Mythos Alltag
Wut-Zentrale Super Plus: Die Tankstelle
Abends im TV jetzt wieder Reportagen, die wie in den Ölkrisenjahren der Siebzigerjahre aus dem Krisengebiet an der Zapfsäule berichten. Die Diskussionen, die sich, wie jüngst in „Hart aber fair“, gar nicht mehr losreißen können vom eskalierenden Benzinpreis. Wie ein sozialer Brennpunkt der brandgefährlichen Gegenwart scheint die Tankstelle auf. Die Folgen des Kriegs in Nahost, dargestellt an den Totems mit den rotierenden Preisangaben. Blanke Wut herrscht, abgeschöpft von den Kameras und systemsprengenden Kreisen. Man fährt hin. Wieder weg. Die Tankstelle ist neben dem Gegenstand der ewigen Untergangserzählung gerade jetzt Symbol einer mit dem Verbrenner-Aus hinausgezögerten Zwischenzeit, in der Twix weiter Twix heißen soll. Und verdächtig oft wird die Tankstelle nur in der Rückschau als romantischer Sehnsuchtsort verklärt.
1982 sang Markus in seinem Neue-Deutsche-Welle-Klassiker „Ich will Spaß“ einen, ha ha ha, horrend unrealistisch erscheinenden Benzinpreis von 3 Mark 10 herbei – um ihn vergnügungsselig zu ignorieren. Motto: Scheißegal, es wird schon gehen, „mein Maserati fährt 210“.
Nicht im Klassenzimmer, im Sportverein oder im Integrationskurs habe seine deutsche Sozialisation begonnen, schreibt der mit 14 Jahren aus Bosnien nach Heidelberg gekommene Sasa Stanisic in „Herkunft“, seinem autobiografischen Roman, der 2019 erschienen ist. Sondern? An einer „abgerockten ARAL-Tankstelle“ im Heidelberger Problemviertel Emmerstgrund.
Seit jeher ist die Tankstelle – in Filmen vor allem – ein kulturelles Setting, an dem sich die Gesellschaftsbeobachtung verdichtet wie in Friedrich Dürrenmatts beklemmendem Psychodrama „Das Versprechen“ (1958). Sasa Stanisics Alter Ego in „Herkunft“ meint sogar, eine Zeitlang sei die Tankstelle für ihn alles gewesen: „Jugendzentrum, Getränkelieferant, Tanzfläche, Toilette. Kulturen vereint in Neonlicht und Benzingeruch“.
Heidelbergs „innere Schweiz“
Wie Heidelbergs „innere Schweiz“ sei die Tankstelle ihm vorgekommen: „neutraler Grund, auf dem die Herkunft selten einen Konflikt wert war.“ Heute derweil kommen die feinen Unterschiede wieder zur Geltung. Und sei es an der Kasse, wo sich die Klientel in 20-Euro-Tanker und diejenigen teilt, die sich im beruhigenden Besitz einer Tankkarte für den privat genutzten Dienstwagen befinden.
Tankstellen sind seit jeher „rettendes Ufer“ gewesen, was jeder weiß, der schon einmal nachts im Irgendwo gestrandet ist, der Tank so gut wie leer, die Blase drückt, im Magen nix – und dann leuchtet eine der Kathedralen der bis zum rasenden Stillstand mobilisierten Gesellschaft in der Nacht. Eine Freiheitsinfrastruktur – allerdings nach Maßgabe des krisenanfälligen Literpreises, wie sich gerade wieder merken lässt. Und alles begann in einer Apotheke in Wiesloch, wo Salben, Tinkturen und Heftpflaster vertrieben wurden. Und Ligroin, ein leicht entzündliches Kohlenwasserstoffgemisch, das zur Wunddesinfektion diente. Gleichzeitig der Treibstoff des Benz-Patent-Motorwagens von Carl Benz.
Legendär der PR-Stunt seiner Ehefrau Bertha, die 106 Kilometer lange Heldinnenfahrt 1888 von Mannheim nach Pforzheim. Sie musste mehrfach anhalten, um nach dem Weg zu fragen. Die Erstversorgung mit Sprit in Wiesloch, dann Tankstopps an den Apotheken unterwegs, um Ligroin aufzufüllen. Ligroin, ein Abfallprodukt der Erdölraffination eigentlich, das zum Motor der Moderne wurde. Es scheint, als sei die Tankstelle seit Beginn ein Ort der Zweckentfremdung gewesen – zwischen Chemiehandel, Straßenrand und von folierten Tulpen in Plastikeimern gerahmten Versprechen wie dem, sich dort „den Tiger in den Tank“ packen zu können.
Zunächst aber wurde die Versorgung improvisiert: Benzin privat in Fässern gelagert, in Hinterhöfen verkauft, am Bordstein aus Kanistern angeboten. Später als Gefahrgut in blickdicht geschützte Kreisläufe verdrängt. Der Prototyp der Tankstelle entstand 1917 in den USA, samt Preistafel, Kassenhäuschen, Wetterschutzdach. Das Urbild, eine uramerikanische Szene, Edward Hoppers Gemälde „Gas“ zeigt eine von Bühnenlicht ausgeleuchtete Tankstelle am Ende einer Landstraße wie hinter Glas. Drei elegante rote Tanksäulen, an denen ein Mann mit Weste hantiert, die Straße verschwindet im Dunkel eines Waldes. Hopper selbst meinte dazu, er habe mit dem 1940 entstandenen Bild seine intimsten Natureindrücke wiedergeben wollen. Ein Gedanke, der angesichts des mit fossilen Brennstoffen angefeuerten Klimawandels inzwischen kaum jemandem mehr in den Sinn kommt.
Ach ja, tanken!
Die erste moderne Tankstelle in Deutschland eröffnete 1922 am Raschplatz in Hannover, Stadtteil Mitte. Ein expressionistischer Pavillon vor dem Justizpalast, wunderschön – aus heutiger Sicht. „Unfaßbar! Inmitten unserer besten Stube!“, hieß es dagegen im Hannoverschen Kurier zur damaligen Stadtbilddebatte. Was man kaum glauben mag: Aber architekturhistorisch ist die Tankstelle einmal ein umtostes Terrain gewesen.
Hans Poelzig (1869 bis 1936) etwa, ein wirkmächtiger Baukünstler der Moderne, entwarf für die Reichskraftsprit GmbH Typen-Tankstellen in vormontierter Fertigbauweise. Viel mit Stahl entstand, viel mit Glas, Beton, Licht, vieles, das nach Bauhaus aussah – bis die Nazis 1936 mit Bauverordnungen und rustikalen Gegenentwürfen alles Visionäre wieder einrissen. In der Nachkriegsgeschichte wurde das wie fliegende Dach typisch.
Die signethafte Überdachung, eine Geste, die einen Schutzraum definiert – vor Regen, Dunkelheit und der Erkenntnis, dass es ohne Treibstoff nicht weitergeht. Die Tankstelle ist eine Architektur für Abhängige, die Souveränität suggeriert. Und manchmal, wie bei der 1952/53 in Ludwigshafen eröffneten Tankstelle „Guter Hirte“, gelang das besonders schön und mit swingender Eleganz. Ein freistehender, dreieckiger Glaspavillon mit abgerundeten Ecken ist der Baukörper, überspannt von einem auskragenden, fast kreisförmigen Dach. Ein Tankwart, damals ein Ausbildungsberuf, war noch mit Scheibenwischen und Motorölprüfen behilflich. Früher einmal war die Tanke im Dorf Mittelpunkt – mit Kramladen, Werkstatt, Getränkeausschank. Kann sein, dass eine Tankstelle, wie die, die seit einiger Zeit erhaben am Ortseingang von Neuhofen im Rhein-Pfalz-Kreis steht, wieder daran anschließt.
Der „Schalterraum“, ein Hybrid zwischen Supermarkt, Kaffeehaus und Bühne mit Backtheke, Drive-in draußen, ein Schnitzel mit Pommes zum Preis von dreieinhalb Liter Diesel im Angebot. Servicepersonal vorhanden. Ein Flugdach-Zitat beschirmt den Getankhabenden auf seinem Weg. Irgendwie kein Wunder, dass der sechspfötige, feuerspeiende Hund als Logo prangt. Die italienische Firma Agip war früher schon einmal Treiber der stetigen Wandlung – und wurde im Deutschen Architekturmuseum als „die Tankstelle des Wirtschaftswunders“ illuminiert. Inzwischen scheint ARAL, in Deutschland Marktführer mit 2400 Tankstellen und einem Marktanteil von über 20 Prozent, symptomatisch: die Firma, die vor allem in der Coronazeit auch unter den größten Unternehmen der Systemgastronomie rangierte.
Es ist ein Paradox: Die Tankstelle wurde in der Vergangenheit immer unpersönlicher und allgegenwärtiger zugleich. Heute steht sie wieder an einer Schwelle. So prophezeit der Berliner Mobilitätsforscher Andreas Knie, die Tankstelle werde „entzaubert“, reduziert „auf eine Steckdose“, die überall sein kann. Nicht zuletzt an der Wand des Carports, versorgt durch Solarstrom, der vom Dach kommt.
In Zusmarhausen bei Augsburg ist ein Ladepark eröffnet worden, der einem kommerzialisierten Naherholungsgebiet gleicht. Die Zukunftsvision der Apotheke von Bertha Benz ist eine „Tankstelle“ samt Kita und Co-Working-Space.
Zukunft Freizeitpark?
2026 verharrt der Anteil der Elektrofahrzeuge am Gesamtmarkt bei rund vier Prozent. Eine von ARAL beauftragte Studie des Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrums geht davon aus, dass sich bis 2040 am Tankstellenmarkt erst einmal gar nichts ändern wird. Derweil träumen andere von kabellosen Lademechanismen, durch die sich Autos während der Fahrt über in die Fahrbahn eingelassene elektromagnetische Induktionsspulen CO2-neutral aufladen. An welcher Wut-Znetrale Super Plus sich der virulente Zorn über die Verhältnisse dann kameratauglich wieder entladen soll indes, ist eine andere Frage.