Ausflugstipp
Wo Deutschlands schönste Dörfer warten: Rad- und Wanderparadies Bliesgau [mit Fotogalerie]
Sylt, Rügen, Chiemsee, Tegernsee und Neuschwanstein – das sind Top-Reiseziele in Deutschland. In dieser Liga spielt das Biosphärenreservat Bliesgau nicht mit. Und das ist auch besser so.
Denn der Bliesgau mit seinen Streuobstwiesen, Orchideenbiotopen und bildschönen Dörfern taugt nicht für Remmidemmi-Touristen. Wer in den Bliesgau fährt, mag es sanft, ursprünglich und natürlich. Ein Landstrich für Familien, Radfahrer und Wanderer.
Zwölfmal haben Dörfer des Blies-gaus den Bundeswettbewerb gewonnen, der früher „Unser Dorf soll schöner werden“ hieß. Wer durch Niedergailbach, Medelsheim, Habkirchen oder ein anderes dieser Dörfer spaziert, versteht warum. Da plätschert vor der Kirche das Wasser in einen großen Brunnentrog, in dem bei heißem Wetter Kinder planschen. Da beschatten riesige Kastanien und Walnussbäume hübsch renovierte Bauernhäuser. Wie in Lothringen zäunen sich die Leute nicht ein, sondern lassen den Rasen oder die Wiese vorm Haus nahtlos am Trottoir enden, das abgesenkt ist und ohne Bordstein nur durch eine Rinne von der eigentlichen Straße getrennt wird.
In der Pfalz und im Saarland waren noch vor 70 Jahren fast alle Dorfstraßen mit schwarzen (Ehweilerer) oder rötlichen (Rammelsbacher) Pflastersteinen aus dem Kuseler Land gepflastert. In Medelsheim liegt heute noch oder wieder Kopfsteinpflaster.
Am besten lernt man den Bliesgau kennen, wenn man den Blies-Radweg abfährt; ab Homburg oder Blieskastel bis Saargemünd und unterwegs Abstecher nach rechts oder links macht. Der Radweg, Teil des Glan-Blies-Wegs, führt auf einem früheren Bahndamm ganz eben an der träge fließenden Blies flussabwärts entlang, leicht zu fahren für Kinder, Menschen ohne E-Bike und Skater.
Sportliche Radfahrer können sich auf den kurvigen Strecken in den Hügeln links und rechts austoben. Wer lieber wandert, findet ein breites Angebot an ausgezeichneten Wanderwegen, auch kleine Runden für Kinder oder Spaziergänger gibt’s. Wer sich vorher anmeldet, kann mit Alpakas oder Ponys wandern oder unterwegs einen Blick in die Bio-Käserei auf dem Neukahlenbergerhof werfen. Der Bliessteig, im Vorjahr als schönster Wanderweg Deutschlands ausgezeichnet, eignet sich als Tour für mehrere Tage.
Vielleicht fühlt sich dieser Teil des Saarlandes so pfälzisch an, weil er bis 1919 zur Pfalz gehörte. Gleich wie, jetzt im Frühjahr gilt es, die Natur hier zu genießen: bei einem Picknick an der Blies, einer Rast an der überdachten Sitzbank am Radweg nahe der Breitfurter Mühle oder am Eiscafé in Gersheim. Auf jeden Fall sollte man von dort einen kleinen Abstecher ins Orchideengebiet machen: Am Eiscafé den Hügel hoch, an Spohns Haus (eine Art Schullandheim) vorbei, dort unbedingt einen Blick in die Scheune werfen, um zu sehen, wie die Bauern früher das Heu lagerten. Ab dem Holzlagerplatz hinter dem letzten Haus sind’s noch 20 Minuten zu Fuß oder fünf mit dem Fahrrad, bis man die Wiese erreicht, auf der noch bis in den Juni Orchideen blühen.
Hinter Gersheim kommt Reinheim, wo man durch den gallo-römischen Park spazieren sollte, auf dem sich auch die Grabstätte einer keltischen Fürstin befindet. Die frei zugängliche, weitläufige Anlage reicht über die Landesgrenze nach Frankreich, Grenzkontrollen gibt’s keine. Auf lothringischer Seite wird noch gegraben, und wer Glück hat, begegnet Wissenschaftlern, von denen manche wie Forscher des 19. Jahrhunderts gekleidet sind. Um die kleinen Seen führen idyllische Wanderwege. Für alle Museen im Kulturpark – ideal an einem Regentag – muss man nur eine einzige Eintrittskarte für 3,50 oder 5 Euro lösen, Kinder und Jugendliche zahlen nichts.
Per Rad geht’s weiter durchs lothringische Bliesbrücken, an der Blies entlang zurück nach Deutschland und dann nach Habkirchen. Mit dem Auto fährt man von Reinheim besser über den Berg – wegen der schönen Aussicht auf den Kulturpark, in den Bliesgau und nach Frankreich. In Habkirchen schlendert man über die Brücke der Freundschaft und die Blies hinüber nach Frauenberg und bestaunt dort das gewaltige Gemälde, das eine ganze Hausseite einnimmt. In Frauenberg boten einst die Bäckereien Schaub, Lambert, Jantzen und Schneider ihre Waren feil. Heute kauft man sein Baguette bei Madame Pascale und genießt dort einen Kaffee – so wie Familie Pfaffmann aus dem pfälzischen Ruppertsberg, die kurz vor 12 Uhr auf einer Mehrtagesradtour hier rastet, bevor’s durchs Bliestal Richtung Hornbach geht.
Anreise, essen, schlafen
- Mit dem Auto oder der Bahn bis Homburg/Saar reisen und von dort den Blies-Radweg bis Saargemünd fahren. Zurück geht’s mit der Bahn von Saargemünd über Saarbrücken nach Homburg.
Mittagessen bekommt man in den Dörfern am Radweg unter der Woche bei Dilan Grill, donnerstags bis sonntags auch im schönen Historischen Bahnhof, beides in Gersheim. Wer mehr Auswahl haben möchte, weicht auf Blieskastel, wo man etwa in Hämmerles Restaurant Sterneküche genießen kann, oder Saargemünd aus. Übernachtungsmöglichkeiten direkt am Radweg sind schwierig zu finden. Sein Wohnmobil kann man auf einem Stellplatz in Walsheim parken, zelten auf dem Campingplatz Walsheim am schattigen Freibad oder direkt an der Blies auf dem Campingplatz Habkirchen, dessen Sanitärbereich allerdings spartanisch ausfällt. Richtige Betten stehen im Gästehaus Perrin in Bliesmengen-Bolchen oder im Chalet von Michel Kany in Frauenberg. Und hier gibt’s fünf weitere Tipps für den Urlaub zuhause: Wochenend-Trips und Ausflüge für Familien.