Neupotz / Freisbach
Landwirtschaft: Schädlinge punktgenau bekämpfen
Klimawandel, Wirtschaftskrisen, politische Forderungen und vieles mehr. Die Südpfälzer Landwirte spüren Druck von allen Seiten. Betriebe, die überleben wollen, müssen mit der Zeit gehen. Der Freisbacher Lebensmittelhersteller Cornexio führt bei ausgewählten Betrieben Experimente mit moderner Technik durch, um zu prüfen, was Zukunft hat. Am Montag lud die Firma Bauern aus dem Umkreis nach Neupotz zu einer Demonstration ein. Vor allem ein Drohneneinsatz bei der Schädlingsbekämpfung sorgte für Aufsehen. Was vor ein paar Jahren noch Science Fiction war – Flugroboter und künstliche Intelligenz (KI) – könnten bald wichtige Werkzeuge beim Ackerbau werden. Wenn sich dafür eine Infrastruktur entwickelt.
Robin Mink ist ein Stuttgarter Unternehmer mit Erfahrung in der Landwirtschaft. Seine Firma Sam Dimension will ein Dilemma lösen: Wie kann ein Landwirt Schädlinge bekämpfen, einen guten Ertrag erzielen, Rücksicht auf Nachhaltigkeitsgebote nehmen und wirtschaftlich gesund bleiben? Nicht jeder kann sich mit dem Bioland-Modell anfreunden. Angenommen, es geht für manche Kulturen nicht ohne Pestizide. Gibt es einen Weg, die möglichst wenig Giftstoffe einzusetzen – und zwar gezielt da, wo die Schädlinge auch wirklich aus dem Boden sprießen? Mink erklärt den Zuhörern, wie „Spotspraying“, also punktgenaues Sprühen mit Drohnenunterstützung funktioniert.
KI kann Pflänzchen unterscheiden
Er steht vor einer großen Flugmaschine, die mit vier Propellern eine massive, würfelige Box in die Luft hebt. „Darin sitzt ein von uns entwickeltes System mit sechs Kameras und einem sehr leistungsstarken Computerprozessor. Die Drohne braucht circa eine Minute, um ein Hektar Land zu kartieren, bei einer Auflösung im Millimeterbereich.“ Aus 60 Metern Flughöhe könne das Gerät mit Hilfe von KI winzige Pflänzchen identifizieren und voneinander unterscheiden. Die Landwirte erhalten dann eine Karte des Ackers mit kleinen Punkten, die die gefundenen Schädlinge repräsentieren.
Dominik Bellaire ist einer der Landwirte, die beim Projekt von Cornexio mitmachen. Nachdem Mink mit der Theorie durch ist, demonstriert er seinen Kollegen den zweiten Teil des Konzepts. Mit seinem Traktor zieht er ein großes Spritzgerät über das Feld. Diesmal ist nur Wasser im Tank. Das Ungewöhnliche: Es wird nicht das ganze Feld besprüht. Stattdessen kommt nur ab und zu etwas aus der Düse. Im Fahrerhäuschen hat Bellaire einen Monitor, der die von der Drohne gelieferte Karte abbildet. Mit den Daten vom Überflug gefüttert, weiß die Spritze von selbst, wo und wann sie sprühen muss. Bellaire muss nur den Traktor lenken.
Hohe Pflanzenschutzmittel-Ersparnis
Die Technik ist noch relativ jung, die Anwendung macht nur unter bestimmten Umständen Sinn. Als Mink gefragt wird, ob seine Drohne auch kurz vor der Ernte einen Stechapfelbefall erkennen kann, winkt er ab. Für dieses Szenario biete Sam Dimensions aktuell kein Produkt an. Bei der Demonstration in Neupotz hat sich die Drohne auf Disteln konzentriert. Wenn sich die Idee weiter entwickelt und vor allem die richtige Infrastruktur entsteht, damit der Drohneneinsatz für die Bauernschaft wirtschaftlich Sinn macht, könnte es viele Gewinner geben, sagt Mink. „Es können teilweise 90 Prozent an Pflanzenschutzmittel eingespart werden.“
Das freut natürlich als Erstes die Umwelt. Die Frage ist: Sind die Ersparnisse höher als die Investitionskosten? Aktuell überfliege Sam Dimensions Hunderte Ackerflächen in Deutschland, um die eigene Entwicklung voranzutreiben und Werbung zu machen. Die Firma sieht sich mittelfristig aber als Hersteller, nicht als Dienstleister. Wer wird die Südpfälzer Bauern also mit Luftbildern versorgen? Die Drohne ist nicht billig. Laut Mink kostet das Gerät einen höheren fünfstelligen Betrag. Seine Hoffnung ist, dass sich jeweils größere Betriebe eine Drohne anschaffen, die dann gegen eine Gebühr auch die Felder benachbarter Bauern kartografieren. Ein guter Vergleich sei der Mähdrescher. Da würden auch oft nur die größeren Höfe investieren und dann die Felder der Nachbarn im Auftrag mitbewirtschaften. Vielleicht werde es in Zukunft auch dezidierte Unternehmen geben, die nur mit den Drohnen arbeiten. Noch existiere hier eine Marktlücke.