Kirchheimbolanden
Adipositas-Ärztin: „Es geht nicht um die Bikinifigur“
Mit ein paar Kilo zuviel auf den Rippen müssen sich viele Menschen herumschlagen – gerade nach den Weihnachtstagen. Bei den Menschen, die bei Carmen Klein im Adipositaszentrum landen, geht es aber schon lange nicht mehr um ein paar Kilo. Wir haben nachgefragt.
Frau Klein, wer kommt zu Ihnen in die Sprechstunde?
Das sind Menschen, die sich im Normalfall schon lange Zeit, meistens über viele Jahre, mit ihrem starken Übergewicht herumschlagen. Sie merken irgendwann, dass sie es alleine nicht schaffen, davon wegzukommen. Nicht selten gibt es dann einen konkreten Anlass. Beispielsweise wenn eine Folgeerkrankung auftritt wie Diabetes.
In welcher Verfassung sind diese Menschen?
Auf dem Stuhl, auf dem die Patienten bei dem Erstgespräch sitzen, sind schon etliche Tränen vergossen worden. Die Betroffenen haben meistens eine lange Leidensgeschichte hinter sich. Haben etliche Versuche gemacht, um von ihrem Übergewicht herunterzukommen, sind immer und immer wieder gescheitert. Sie haben mit Scham und mit Abwertung zu kämpfen. Wenn sie dann hier sitzen und merken, dass sie auf Verständnis stoßen und dass sie nicht alleine sind mit ihren Problemen, dann empfinden das viele als große Erleichterung.
Adipositas ist ja ein weiter Begriff. Alles über BMI 25 zählt ja bereits dazu. Demnach wäre dann beispielsweise ein Mann, der bei einer Körpergröße von 1,80 Metern 82 Kilo auf die Waage bringt, adipös und behandlungsbedürftig?
Das ist sicher nicht der Fall. Der BMI ist ja nur ein ungefährer Richtwert. Im übrigen gilt sogar der BMI von etwa 27 als ideal. Aber wir legen ohnehin andere Faktoren zugrunde. Es ist für uns beispielsweise wichtig, ob ein Mensch noch arbeitsfähig ist, ob er Folgeerkrankungen hat, wie sein Gesundheitszustand im allgemeinen ist, und ob er beispielsweise auch noch am Sozialleben teilnehmen kann.
Die Patienten, die bei Ihnen erscheinen, haben in dieser Hinsicht also Probleme?
Es gibt nicht wenige, die sich völlig isolieren. Sie gehen nicht zum Sport, sie gehen nicht einmal mehr spazieren. Sie gehen auch nicht aus, oft halten ganz banale Problem sie davon ab. Wie die Frage, ob es einen passenden Stuhl für sie gibt. Oder ob dieser Stuhl ihr Gewicht hält. Gerade bei jungen Menschen ist es ja auch oft so, dass sie gar keinen Ausbildungsplatz bekommen, wenn sie zu dick sind. Man geht automatisch davon aus, dass sie viel krank sind und wenig belastbar. Und dass sie außerdem keine Selbstdisziplin haben.
Ist das nicht der Fall?
Wir sprechen bei unseren Patienten von Dimensionen im Bereich BMI 50 im Durchschnitt. Da geht es dann um 150 Kilo und mehr. Da kommt man alleine mit Selbstdisziplin nicht mehr weiter. Da braucht es professionelle Hilfe und ein ganz langes Durchhaltevermögen.
Ist es denn nicht so, dass in dieser Gewichtsklasse auch schnelle Erfolge möglich sind?
Das schon, insbesondere wenn sich der Patient einem chirurgischen Eingriff unterzogen hat. Dann tut sich im ersten Jahr wirklich etwas auf der Waage. Aber der Weg zum besseren Gewicht ist ein langer, genau gesagt ein lebenslanger. Das unterschätzen viele. Und daran ändert auch eine Operation nichts: Geduld und die Einsicht, dass sie das Thema niemals mehr loslassen wird, das müssen unsere Patienten lernen.
Warum dann überhaupt eine Operation?
Die Anfangserfolge sind größer und der Weg wird dadurch nicht ganz so mühsam. Viele entscheiden sich früher oder später dann deshalb dafür. Aber wir haben auch Patienten, die es auf konservative Weise schaffen. Also ohne Operation.
Und wie helfen Sie diesen Menschen?
Wer zu uns kommt, wird auf vielschichtige Weise angeschaut und untersucht. Zunächst natürlich körperlich. Aber auch die psychologische Komponente spielt bei Übergewicht häufig eine Rolle. Natürlich geht es auch um Ernährungsberatung, da arbeiten wir mit Experten außerhalb des Klinikums zusammen. Die erstellen mit unsere Patienten individuelle Ernährungspläne. Der zweite Schlüssel ist die Bewegung. Auch hier setzen wir an.
Wie kann sich ein Mensch mit 60 Kilo Übergewicht noch großartig bewegen?
Er muss verstehen, dass schon fünf Minuten in Bewegung ein Gewinn sind. Natürlich mit dem Ziel, diese Zeit langsam parallel zum Gewichtsverlust zu steigern. Fünf Minuten auf der Couch und fünf Minuten beim Spaziergang machen einen großen Unterschied.
Und was kann man erwarten, wie schnell kommen diese Menschen zum Normalgewicht?
Darum geht es gar nicht. Normalgewicht oder gar Bikinifigur, das ist nicht unser Anliegen. Die Patienten sollen nicht schöner werden, sondern gesünder.
Gerade ist ja viel die Rede von den Abnehmspritzen, wie sie demnächst auch in Alzey produziert werden von dem Pharmariesen Eli Lilly. Was halten Sie davon?
Das hat in mancher Hinsicht seine Berechtigung. Wenn man damit beispielsweise Diabetikern hilft, dass sie ihr Gewicht halten und dadurch besser eingestellt sind, dann kann das sinnvoll sein. Für Menschen, die mal ein bisschen abspecken wollen, halte ich die Spitzen für weniger geeignet, zumal noch Langzeitstudien zu Nebenwirkungen fehlen. In der Adipositasbekämpfung kann ich mir vorstellen, dass die Spritzen als Ergänzung zur Chirurgie sinnvoll sein könnten. Nach einem Gewichtsverlust in der Stabilisierungsphase möglicherweise. Aber das muss man erst beobachten und abwarten.
Es gibt unter anderem in Deutschland immer mehr Menschen, die an Übergewicht leiden. Insbesondere immer mehr Junge sind betroffen. Wie könnte man dagegenhalten?
Ich beobachte hier bei uns, dass das Wissen über Ernährung mangelhaft ist. Es wird immer weniger gekocht in den Familien. Junge Menschen sollten irgendwo lernen, wie sie ihre Nahrung frisch zubereiten können. Außerdem wäre ich persönlich eine Freundin von einer Zuckersteuer und einem Werbeverbot für ungesunde Nahrungsmittel.
Zahlen und Fakten
Das Adipositaszentrum in Kirchheimbolanden ist seit 2018 zertifiziert. Jährlich werden hier rund 110 Operationen durchgeführt. Mit einem Schlauchmagen, „Sleeve“ genannt, wird der Magen verkleinert. Die Patienten können weniger Nahrung aufnehmen und verlieren deshalb schnell an Gewicht. Beim Magenbypass wird durch die Kombination aus verkleinertem Magen und einer Verkürzung der Dünndarmpassage noch weniger Nahrung aufgenommen. Welche Operationsmethode für wen in Frage kommt, wird individuell festgelegt.
Sprechstunden im Adipositaszentrum Kirchheimbolanden können vereinbart werden unter Telefon 06352 405-224, E-Mail: adipositaszentrum@westpfalz-klinikum.de