Bad Dürkheim
Steiniger und Mackensen-Geis liefern sich Kopf-an-Kopf-Rennen
Was für ein Wahlabend. Fast fünf Stunden lang lieferten sich Isabel Mackensen-Geis (SPD) und Johannes Steiniger (CDU) ein Kopf-an-Kopf-Rennen um das Direktmandat im Wahlkreis Neustadt-Speyer. Dabei haben es beide spannender gemacht als die Parteien in den Hochrechnungen auf Bundesebene. Zwei Stunden führte Mackensen-Geis bei den Erststimmen im Wahlkreis. Dann kam um kurz nach 20 Uhr die Trendwende. Als 192 von 265 Wahlbezirken ausgezählt waren, schob sich Johannes Steiniger um 36 Stimmen vor, knapp eine Dreiviertelstunde später bei 226 Wahlbezirken waren es knapp 1300 Stimmen Vorsprung. Am Längsten mussten alle auf das Endergebnis aus der VG Wachenheim warten. Am Ende um 22.42 Uhr waren es 3612 Kreuzchen mehr, die Steiniger nach acht Jahren im Bundestag ein weiteres Mandat für vier Jahre sicherten.
„Das war aufregend. Man traut sich lange nicht, sich zu freuen“, sagte der Wahlgewinner, der den ganzen Abend gebannt mit Freunden in Bad Dürkheim auf die Internetseiten des Landeswahlleiters gestarrt hat. Dass es knapp werden würde, habe er aber im Gefühl gehabt. „Ich habe die politische Stimmung bei meinen rund 4000 Haustürgesprächen sehr genau mitbekommen.“ Da er aber sechs Prozentpunkte mehr Erststimmen habe einfahren können als die CDU im Wahlkreis an Zweitstimmen bekam, sei er sehr zufrieden. „Das war dann wohl mein eigener Effekt.“
Das bundesweite Wahlergebnis der CDU bezeichnete Steiniger als „desaströs“. Lange feiern werde er seinen Sieg nicht mehr. „Ich bin nach den vergangenen Wochen einfach nur kaputt.“ Am Dienstag geht es für Steiniger schon wieder nach Berlin. Nachmittags steht eine Fraktionssitzung an. Ein Ticket gebucht habe er noch nicht im Vorfeld. Da müsse er sich erst noch drum kümmern.
Mackensen-Geis: „Gute Bestätigung“
Als eine „gute Bestätigung“ für ihre vergangenen zwei Jahre im Bundestag wertet Isabel Mackensen-Geis ihr Ergebnis. Es sei eine „große Freude“ gewesen, dass sie so lange vorne gelegen habe. Während des Abends habe sie ein Wechselbad der Gefühle erlebt. Jedoch habe es sich ausgezahlt, im Wahlkampf überall präsent gewesen zu sein. Außerdem habe die SPD in vielen Regionen kräftig zugelegt. Sehr gefreut habe sie sich über die Ergebnisse in Speyer, Schifferstadt, Leiningerland oder Esthal. „Vor vier Jahren waren einzelne Orte Rot, jetzt sind es ganze Verbandsgemeinden“, so die 34-Jährige, die vor zwei Jahren als Nachrückerin in den Bundestag einzog. Den Wahlabend hat Mackensen-Geis in ihrem Wahlkreisbüro in Neustadt mit vielen Wahlkampfhelfern verbracht. Ob sie tatsächlich den Sprung über die Landesliste nach Berlin schaffen werde, könne sie noch nicht sagen. Dies hänge auch von den Direktmandaten ab. „Das wird noch ein langer Abend.“ Miteinander angestoßen habe aber man aber trotzdem schon: „Schließlich haben wir das Ende einer sehr intensiven Zeit erreicht.“
Listenplatz sieben reicht für Grüne nicht
Hannah Heller (Grüne) war enttäuscht: Auf Bundesebene sei das Ergebnis der Grünen wohl nicht ausreichend, „um konsequent Klimaschutz umsetzen zu können in der nächsten Regierung“. Auf Landesebene sei es zu schwach, um sie selbst über Listenplatz sieben ins Parlament einziehen zu lassen. Vor der Wahl hatte sie sich hoffnungsfroh gezeigt, dass es reichen könnte. Sie könne persönlich damit leben, weil sie genügend andere Projekte habe – vom Abschluss ihrer Promotion bis zur im November bevorstehenden Geburt ihres zweiten Kindes, so die 31-Jährige. „Gesellschaftlich gibt mir dieses Ergebnis aber sehr zu denken.“ Heller spricht sich für eine Regierungsbeteiligung der Grünen vorrangig an der Seite der SPD aus: „Lieber soziale Gerechtigkeit als Steuersenkungen für Reiche.“ Spitzenkandidatin Annalena Baerbock mache sie keinen Vorwurf, betont Heller. Sie habe zwar kleinere Fehler gemacht, sei aber letztlich wie gesamte Partei Opfer einer „platten Stimmungsmache“ unter anderem in den sozialen Medien geworden. „Die Gegenseite hat leider stark gegen uns mobilisiert.“
Bianca Hofmann (FDP) muss lange wach bleiben
Dass es für Bianca Hofmann (FDP) im Wahlkreis Neustadt-Speyer am Sonntagabend mit dem Direktmandat für den Bundestag nicht geklappt hat, „war keine große Überraschung“, sagte die 54-Jährige am Rande einer Wahlparty der Liberalen im Tennisclub Speyer. Schon im Vorfeld war die Betriebswirtschaftlerin mit realistischen Erwartungen in den Wahlabend gegangen und hatte sich angesichts der starken Konkurrenten von CDU und SPD eher Chancen über ihren guten Listenplatz sechs ausgerechnet. Ob sie darüber das Ticket nach Berlin lösen kann, war am Sonntagabend aber noch in der Schwebe: „Ich bleibe heute länger wach, es kommt noch darauf an, wie viel Prozentpunkte wir erreichen.“ Entmutigt fühlt sich Hofmann nach eigener Aussage nicht. „Mit meinem Ergebnis im Wahlkreis bin ich zufrieden, der Wahlkampf und der Wahlabend waren spannend. Ob es letztlich für ein Mandat reicht, ist egal.“ Eins stehe für Hofmann jedenfalls schon fest: „Ich höre morgen nicht auf mit Politik.“
Mit seinem zweistelligen Erststimmenergebnis ist AfD-Bewerber Thomas Stephan „sehr zufrieden“. Vor allem habe er sich über die 15,7 Prozent in seinem Heimatort Haßloch gefreut: „Das zeigt, dass es sich bezahlt macht, wenn man vor Ort vernünftige Politik macht.“ Auch mit dem AfD-Zweitstimmenergebnis könne er gut leben. „13 Prozent wären super gewesen, einstellig wäre schlimm gewesen, und jetzt liegen wir genau mittendrin.“ Das Wahlergebnis sei „eine Bestätigung für das, was wir machen“. Als bemerkenswert stufte Stephan das enge Rennen ums Direktmandat zwischen Steiniger und Mackensen-Geis ein. Sein Fazit: „Ich kann gut schlafen.“
Linkspartei-Bewerber hadert mit Verlusten
Zerknirscht war am Sonntagabend Linken-Direktkandidat Stefan Huber-Aydemir. Das Neustadter Stadtratsmitglied haderte mit der Verschlechterung der Wahlergebnisse im Vergleich zum Urnengang vor vier Jahren. Er habe speziell in seiner Heimatstadt auf einen Stimmenanteil von 3,3 Prozent gehofft, das mit 2,8 Prozent aber knapp verpasst. „Kein gutes Ergebnis, kein schöner Abend“, haderte Huber-Aydemir. Dass seine Partei zudem bundesweit an der „Fünf-Prozent-Hürde knabberte“ und nach Verlusten sogar um den Einzug in den Bundestag bangen musste, „ist brutal“. Dass eine rot-rot-grüne Regierung nicht möglich ist, bedauerte der Neustadter: „Für Deutschland wäre das gut gewesen.“ Die Linkspartei habe letztlich darunter gelitten, dass im Wahlkampfendspurt „fast ausschließlich die Kanzlerfrage zählte, da war es schwierig für kleine Parteien“.