Bad Dürkheim Was rankommt, muss auch wieder ab
Pheromon-Dispenser zur Bekämpfung des Traubenwicklers landen oft als Plastikmüll im Wingert. Ist biologisch abbaubarer Kunststoff eine Lösung?
Noch vor 15 Jahren gab es einige Zweifler – sie wollten die neuen braunen Plastikdinger nicht an ihre Reben hängen und glaubten weiter an E605 als günstigsten Wirkstoff gegen den Traubenwickler, den Feind Nummer eins im Weinberg. Das aber ist schon lange her, wie sich Thomas Simon vom Freinsheimer Weingut Kassner-Simon erinnert. Heute sind die Pheromon-Behältnisse, sogenannte Dispenser, nicht mehr aus dem Wingert wegzudenken. Auch in unserer Region hängen so gut wie alle Winzer die Kapseln zur Bekämpfung des Traubenwicklers aus.
Schonender als Spritzen
Die Larven des Falters befallen Blüten und Trauben und mindern dadurch den Ertrag – in manchen Jahren können bis zu drei Generationen des Insekts schlüpfen. Die künstlichen Pheromone verwirren die Männchen, sodass sie nicht mehr zu den Weibchen finden und sich paaren können. Für die Natur ist das schonender als Insektizide und offenbar hocheffizient. Winzer Simon hat in den Jahren des Pheromon-Einsatzes kein einziges mal mehr „nachspritzen müssen“ mit einem Insektizid. Jedes Jahr aufs Neue werden die Verwirrstoffbehälter an die Triebe gehängt – so lange reicht der darin enthaltene Wirkstoff. In Freinsheim hängen sie seit Freitag, morgen sind die Wachenheimer unterwegs und am Donnerstag durchkämmen die Dürkheimer Winzer ab 7.30 Uhr die Reben. Überall haben sich zu diesem Zweck vor Jahren schon sogenannte Pheromonanwendergemeinschaften gebildet, Zusammenschlüsse von Winzern, zur Verteilung der Pheromone. Wenn mehr als 100 Winzer und Helfer am Werk sind und alle fünf Meter eine Ampulle an die Rebe haken und das Ganze vier Meter nebenan wiederholt wird, ist man an einem Tag durchs ganze Anbaugebiet.
"Eine absolute Gemeinschaftsaktion"
Die ersten, die die drei Generationen des Schädlings, die Heu-, Sauer- und Süßwürmer, in der Region auf umweltfreundliche Weise bekämpft haben, waren 1993 Wachenheimer Winzer. Im „Gerümpel“ waren sie die Pioniere – „noch zu Versuchszeiten des DLR“, sagt Winzer Jürgen Zimmermann. Die Aktion koste den einzelnen Betrieb 140 Euro pro Hektar, sagt er. 50 Euro schießen das Land und die EU zu. „Das ist eine absolute Gemeinschaftsaktion“, meint sein Kollege Jochen Wegner aus Dürkheim, wo die Winzer auf 550 Hektar Rebenland rund 250.000 Plastikkapseln verteilen. „Nicht kontrollierbar“ sei dagegen, ob alle Winzer sich daran halten, die Kapseln am Ende der Saison, etwa zeitgleich mit dem Rebschnitt, abzuhängen und einzusammeln. Auf 80 Prozent der Anbaufläche werde in der Pfalz die Verwirrmethode eingesetzt, sagt Andreas Kortekamp, Leiter des Instituts für Phytomedizin beim Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) Rheinpfalz in Neustadt. Gesetzlich vorgeschrieben sei, dass die alten Dispenser vor dem Ausbringen der neuen wieder eingesammelt werden. Da die Dispenser nicht sehr groß seien und ihre Anzahl nicht so hoch, „bewerten wir den Verbleib auf dem Boden nicht als Müllbelastung und nicht als ein Problem für die Natur“. Dennoch will das DLR „mit Nachdruck auf die ordnungsgemäße Entsorgung der Ampullen hinweisen“.
ADD: Müllbelastung "relativ gering"
Wie viele Plastik-Dispenser landen denn nun tatsächlich auf dem Boden? Schwierig festzustellen. Die Kontrolle übernimmt der Prüfdienst Agrarförderung beim DLR Mosel, erklärt Eveline Dziendziol, Pressesprecherin der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) in Trier. In Rheinland-Pfalz gebe es 184 Anwendergemeinschaften. 2017 habe die ADD zehn besucht. In zwei Fällen hätten die Winzer die Ampullen nicht vollständig abgehängt. Dafür gab’s eine Kürzung der Fördergelder. Auch die ADD schätzt die Müllbelastung durch nicht eingesammelte Ampullen im Verhältnis zum Nutzen als „relativ gering“ ein. Die braunen Kapseln sind nicht aus biologisch abbaubarem Material. Bisher ist deren Einsatz laut DLR daran gescheitert, dass die Duftstoffe nicht gleichmäßig und in notwendigen Mengen abgegeben worden seien. Die BASF hat in diese Richtung geforscht. Allerdings hätten die Versuche keine befriedigenden Ergebnisse gebracht, sagt BASF-Sprecherin Christina Zeintl. Die derzeit genutzten Kapseln könnten über das Entsorgungssystem Pamira recycelt werden. Das System starte mit bundesweit 365 Sammelstellen in die aktuelle Saison. Dort werden an ein- bis viertägigen Terminen Verpackungen mit Pamira-Zeichen zurückgenommen und dann umweltgerecht entsorgt. Trotzdem sind die Pheromonkapseln im Weinbau ein „Riesenfortschritt“. Der Traubenwickler jedenfalls bereite ihnen keine Sorgen mehr, meinte der Dürkheimer Winzer Wegner. „Wir können ruhig schlafen.“ Info —Die Pheromon-Anwendergemeinschaft Wachenheim/Forst verteilt die Kapseln morgen (Treff ist der Feldparkplatz am Friedhof in Forst um 7.30 Uhr). —Die Anwendergemeinschaft Dürkheim ist am Donnerstag dran (7.30 Uhr, Schutzhütte Hochfeld) und sucht noch Helfer. Kontakt: Philipp Hofmann, 06322 9880250, philipp@spielberg-riesling.de