Popmusik
Udo Lindenberg: Hier hat alles angefangen
Klar, das Atlantic ist es nicht und der Stadtrand von Gronau auch nicht die Außenalster Hamburgs. Aber es gibt einen Lift zumindest für den Koffer, und der niederländische Hoteldirektor persönlich kredenzt am Morgen ein Spiegelei zum Milchkaffee, sunny side up, was für das Wetter leider nicht zutrifft. „Und wieder steh’ ich hier im Regen, Tränen im Gesicht“, wie Udo Lindenberg 1989 im Song „Bumerang“ vom Album „Bunte Republik Deutschland“ sang. In dem kleinen Hotel etwas abseits der einer einzigen großen Baustelle gleichenden Gronauer Innenstadt übernachten regelmäßig Fans von Udo Lindenberg, um seinen Geburtstag herum versammeln sich viele von ihnen in Gronau. Und der war ja gerade, am 17. Mai, wie kaum einem Menschen in Deutschland entgangen sein dürfte.
„Gronau an der Donau“
Jener sowieso derzeit allgegenwärtige Udo Lindenberg (Neues Buch! Neuer Podcast! Neue Doku! Neues Tribute-Album!) ist omnipräsent in der 50.000-Einwohner-Stadt. Die Regionalbahn aus Münster ist noch nicht nach Enschede weitergefahren, das ist die Stadt jenseits der deutsch-niederländischen Grenze, da erblickt man schon die im Wind wehende Fahne mit dem Konterfei des berühmtesten Sohns: „Willkommen in der Musikstadt Gronau.“ Entschuldigen Sie, war das nicht Mannheim?
Als Udo Lindenberg 1973 mit dem Album „Alles klar auf der Andrea Doria“ seinen Durchbruch hatte, war er schon zwölf Jahre weg aus der künftigen Musikstadt Gronau, hatte im Luxushotel Breidenbacher Hof in Düsseldorf eine Kellnerlehre begonnen und schnell beendet, als Schlagzeuger gearbeitet, in Libyen gelebt und mit Steffi Stephan, bis heute Bassist des Panikorchesters, in Münster. 1972 hatte Udo Lindenberg noch keinen Hut, aber mit „Hoch im Norden“ einen Hit: „Hoch im Norden, hinter den Deichen bin ich geboren. (…) Und mein Vater war Schipper und fluchte, wenn Sturm war.“ Wunsch schlug hier Wahrheit, und manchmal reimte es sich auch einfach schöner: „Ja, Gronau an der Donau heißt die kleine Stadt, die manche hübsche Jungs zu bieten hat“ („Panikvirus“, 2008).
Dinkel, ein 89 Kilometer langer Zufluss der Vechte, ist der tatsächlich durch Gronau fließende Fluss, worauf Lindenberg, der Sprachkünstler, doch „Pinkel“ hätte reimen können. Feine Pinkel waren die Lindenbergs nicht, aber auch keine armen Leute. Vater Gustav hatte einen Installationsbetrieb, Mutter Hermine mit vier Kindern und einem großen Haus in der Gartenstraße viel zu tun. Das „weiße Haus der Panikpartei“ steht noch, die über den berühmten Ex-Bewohner informierende Metallplakette ist allerdings gerade mal wieder geklaut worden. Nur wenige Gehminuten entfernt, die Straße runter und dann links, ist Udos Grundschule, die heute seltsamerweise Lindenschule heißt ohne berg. Udos Realschule ist inzwischen nach dem norwegischen Forscher Fridtjof Nansen benannt.
Die erste Nummer eins
„Im Sommer ’46 kam ich als Kind zur Welt. Ich fiel direkt vom Himmel auf ein D-D-Doppelkornfeld“, sang Udo Lindenberg 1981 in dem Song „Mit dem Sakko nach Monakko“, und das ist so falsch nicht. Als Udo Lindenberg aufgewachsen ist, war Gronau eine von Landwirtschaft umgebene Industriestadt, heute ist es eine von Landwirtschaft umgebene ehemalige Industriestadt nach dem durch den Niedergang der Textilindustrie verursachten Strukturwandel. Dass sie mit Abstand am meisten Gewerbesteuer durch die einzige kommerziell betriebene deutsche Urananreicherungsanlage einnimmt, steht auf den bunten Flaggen am Bahnhof nicht. Man schmückt sich lieber mit dem Rock’n’Popmuseum, das eine multimediale Dauerausstellung zu bieten hat, in dem man „ganz locker“ („Sonderzug nach Pankow“, 1983) einen Tag verbringen kann. Es wurde 2004 eröffnet und liegt am mit dem Museum feierlich eingeweihten Udo-Lindenberg-Platz, Ehrenbürger „wegen besonderer Verdienste um das Wohl der Stadt Gronau“ wurde er 2016.
In den neunziger Jahren seien die Pläne für das Rock’n’Popmuseum durchaus kontrovers diskutiert worden, erzählt Kurator Thomas Mania. Manch ein Gronauer habe kein „Udo-Lindenberg-Museum“ (das man nicht sei) haben wollen, erinnerte man sich doch noch gut, wenn auch nicht gerne an die Textzeile „Die beste Straße unserer Stadt, die führt aus ihr hinaus“. Dazu kam, dass die Neunziger nun wirklich nicht das Jahrzehnt des Udo Lindenberg waren. Die Ausstellung „Udo L. wohnt im Hotel“ erinnert daran, dass er damals mehr als einen Award für sein Lebenswerk bekam, weil damit zu rechnen war, dass selbiges demnächst zu Ende gehen würde. Eine Wette darauf, dass er seinen 80. Geburtstag feiern und zuvor im Alter von 76 Jahren mit „Komet“ seinen ersten Nummer-eins-Hit überhaupt haben würde (mit dem Ludwigshafener Rapper Apache 207): Die hätte kaum jemand abgeschlossen. Und ebenso wenig eine auf das wohl sensationellste Comeback, das jemals jemand geschafft hat. Das war 2008 mit dem Album „Stark wie Zwei“.
Omelett oder Porridge?
In Ludwigshafen war Thomas Mania einmal, um für eine Ausstellung Waschmaschinen der Rock’n’Roll-Laundry von Hans-Jürgen Topf abzuholen. Diesmal hat er, in Hamburg, ein ganzes Hotelzimmer abbauen lassen. Herzstück der von Mania gemeinsam mit Lindenbergs Archivar und Vertrautem Frank Bartsch kuratierten Ausstellung „Udo L. wohnt im Hotel“ ist ein originaler Raum, den der Künstler im Hotel Atlantic bewohnt hat, bevor er aus Renovierungsgründen innerhalb des Fünf-Sterne-Hauses umziehen musste.
„Hätte Bach seinen Müll persönlich runtergetragen, hätte er so manche Kantate nicht geschrieben“, antwortet Lindenberg gerne auf die Frage, warum sich seine „Panikzentrale“ nicht in einer Privatwohnung befindet. Und es scheint wirklich praktisch zu sein. Er muss nie auschecken und rechtzeitig seine Eierspeise gefrühstückt und seinen geliebten Earl Grey mit Süßstoff ausgetrunken haben. Mittags fragt Hausdame Ute, ob er ein Omelett mit Champignons zum Frühstück möchte oder vielleicht mal wieder Porridge.
Roomservice mit U und H
Die zu Exponaten geadelten CDs, Zeitschriften und Awards zwischen den roten Ledersofas und die zur Alster (hier eine Fototapete) ausgerichteten Stühle auf dem Balkon zeigen aber auch: Udo Lindenberg lebt in seinem eigenen Udo-Lindenberg-Museum. Auf einem Zettel unter dem Fernseher wird Roomservice mit U und H geschrieben. Udo Lindenberg ist ein zur Marke gewordener Mensch. Die vielen Video- und Audiobeiträge der Ausstellung und die Interviews mit Weggefährten zeichnen das Bild eines Perfektionisten und eines präzise agierenden und sich seiner Wirkung stets bewussten Geschäftsmanns hinter dem Hut und der Sonnenbrille, dem Genuschel, dem lässigen Gang.
„Was wäre aus Udo Lindenberg geworden, wenn er in Gronau geblieben wäre?“, fragt Thomas Mania, der selbst aus dem 120 Kilometer entfernten Dortmund pendelt. Gronau in den Fünfzigern – ein grauer Ort sei das gewesen, in dem die Männer malochten und sich den Krieg aus den Köpfen zu saufen versuchten. „Du sagst, da wär ’ne Trauer in meinem Gesicht. Was für’n Quatsch. Das ist doch nur das Kneipenlicht“, sang Udo Lindenberg 1987. Dem Alkohol ist auch er schon früh begegnet; er sollte ihm in seinem Leben immer wieder zum Verhängnis werden. Und die Grenzstadt Gronau – die sei nach dem Krieg ein einziges großes Bordell gewesen, sagt Mania. Auch das steht nicht auf den bunten Stadtmarketingfahnen.
Rocker im Rentenalter
Für Udo Lindenberg ging es bekanntlich hinterm münsterländischen Horizont immer weiter. Er hat es aus dieser engen, grauen Umgebung herausgeschafft – und scheint sich im Alter seiner Wurzeln zu besinnen. Eigentlich hatte er zur Eröffnung der Ausstellung selbst nach Gronau kommen und einen Pressetermin zu einer deutlich späteren Uhrzeit absolvieren wollen – die „Nachtigall“ steht einfach nicht gerne früh auf. Weil der jetzt immerhin 80-Jährige aus gesundheitlichen Gründen nicht von Hamburg nach Nordrhein-Westfalen reisen konnte, fiel das aus. Die Journalistin kann somit nach einem kurzen Abstecher zum Udo-Lindenberg-Denkmal in einem Kreisel an der vielbefahrenen Ochtruper Straße schon am frühen Nachmittag nach Hause reisen. Mit einer Botschaft aus Gronau im Gepäck: Mach’ dein Ding. Egal, was die andern – Sie wissen schon.
Die Ausstellung
„Udo L. wohnt im Hotel“, bis Ende 2026 im Rock’n’Popmuseum Gronau/Westfalen