Sippersfeld / Donnersbergkreis
Ärztemangel im Donnersbergkreis: Was die Schließung der Praxis Kolb-Siebecker bedeutet
Frau Kolb-Siebecker, am 14. Mai feiern Sie das 35-jährige Bestehen ihrer Praxis in Sippersfeld. Trotzdem ist bald Schluss?
Ja, ich werde meine Praxistätigkeit zum 31. Januar nächsten Jahres beenden und werde dann voraussichtlich ab März, April noch ein bisschen bei den Kolleginnen Demmerle und Seiferth im MVZ in Winnweiler arbeiten.
Was sind die Gründe?
Ich bin einfach müde. Es ist, so wie es sich im Moment an Arbeitsaufwand für mich darstellt, sehr viel und kostet viel Kraft. Ich werde in diesem Jahr 66 und merke, dass meine Leistungsfähigkeit nun etwas nachlässt. Was ich vor zehn Jahren noch locker mit Praxis, Familie, Haushalt und Garten bewältigt habe, das schaffe ich nun nicht mehr so gut. Außerdem nimmt die Bürokratie stetig zu. Deswegen habe ich mir gedacht, dass ich Medizin an sich gerne weitermachen würde, aber ohne den ständigen Druck und ohne den bürokratischen Aufwand, der an einer Praxis hängt.
Wie ist der Stand bei der Suche nach einem Nachfolger für Ihre Praxis in Sippersfeld?
Natürlich habe ich mich für eine Nachfolge interessiert. Tatsächlich gab es auch kurzzeitig jemanden, der sich die Praxis angeschaut hat. Allerdings hat es für denjenigen aufgrund der Distanz zum Wohnort nicht gepasst. Ansonsten gibt es niemanden. So eine Praxis wie meine, die ein großes Einzugsgebiet und auch eine relativ hohe Scheinzahl für eine Einzelpraxis hat, das ist schon sehr viel Arbeitsaufwand und passt schlecht in das moderne Konzept von Work-Life-Balance. Deshalb sind viele jüngere Kollegen eher bestrebt, im MVZ zu arbeiten, wo man sich auch mal die Arbeitszeiten teilen oder füreinander einspringen kann. Das ist ja auch sinnvoll und der Arbeitskraft zuträglich, um dort auch länger arbeiten zu können.
Wie schwer ist Ihnen die Entscheidung gefallen zu schließen?
Die Entscheidung ist mir nicht leicht gefallen. Sie fällt mir auch jetzt noch schwer, wenn die Patienten nach und nach ihre Unterlagen abholen. Das passiert bereits im größeren Rahmen, obwohl ich dachte, dass sich das noch etwas hinziehen würde. Aber die Leute haben richtige Panik, nirgendwo einen Hausarzt zu finden. Jetzt mit der neuen Praxis von Frau Ruth in Winnweiler sehen viele eine gute Möglichkeit, bei einem neuen Arzt unterzukommen. Sie fängt viele Patienten von mir, aber auch von anderen Praxen auf, die schließen oder in naher Zukunft schließen werden. Wobei sie allerdings klar sagt, dass sie in Sippersfeld und wahrscheinlich dann auch in Breunigweiler keine Hausbesuche macht.
Was bedeutet das für ihre älteren Patienten, die weniger mobil sind?
Für meine älteren Patienten, die besucht werden müssen, sieht es also schlecht aus. Die haben jetzt ein echtes Problem. Das MVZ Nordpfalz hingegen ist eher bereit, auch mal nach Sippersfeld zu fahren. Aber auch das MVZ macht sicherlich weit weniger Hausbesuche, als ich es all die Jahre gemacht habe. Es reißt sich nun mal keiner drum, einen Hausbesuch in weiter Entfernung zu machen. Das ist auch verständlich: Es ist sehr zeitaufwendig, es spiegelt sich in keiner Weise in dem wider, was man als Lohn bekommt. Insofern ist es eine Serviceleistung des Allgemeinarztes, der seine Leute schon ewig betreut.
Dennoch haben ältere Menschen ein Recht auf medizinische Versorgung – auch in einem Flächenlandkreis wie dem Donnersbergkreis ...
Es muss sich noch zeigen, wie die Versorgung dieser immobilen Patienten künftig stattfindet. Wahrscheinlich läuft es dann über eine Verah (Anmerkung der Redaktion: Versorgungsassistenz in der Hausarztpraxis) oder eine NäPA (Anmerkung der Redaktion: Nichtärztliche Praxisassistenz). Das sind Medizinische Fachangestellte mit einer speziellen Ausbildung, mit spezieller Ausstattung, die Hausbesuche machen dürfen und die dem Arzt zuarbeiten. Wenn der Arzt dann eine Veranlassung zur weiteren Behandlung sieht, obliegt es ihm, die Maßnahmen zu veranlassen.
Wie schätzen Sie die medizinische Versorgung allgemein im Kreis ein?
Von Kollegen aus Rockenhausen und Enkenbach habe ich schon gehört, dass sie in absehbarer Zeit ebenfalls ihre Praxis schließen werden. In Enkenbach soll es zwar eine Nachfolgerin geben, dennoch gibt es dann immer viele Patienten, die sich umorientieren wollen. Und die Versorgung im Kreis ist schwierig.
War die schwierige Versorgungssituation für Sie ein Grund, länger als geplant Ihre Praxis weiterzuführen?
Nein, bis vor Kurzem war die Praxisschließung noch gar kein Thema für mich. Erst jetzt, nachdem viele meiner Freunde in Rente gehen, habe ich mir Gedanken übers Kürzertreten gemacht. Aber es gibt auch einige Kollegen hier im Kreis, die mit über 70 noch praktizieren.
Glauben Sie, dass allein das Konzept der Work-Life-Balance der einzige Grund ist, warum weniger junge Ärzte Landarztpraxen eröffnen?
Die Kosten sind groß, die bürokratischen Hürden sind zu hoch. Die politische Unterstützung war für die Allgemeinarztpraxen bisher nicht so doll. Der Hausärzteverband kämpft um jeden Meter, es ist alles ein Ringen mit den Kassen, mit den Verbänden. Aber die Budgets sollen sich ja jetzt verbessern. Und vieles hat sich auch schon gebessert. Früher gab es noch keinen Notdienst bei uns. Dann musste ich am Wochenende mehr oder weniger in Hörweite meines Haustelefons sitzen. Handys gab es da ja noch nicht. Da ist die ganze Familie eingesprungen. Jeder hat nach dem Telefon gehorcht oder ist mal mit den Kindern wohin gefahren, weil ich nicht weg konnte. Trotzdem: Ich würde immer wieder in die Medizin gehen, nur nicht mehr als Einzelkämpfer.
Was würden Sie sich denn auf politischer Ebene wünschen, damit wieder eine Verbesserung möglich ist?
Ich muss gestehen, ich bin nicht so berufspolitisch engagiert. Das ist auch meiner mangelnden Zeit geschuldet. Aber man kann sich nur wünschen, dass die Bürokratie im Arztsektor abgebaut wird. Dann wird auch wieder vieles einfacher. Die Bürokratie hat einen riesen „Schwollkopf“ gekriegt. Früher haben wir auch alles dokumentiert und aufgeschrieben, aber heute müssen zig Formulare ausgefüllt werden.
Ist die Versorgung der Patienten dadurch Ihrer Erfahrung nach besser geworden?
Die Behandlungsprogramme haben sicher vieles gebracht in der Überprüfung der Therapien und auch durch statistische Erhebungen konnten da viele Ergebnisse gewonnen werden. Aber es ist auch eine große Belastung für die niedergelassenen Ärzte, die sich in den Honoraren nicht widerspiegelt. Das alles machen Sie zusätzlich zu Ihrer Fortbildungspflicht, die sie auch gegenüber Ihrem Personal haben. Qualitätsmanagement ist auch ein Thema. Ärzte sind heute viel mehr Unternehmer als früher.
Haben sich auch die Patienten verändert?
Der Ton ist merklich rauer geworden. Wir erleben häufiger aggressive Patienten als früher. Glücklicherweise sind das nicht alle. Vereinzelte Patienten sind aber schon ungeduldiger und fordernder geworden. Es gibt ein großes Anspruchsdenken, nach dem Motto: Ich zahle schließlich teure Krankenkassenbeiträge. Das Solidarprinzip ist da manchen aus dem Gedächtnis geraten.
Mit dem Blick auf das, was ab 2026 kommt: Auf was freuen Sie sich besonders?
Darauf, dass ich nicht ständig denken muss: Oh Gott, ist die Buchhaltung schon fertig (lacht). Aber auch meine Familie steht ganz vorne auf meiner Liste und ist mir ein großes Bedürfnis. In Kürze bekommen wir unser zweites Enkelkind. Das alles ist sehr schön. Aber ich lerne auch gerne Sprachen. Unheimlich gern lese ich, ich mag es zu kochen und auch Handarbeiten, bin auch sehr gerne draußen beim Wandern, mache Ausdauersportarten oder bin in unserem Garten. Mein Tag hat also nie genug Stunden (lacht).
Zur Person
Doris Kolb-Siebecker wurde 1959 in Sippersfeld geboren und studierte in Mainz Humanmedizin. Anschließend arbeitete sie in der Chirurgie und Unfallchirurgie am Westpfalz-Klinikum Kaiserslautern. Nach der Elternzeit übernahm sie am 14. Mai 1990 die Hausarztpraxis von Rüdiger Schuhbeck.