countdown zur Relegation RHEINPFALZ Plus Artikel Albtraum in der Kantstraße: Als Dresden-„Fans“ 2013 Park-and-Ride-Busse attackiert haben

Nach dem Spiel griffen Anhänger von Dynamo Dresden mit FCK-Fans besetzte Busse an, die in der Kantstraße im Stau standen. An die
Nach dem Spiel griffen Anhänger von Dynamo Dresden mit FCK-Fans besetzte Busse an, die in der Kantstraße im Stau standen. An diesem Fahrzeug, in dem auch RHEINPFALZ-Redakteur Rainer Knoll saß, schlugen die Gewalttäter die Scheiben der Türen ein.

„Geje den Verein geh ich nimmie nuff – unn wann’s um die deitsch Määschderschaft geht!“ Das habe ich am 8. Februar 2013 kurz vor Mitternacht zu meiner Frau gesagt. Hinter mir lag der schlimmste von mehreren hundert Betze-Besuchen in meinem Leben. Ich hatte in einem der Park-and-Ride-Busse gesessen, die nach dem Spiel der Zweiten Bundesliga von Dynamo-Dresden-„Fans“ aufs Übelste attackiert worden sind. Ich war so klein mit (FCK)-Hut und überzeugt: gegen diese Mannschaft ins Stadion – nie wieder!

Am Morgen hatte ich mich noch anders angehört. Meine Frau sagte am Frühstückstisch: „In de Roipalz schdeht: Hochrisikospiel. Unn Du gehsch do hie!“ Schließlich hatten sich Dynamo-Ultras zuvor schon mehrfach Entgleisungen geleistet. Das juckte mich nicht. „Ich geh uff de Betze, seit ich fünf bin, des is wie mei Wohnzimmer. Ich wääß genau, wo ich hiegehe kann und wo mer besser wegbleibt“, tönte ich. Welch Irrtum!

Schon vor dem Spiel ist etwas anders

Dass an diesem Tag etwas anders war, merkten wir – mein Bruder und seine Frau waren mit dabei – schon auf der Fahrt zum Stadion. Ein schwarz-gelber Tross wälzte sich die Kantstraße hinauf, mehrmals trommelten vehement Fäuste gegen unseren Bus. Während der Begegnung brannte der Dresden-Block: Bengalos wurden gezündet, Zäune und Absperrungen beschädigt. Müßig zu betonen, dass nicht alle Gäste-Fans an den Randalen beteiligten waren – aber erschreckend viele. Die „normalen“, wie der Vorsitzende eines Dynamo-Fanclubs, zeigten sich tags darauf beschämt über die Vorfälle.

Die Partie selbst lief für „uns“ wie am Schnürchen. Markus Karl und Mo Idrissou trafen zum 2:0-Halbzeitstand. Als Erwin „Jimmyyyy“ Hoffer mit dem 3:0 alles klar machte, tobte die Westtribüne. Und sie verabschiedete die Dresdner nach guter Betze-Tradition mit schwenkenden Taschentüchern und dem Lied: „Darum sagen wir, auf Wiedersehen ...“.

Bereits während der Begegnung hatten die Dresdner „Fans“ in ihrem Block randaliert und Pyrotechnik gezündet.
Bereits während der Begegnung hatten die Dresdner »Fans« in ihrem Block randaliert und Pyrotechnik gezündet.

Katz-und-Maus-Spiel in der Dunkelheit

Das Wiedersehen fand leider schon kurze Zeit später in der Kantstraße statt. Im Detail zu erläutern, wieso Dynamo-Fans nahezu unbehelligt Busse attackieren konnten, führt hier zu weit. Nur soviel: Auch die Polizei, die sich mit einem Sicherheitskonzept akribisch vorbereitet hatte, räumte hinterher Fehler ein. Allerdings hatte sie im Vorfeld gewarnt, das Spiel am Abend auszutragen – der Schutz der Dunkelheit erleichterte es den Ultras, mit den Einsatzkräften an verschiedenen Stellen in der Stadt Katz-und-Maus zu spielen. Und bei aller Prophylaxe: Mit solchen Exzessen konnte niemand rechnen – auch nicht die Polizei!

Zunächst hatten wir noch Glück: Nur wenige Minuten, nachdem wir unseren Bus bestiegen hatten, sind die an der Haltestelle beim Stadion wartenden Menschen von einer Dresdner Horde überfallen worden. Hier schlugen sich nicht Hooligans gegenseitig die hohlen Köpfe ein: Unschuldige Frauen, Männer und sogar Kinder hatten unter Hieben und Tritten zu leiden – eine neue, unfassbare Dimension der Gewalt unter dem Deckmantel des Fußballs.

Mit Bauzäunen Straße blockiert

Unser Bus stand in der Kantstraße im Stau, als der Horror-Trip begann: Plötzlich stürmten 20, 30 Personen von hinten heran, rüttelten das Fahrzeug durch, traktierten es mit Fäusten und Füßen. Kam der Bus mal 100 Meter voran, atmeten wir auf. Doch der Mob holte uns rasch wieder ein, der Terror begann erneut. Weiter unten – das erfuhren wir erst später – hatten die Angreifer mit Bauzäunen die Fahrbahn blockiert, insgesamt drei Busse saßen in der Falle. Vermummte haben sie mit allem beworfen, was ihnen in die Finger kam: mit Steinen, Glasflaschen, Mülleimern und sogar einem Gullydeckel!

Irgendwann splitterten an unserem Bus die Türscheiben. Ich erinnere mich genau an meinen Gedanken: Wenn so etwas passiert, ist auch alles andere möglich. Sekunden später enterten die ersten Dresdner den Bus. Entsetzt war ich über den Hass in ihren Augen. „Wo sind denn Eure Taschentücher?“, rief einer der Täter mehrfach – als hätte es dieser Geste bedurft, um die Gewalt-Orgie zu entfesseln. Die Eindringlinge begannen um sich zu schlagen, sie waren vielleicht noch drei, vier Meter von uns entfernt. Kinder weinten, Erwachsene schrien – Panik pur.

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Lauterer „Bären“ verhindern Schlimmeres

Ein zweites Mal hatten wir Glück: An der eingeschlagenen Tür standen einige gut gebaute Lautern-Anhänger, „Bären“, wie ich sie nannte. Ihnen gelang es mehrfach, die Randalierer hinauszudrängen, diese versuchten wieder hereinzukommen – es ging hin und her. Erst nach 15, 20 Minuten löste sich der Stau langsam auf, der harte Kern der Schläger verfolgte uns aber bis an die Ecke Kant-/Barbarossastraße. Erst als wir abbogen, war der Albtraum vorbei. Bis zum Parkplatz herrschte Totenstille im Bus. Die Bilanz des Abends war verheerend: etliche Verletzte – die genau Anzahl ist mir nicht bekannt –, rund 100.000 Euro Sachschaden.

Und nun heißt es also wieder FCK gegen Dresden. Selber Wochentag, selbe Uhrzeit! Zwar geht’s nicht um die Meisterschaft, aber um den Aufstieg in die Zweite Liga. Und ich muss gestehen: Ich werde mein Gelübde brechen und am Freitag im Stadion sein! Es hat zwar eine Weile gedauert, aber ich habe das Erlebnis längst abgehakt. Ich war seitdem schon etliche Male wieder „uffm Betze“, ohne dass auch nur etwas entfernt Vergleichbares geschehen ist.

Nur eines darf sich wiederholen

Zudem muss jeder, dem der Verein am Herzen liegt, in der momentanen Situation alles geben – auch ich. Und da meine Frau und meine beiden Töchter mich nicht nur von meinem Versprechen befreit, sondern (aus Eigennutz) ausdrücklich dazu ermutigt und sogar vier Karten besorgt haben, schließt sich nun mein persönlicher Dresden-Kreis. Ich gehe fest davon aus, dass fast alles anders laufen wird als an jenem schwarzen Freitag 2013. Nur eines darf sich gerne wiederholen: das Ergebnis!

An dieser Stelle finden Sie ein Video via Glomex.

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