KIRCHHEIMBOLANDEN
48. Kirchheimbolander Friedenstage: Sozialer Friede und Zusammenhalt
Beim Blick auf den Ukraine-Krieg, der eine geschichtliche Zäsur darstellt, mahnt Norbert Willenbacher, Sprecher des Arbeitskreises Friedenstage, gerade gewaltfreie Alternativen an. „Es ist an der Zeit, andere gewaltfreie Maßnahmen auf den Weg zu bringen, um diesen Konflikt zu beenden. Endloser Hass ist keine Option“, schreibt er in seinem Vorwort zum Programm der 48. Friedenstage. Rüstung sei kein Mittel, von dessen Höherdosierung man sich Hilfe erwarten könne, und sie sei auch nicht die vielzitierte Zeitenwende, hält Willenbacher einem Zeitgeist entgegen, der den Pazifismus, der ohne Waffen Frieden schaffen will, etwas in die Defensive gedrängt hat – wo er auch vor fünf Jahrzehnten stand, auch da schließt sich ein Bogen. Diese Entwicklung erschrecke ihn, erklärt Willenbacher.
Ukraine-Krieg ein Fokus
Es ist naheliegend, dass der Krieg inmitten Europas eine zentrale Rolle spielt im Programm der Friedenstage – was nicht einfach umzusetzen gewesen sei, wie Willenbacher im Gespräch resümiert. Nachdem schon im Januar und damit vorm Beginn des russischen Angriffs mit den Überlegungen für die Friedenstage begonnen und das Thema „sozialer Friede“ in den Blick gefasst worden war, brachte der Krieg die Verschiebung des Schwerpunktes mit der Notwendigkeit, auch Kontakte in die Ukraine zu knüpfen.
Zum Thema der Friedenstage wird der Konflikt schon früh, denn bereits am Montag, 5. September, zwei Monate vorm eigentlichen Start des Veranstaltungsreigens, werden Hintergründe und Perspektiven zum Ukraine-Krieg von kundiger Seite dargelegt: Clemens Ronnefeldt, Träger des Kirchheimbolander Friedenstagepreises 2020, wird im Blauen Haus als Vortragender und Diskussionspartner zur Verfügung stehen (20 Uhr). Ronnefeldt ist Autor und seit 1992 Referent für Friedensthemen beim Internationalen Versöhnungsbund.
Am 1. November wird dann in der eigentlichen Eröffnungsveranstaltung Yuri Sheliazhenko, der Exekutivsekretär der Ukrainischen Pazifistischen Bewegung, über Möglichkeiten einer friedlichen Beilegung des Konfliktes sprechen. Sheliazhenko, Blogger, Dozent, Journalist und Jurist, ist auch Vorstandsmitglied des Europäischen Büros für Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen. Der Vortrag und die Diskussion werden via Internet ermöglicht und ab 19 Uhr zugänglich sein über die Seite www.friedenstage.de.
Die Friedenstage behalten aber auch den ursprünglichen Fokus im Blick, zumal der soziale Friede mit den Folgen des Krieges für Verteilung, Wohlstand, Preisstabilität verklammert ist und zusätzlich auf harte Proben gestellt wird. Soziale Netzwerke trügen zudem zu Polarisierungen bei und schürten ihrerseits Hass und Gewalt, wie Willenbacher anmerkt. Die Corona-Krise mit den Einbußen an Kontakt und Nähe ruft er als weiteren Verstärker dieser Prozesse in Erinnerung. „,Sozialer Friede – gesellschaftlicher Zusammenhalt’ ist daher das Leitmotiv der diesjährigen Friedenstage“, benennt er das Motto der Veranstaltungsreihe.
Georg Trabert Friedenstagepreisträger
Die Schwerpunkte finden ihren angemessenen Ausdruck in der Wahl der Friedenstagepreisträger. „Die Friedenstaube des Landrates macht sich dieses Jahr – wie könnte es anders sein – auf den Weg in die Ukraine“, kündigt Willenbacher an und nennt als Preisträger das Regional Analytic Center (RAC) aus der Region Odessa – eine Organisation, die im Hinblick auf ethnische Konflikte in der Ukraine schon seit Jahren auf Verständigung und Spannungsabbau hinwirkt und Binnenflüchtlinge im ländlichen Raum der Ukraine versorgt und unterstützt.
Den Friedenstagepreis selbst erhält der Sozialmediziner Gerhard Trabert, der als Arzt wie als Sozialarbeiter versucht, Menschen am Rand der Gesellschaft ein Stück ihrer Würde zurückzugeben. Der Mainzer, Gründer der Vereine „Armut und Gesundheit in Deutschland“ und „Flüsterpost“, wurde bundesweit bekannt als parteiloser Kandidat der Linken für die jüngste Wahl des deutschen Bundespräsidenten. Der regionale Friedenstagepreis geht an die Telefonseelsorge in der Pfalz, die im Stillen hilft, Lebenskrisen zu bewältigen und Menschen in seelischen Nöten anzuhören und zu stützen. Die Verleihung der Friedenstaube wird für den 1. Dezember (19 Uhr, Kreishaus) angekündigt, die der Friedenstagepreise für 11. Dezember (18 Uhr, Stadthalle).
Peter Roos’ Stück „Bürckel!“ in Winnweiler
Eigentlicher Höhepunkt und Kristallisationskern der Friedenstage wird, wie in jedem Jahr, am 9. November die Gedenkfeier zur Reichspogromnacht am Synagogenvorplatz sein, getragen von den Kirchen, der Stadt und der Schülerschaft. Gast von jüdischer Seite ist die Rabbinerin Naomi Gümbel-Henkel aus Berlin, die familiäre Wurzeln in Albisheim hat. Sie ist tags darauf Gesprächspartnerin bei einem Interkulturellen Dialog im Dietrich-Bonhoeffer-Haus (19 Uhr).
Um diesen Kern versammelt sich eine große Vielfalt von Verstaltungen, die auf ganz unterschiedliche Weise die Thematik der Friedenstage beleuchten. Ein weiterer Höhepunkt wird das Gastspiel des Pfalztheaters mit dem Erfolgsstück „Bürckel! Frau Gauleiter steht ihren Mann“ sein, geschrieben von dem in Göllheim aufgewachsenen Autor Peter Roos und gespielt von Hannelore Bähr zum 80. Jahrestag der Deportation Pfälzer Juden ins Lager Gurs (6. November, 17 Uhr, Festhaus Winnweiler). Etliche Lesungen werden angekündigt, darunter beispielsweise mit Wolfgang Schorlau, dem Erfinder des von einer TV-Serie bekannten Privatermittlers Georg Dengler (18. November, 19.30 Uhr, Blaues Haus), oder auch – weniger themenbezogen – Theater mit dem Midnight Story Orchestra, das einen Klassiker der Gothik Novel, E.T.A. Hoffmanns „Elixiere des Teufels“ (5. November, 20 Uhr, Blaues Haus), spielt. Viele Gottesdienste und Gedenkveranstaltung, Kita-Aktivitäten geben dem Programm die angemessene Abrundung.