Mythos Alltag RHEINPFALZ Plus Artikel Retro statt Rasen: Warum Fußballtrikots zur Mode werden

Finden immer mehr den Weg in den modischen Alltag: Fußballtrikots.
Finden immer mehr den Weg in den modischen Alltag: Fußballtrikots.

Kult, Kommerz, Identität. Fußballtrikots erzählen Geschichten von Helden und Zugehörigkeit. Wie finden Jerseys den Weg vom Stadion auf die Straße?

Es ist die 113. Spielminute im brasilianischen Maracanã-Stadion. Mario Götze nimmt den Ball mit der Brust an, dreht sich, trifft – und beschert Deutschland den vierten WM-Titel. Das Bild des weißen Trikots mit dem markanten roten Brustring hat sich in das kollektive Gedächtnis eingebrannt. Ähnlich wie das azurblaue Weltmeistertrikot der Italiener 2006, das rote Manchester-United-Trikot, in dem Cristiano Ronaldo erstmals zur globalen Ikone wurde, und das blau-rote Barcelona-Jersey, das Lionel Messi über Jahre hinweg zu einem wandelnden Mythos machte.

Fußballtrikots sind weit mehr als nur Sportkleidung. Sie sind Erinnerungsstücke, Identitätsmarker, manchmal sogar kleine Reliquien. Trikots erzählen Geschichten von Erfolgen und Niederlagen, von großen Momenten und Helden. Und immer häufiger von Stilbewusstsein. Denn längst haben Trikots den Weg aus den Stadien auf die Straße gefunden, werden zu Alltagsmode zwischen Jeans und Sneakern.

Trikots lassen Sammlerherzen höher schlagen

Dieses Trends ist sich auch Leon Rademaker aus Nordhorn bewusst. Der 30-Jährige hat seine Leidenschaft fürs Trikotsammeln zum Beruf gemacht. Über die Plattform Trikotstoff verkauft er Retro-Trikots an Fußballfans. „Zwischen 2005 und 2016 waren Trikots für mich einfach nur Stoff, in dem ich trainiert habe“, gibt der Unternehmer offen zu. Erst während der Corona-Pandemie habe sich sein Blick verändert. „Beim Aufräumen habe ich ein altes Trikot des VfL Osnabrück gefunden und online verkauft“, erzählt Rademaker. „Der Käufer war überglücklich – und ich dachte nur: Krass, so ein altes Ding bringt 50 Euro.“

Nicht nur moderne Trikots sind gefragt. Vor allem ältere Exemplare ziehen Sammler und Modefans an.
Nicht nur moderne Trikots sind gefragt. Vor allem ältere Exemplare ziehen Sammler und Modefans an.

Neugierig geworden, suchte Rademaker im Internet nach weiteren Trikots, die er noch in Erinnerung hatte. Und dann stellte er schnell fest, wie hoch die Nachfrage ist. Seit Sommer 2023 betreibt er seinen Online-Shop Trikotstoff hauptberuflich. „Bei Trikotstoff soll ein Fußballfan einfach coole Sachen finden.“ Der Fokus liege klar auf Retro-Trikots, der Markt für aktuelle Jerseys sei schlicht zu groß. Die Arbeit sei anspruchsvoll und erfordere gute Vernetzung – dennoch bereue er den Schritt nicht. „Ich bin glücklich, dass es vorangeht und noch viel Potenzial nach oben da ist.“ Dass sich Trikots immer öfter im Alltag wiederfinden, ist auch Rademaker nicht entgangen. „Trikots werden immer mehr zu Modestücken“, beobachtet er. „Das habe ich so nicht kommen sehen.“

Trikots: Vom Sportplatz in den Alltag

Christina Threuter, Professorin für Kunst-, Design- und Kulturwissenschaft an der Hochschule Trier, bestätigt diese Entwicklung. „Sportkleidung als Modetrend sowie vestimentäre Bezüge zu Sportmannschaften lassen sich historisch auf Gepflogenheiten US-amerikanischer Eliteuniversitäten zurückführen“, erklärt sie. Schriftzüge, Logos und Embleme seien zunächst auf Collegejacken erschienen – bereits in den 1860er-Jahren hätten Studierende an der Harvard University Jacken mit den Initialen der Universität getragen. „Diese Kleidungsstücke fungierten als sichtbares Zeichen sportlicher Leistung und Zugehörigkeit“, sagt Threuter.

In den 1930er-Jahren wurde diese Praxis von weiteren Bildungseinrichtungen übernommen, Logos fanden ihren Weg auf T-Shirts und andere Kleidungsstücke. Spätestens in den 1970er- und 1980er-Jahren hielten entsprechende Stile Einzug in Streetwear und Massenkonsum. „Insbesondere die Hip-Hop-Kultur – etwa durch die Band Run-D.M.C. – trug maßgeblich dazu bei, aus dem Sport entlehnte Kleidungsstücke wie Baseballtrikots, Hoodies und Sneaker zu popularisieren“, erklärt Threuter. Auch heute spiele HipHop bei dem Trend eine zentrale Rolle. „Ski Aggu trägt Trikots von Hertha BSC, Travis Scott läuft im Borussia Mönchengladbach-Oberteil herum.“

Auch der 1. FC Kaiserslautern weist eine spannende Trikohistorie auf.
Auch der 1. FC Kaiserslautern weist eine spannende Trikohistorie auf.

Diese Entwicklung hat den heutigen Trend der sogenannten Athleisure Outfits laut Threuter nachhaltig geprägt und im Kontext von Fußballtrikots auch zur Verbreitung des Blokecore-Stils beigetragen. Während Athleisure Wear Sport- und Alltagskleidung miteinander verbindet, orientiert sich Blokecore an der lässigen Kleidung britischer Fußballfans der 1990er-Jahre. Typisch sind Retro-Trikots, Trainingsjacken, Jeans und schlichte Sneaker.

Im Verlauf des 20. Jahrhunderts hätten vor allem jugendkulturelle Bewegungen neue Modetrends geprägt. „In einem Prozess, der sich als Bricolage beschreiben lässt, wurden Kleidungsstücke aus ihrem ursprünglichen sozialen und kulturellen Kontext gelöst und neu aufgeladen“, erläutert Threuter. So sei über Kleidung eine Gruppenidentität entstanden, die Zugehörigkeit signalisiere und zugleich ein visuelles Statement setze.

Fußball als globales Phänomen

„Inzwischen tragen junge Menschen auch Trikots von Spielern, die sie gar nicht wirklich miterlebt haben“, beobachtet Trikotsammler Rademaker. Gleichzeitig betont er: „Bei Trikotstoff sieht man schon, dass es vor allem die Vereine sind, die Fans anziehen.“ Sehr gefragt seien Trikots von Traditionsvereinen aus erfolgreichen Zeiten oder besondere Designs wie Adidas Teamgeist oder Nike Total 90. Auch Sponsoren spielten eine große Rolle. „Ein Sponsor kann ein Trikot komplett kaputtmachen“, sagt Rademaker. „Schalke-Trikots mit Gazprom waren nach Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine plötzlich total unbeliebt. Gute Sponsoren – etwa bestimmte Biermarken – können ein Trikot dagegen enorm aufwerten.“

Die Popularität von Sportmode und Athleisure Wear lasse sich laut Christina Threuter nicht allein durch technologische Innovationen erklären. Ebenso wichtig sei der gesellschaftliche Wandel der Freizeitkultur. „Freizeit- und Sportaktivitäten haben in der westlichen Welt seit den 1960er-Jahren stark an Bedeutung gewonnen.“ Fußball sei zu einem globalen Massenphänomen geworden, Fankultur durch Fernsehen und soziale Medien dynamischer denn je. „Diese Entwicklung geht Hand in Hand mit einer fortschreitenden Kommerzialisierung des Sports, die sich unter anderem in der Vermarktung von Fanartikeln wie Trikots zeigt.“

Trikots als Wahrung von Erinnerungen

„Man merkt, dass Trikots immer stärker als Modepieces gedacht werden“, sagt auch Rademaker. Vereine versuchten zunehmend, mit besonderen Designs zu überraschen, selbst Luxusmarken drängten auf den Markt. „Die Clubs müssen aber aufpassen, die Fans nicht zu verlieren“, warnt er. „Im Kern bleibt das Fußballtrikot ein Fanartikel.“

Vor allem eingefleischten Fans ist Tradition in Bezug auf Trikots nach wie vor wichtig.
Vor allem eingefleischten Fans ist Tradition in Bezug auf Trikots nach wie vor wichtig.

Fußball-Fankultur sei ein Massenphänomen mit vielfältigen sozialen und kulturellen Dimensionen, erklärt Threuter. Sie stifte Identität und Zugehörigkeit und beruhe auf Werten wie Ehre, Treue, Gemeinschaft und Kameradschaft. Das gemeinsame Erleben schaffe starke emotionale Bindungen, die sich auch in Fanartikeln ausdrückten. Zugleich gebe es Schattenseiten: „Insbesondere die Ultrakultur gilt als Ausdruck einer aggressiven jugendkulturellen Praxis, die in Teilen tradierte Vorstellungen von Männlichkeit und deren Dominanz reproduziert.“

Unabhängig davon ist der Trend rund um Fußballtrikots Teil eines allgemeinen Modezyklus. „Seit geraumer Zeit wird Mode von ständig wechselnden Trends bestimmt“, ordnet Threuter das Phänomen ein. Auch Rademaker glaubt nicht an eine ewige Konjunktur. Für das Sammeln von Trikots sieht er jedoch keine Grenzen. „Im Hobby ist alles erlaubt“, sagt er. „Es gibt keine guten oder schlechten Trikots. Jedes hat für irgendjemanden eine Bedeutung, jedes erzählt eine Geschichte.“ Die Faszination für Trikots liege für ihn nicht in modischen Fragen, sondern in Erinnerungen. „Darum geht es beim Sammeln. Nicht darum ein Trikot zu haben, weil es alle tragen – sondern, weil man etwas damit verbindet.“

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