Germersheim RHEINPFALZ Plus Artikel Vapes, Zerstörung, Polizeieinsätze: Schule installiert Kameras in Toiletten

Das Goethe-Gymnasium geht einen ungewöhnlichen Schritt.
Das Goethe-Gymnasium geht einen ungewöhnlichen Schritt.

Am Gymnasium in Germersheim überwachen Kameras die Vorräume der WCs. Warum die Schule diese Konsequenz zieht.

Martin Stein redet offen über die Zustände, die in den Schultoiletten herrschten: Waschbecken und Schüsseln waren mit Klopapierrollen verstopft, es gab regelmäßig Überschwemmungen. Boden und Wände waren verschmiert, Türen, WC-Brillen und Spüldrücker mutwillig zerstört. Vapes wurden geraucht, es gab Pöbeleien zwischen Schülergruppen. Jüngere Kinder hätten sich in der Pause nicht mehr auf die Toilette getraut, weil sie von älteren Schülern blockiert wurde, erzählt der Schulleiter des Germersheimer Goethe-Gymnasiums (GGG). Der finanzielle Schaden wegen Vandalismus war im vergangenen Jahr fünfstellig. Es gab Polizeieinsätze, weil der Brandmeldealarm durch E-Zigaretten und Parfümwolken, die den Geruch verdecken sollten, ausgelöst wurde.

Schlüssel ist keine Lösung

Das Ausmaß sei irgendwann so schlimm geworden, dass die Schule reagierte. Die Toiletten waren fortan nur noch in den Pausen geöffnet. Wer während der Unterrichtszeit oder in Freistunden aufs Klo wollte, musste zuerst einen Schlüssel im Sekretariat abholen. Die Toilettengänge wurden dokumentiert. Die Regel war wenig praktikabel, nicht besonders effektiv und sorgte für Mehrarbeit im Sekretariat, berichtet Stein. Er habe Grenzsituationen erlebt, in denen Schüler es nicht bis zur Toilette geschafft haben. Die Schlüssel-Lösung hielt sich nur zwei Monate.

Problemzone Schulklo: Links über den Waschbecken hängt die Kamera.
Problemzone Schulklo: Links über den Waschbecken hängt die Kamera.

Nun hängt seit vier Wochen in den Toiletten eine Kamera – im Vorraum über den Waschbecken. Sie filmt, was hier und auf dem Gang zu den Kabinen passiert. Der Bereich mit den Kabinen und die Pissoirs sind außen vor. Gemeinsam mit dem Kreis, dem Schulträger, wurde die Videoüberwachung vorab datenschutzrechtlich geprüft und in einer Folgeabschätzung (DSFA) bewertet, ob die Privat- und Intimsphäre der Schüler ausreichend geschützt bleibt. Es sei ein aufwendiger Prozess gewesen, erzählt Martin Stein. „Wir haben es hingekriegt.“

Keine Live-Beobachtung

Es laufe keine Echtzeit-Überwachung, sprich es gibt niemanden, der die Kinder ständig beobachtet. Die Aufnahmen werden nach drei Tagen automatisch gelöscht. Gespräche und Geräusche werden nicht aufgenommen. Nur wenn ein Anlass besteht, werde zurückgespult und das Videomaterial gesichtet, erläutert Stein. Ausschließlich sein Stellvertreter und er haben Zugriffsrecht, der Hausmeister nach Aufforderung. Eine Toilette bleibt weiterhin abgeschlossen: Diese können Kinder und Jugendliche benutzen, die sich nicht am Waschbecken filmen lassen wollen.

Ein Aufkleber auf der Tür zur Jungentoilette weist auf die Videoüberwachung hin.
Ein Aufkleber auf der Tür zur Jungentoilette weist auf die Videoüberwachung hin.

Das Goethe-Gymnasium ist eine von mehreren südpfälzischen Schulen, die dem Vandalismus und sonstigem Unfug in ihren Toiletten Einhalt gebieten wollen. In der Paul-Gillet-Realschule in Edenkoben sind die WCs nur in der Pause geöffnet. Lehrer kontrollieren die Eingänge und verhindern, dass Schülermassen reinströmen. Ansonsten sind sie nur mit Schlüssel zugänglich. Die Probleme hier waren ähnlich: Schüler rauchten heimlich E-Zigaretten, es gab Rudelbildungen, fragwürdige TikTok-Challenges mit dem Smartphone und Beschädigungen. Schüler waren eingeschüchtert. Auch am Pamina-Schulzentrum in Herxheim müssen die Kinder seit einigen Monaten einen Schlüssel im Sekretariat holen, wenn sie während des Unterrichts auf die Toilette gehen. Es wird Protokoll geführt. Einige Eltern hatten kritisiert, dass dadurch viel Unterrichtszeit verloren geht.

Eltern haben Verständnis

Aufruhr unter Eltern gab es am Goethe-Gymnasium laut Martin Stein wegen der Kameras nicht. „Wir sind auf großes Verständnis gestoßen“, erzählt der Schulleiter, der durchaus mit vereinzelten Bedenken gerechnet hatte. Der Elternbeirat und Schülervertreter seien in den Abstimmungsprozess involviert gewesen. Dabei schwang, so Stein, immer die Frage mit: „Wie können wir es so gestalten, dass wir der Schulgemeinschaft nicht das Gefühl geben, Big Brother is watching you.“

Jonas Gschwind (13) fühlt sich nicht beobachtet. „Man weiß, die Kamera sieht nur den Gang“, sagt der Siebtklässler im RHEINPFALZ-Gespräch. Die Klos seien oft kaputt und dreckig gewesen, es gab Gedränge. Seit die Kameras installiert sind, seien die Probleme „sehr viel weniger geworden“. Die Atmosphäre sei jetzt ruhiger und angenehmer und die Toiletten nicht mehr so voll, ergänzt seine Schwester Fabienne (15). „Es war notwendig mit den Kameras“, meint die Neuntklässlerin.

Bundesweit berichten Schulen über Vandalismus und andere Probleme auf ihren Toiletten.
Bundesweit berichten Schulen über Vandalismus und andere Probleme auf ihren Toiletten.

Probleme mit Online-Challenges

Es sei eine Lösung für die Kloproblematik gesucht worden, bei der kein Kind einen Mitschüler denunzieren müsse, sagt der Schulleiter. Die Kameras seien kein „Allheilmittel“, aber eine Hemmschwelle. Aufläufe in den Toiletten und gruppendynamische Prozesse gebe es nicht mehr, seit sie hängen. Bislang musste kein Videomaterial kontrolliert werden. Es gehe nicht darum, eine Bestrafung herbeizuführen, sondern mit Verursachern ins Gespräch zu kommen. Und ja, verschmutzte und beschädigte Klos gab es immer schon, weiß der Schulleiter. Die Problematik der Challenges in sozialen Medien - digitale Mutproben, die zum Nachahmen und mitunter zum Verwüsten der Klos auffordern - sei hinzugekommen. Um zu verhindern, dass Schüler von Anderen mit Handys über den Kabinenrand gefilmt und Fotos in sozialen Netzwerken hochgeladen werden – auch solche Vorfälle gab es – wurden außerdem die Wände bis zur Decke erhöht. Zwei weitere Kameras hängen im Fahrradkeller. Sie sollen Diebe abschrecken, denn hier wurden immer wieder E-Roller geklaut. Am Busbahnhof, an dem es schon Drogen- und Gewaltdelikte gegeben habe, sei eine Kamera hingegen unzulässig.

Das Goethe-Gymnasium ist laut Martin Stein die erste Schule in der Südpfalz mit Kameras im Toilettenraum. Andere Schulen hätten sich schon nach den Abläufen und Erfahrungen damit erkundigt. Am Karolinen-Gymnasium in Frankenthal hängt seit vergangenem Jahr eine Kamera vor dem Eingang zu einer Toilette.

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