Literatur
Pfälzer Tijan Sila beim Wettbewerb um den Bachmann-Preis in Klagenfurt
Tijan Sila, entspannt in einem Klassenzimmer der Berufsbildenden Schulen Kaiserslautern. Er sei, sagt er in eine Videokamera, mit 13 als Kriegsflüchtling nach Deutschland gekommen – aus Sarajevo, seinem Geburtsort. Und deshalb nicht nur Schriftsteller, sondern auch Lehrer geworden, ganz „bieder“, wie er es nennt, denn: „Flüchtlinge sind immer auf der Suche nach Sicherheit.“
Er sitzt auf einem Stuhl, wie Typen im Bus, breitbeinig. Tijan Sila ist Jahrgang 1981, FCK-Fan, sein Name ist ein Pseudonym, sein jüngster Roman „Radio Sarajevo“ hat stark autobiografische Grundierungen. Er erzählt von (s)einem Jungsleben in den verrohenden Zeiten der Belagerung der Stadt. Und von der Flucht, während seine Kumpels bleiben – und in der Gewalt versinken. Ein beklemmendes Buch.
Die Kamera auf dem Video aus dem Klassenzimmer folgt jetzt seinem Blick. Im Kriegsfall, sagt er, würden die großen Fenster Scharfschützen zum Beschuss einladen. Und sie mit Gewächshausfolie abzudichten, wie damals in Sarajevo, funktioniere nicht, kein Baumarkt führe sie in den Dimensionen. Nach und nach geht er die Vor- und Nachteile seines Umraums durch. Der Kaiserslauterer eröffnet einem eine Sicht auf die Welt, die leider Gottes hochaktuell ist. Der kurze Film, kann sein, dass er in den nächsten Tagen verstärkt geklickt werden wird.
Er steht auf der Homepage der Tage der deutschsprachigen Literatur. Sila ist, vom dem krawalligen deutsch-schweizerischen Kritiker Philip Tingler für das in der Literaturblase weltberühmte Wettlesen um den Bachmannpreis am Wörthersee nach Klagenfurt eingeladen worden. Einige Großkarrieren wie die von Ulrich Plenzdorf, Wolfgang Hilbig, die der Deutschen Buchpreisträgerin Térezia Mora und der schon 80-jährigen Helga Schubert hat der Wettbewerb schon befeuert. Für eine Buchcover-Banderole ist, einen der fünf Preise zu gewinnen, immer gut. Und Sila ist einer der Mit-Favoriten.
Mit der Bernerin Sarah Elena Müller und Olivia Wenzel, die 2023 den Pirmasenser Hugo-Ball-Förderpreis bekam und wie Hauptpreisträgerin Hito Steyerl nicht annahm, ist der Pfälzer so etwas wie ein Promi unter den 14 Lesenden aus Österreich, Deutschland, der Schweiz. Wobei, was heißt das Nationallabel schon: Henrik Szanto ist halb Ungar, halb Finne und lebt als Autor, Spoken Word-Künstler und Literaturvermittler in Hannover. Tamara Stajner ist 1987 in Novo mesto geboren, wuchs in Krsko auf und lebt seit 2006 in Wien. Kaska Bryla hat Wurzeln in Polen. Der „Bewerb“, zu dessen Mitbegründern und zwiespältigen Idolen der Überkritiker Marcel Reich-Ranicki gehört, hat sich gehörig verändert.
Nicht nur, dass man 1976, bei der ersten Ausgabe, die Kandidierenden noch vor sich füllenden Aschenbechern grillte. Inzwischen wirkt das ORF-Studio mitunter clean wie ein Operationssaal, in dem – dieses Mal unter der Aufsicht des Grazer Literaturprofessors Klaus Kastberger als Juryvorsitzenden – feinnervige Text-Vivisektionen vonstatten gehen.
Die Konstellation ist immer noch ähnlich. Die Jurymitglieder, neu dabei ist die Kritikerin Laura de Weck, haben je zwei Vorschläge. Je 30 Minuten wird der Text auf offener Bühne vorgelesen. Je 30 Minuten dort von der Jury diskutiert. Die gerade vorgelesen haben, schweigen. Am Ende wird entschieden. 3Sat überträgt live. Dass die Jury, die vorher ad hoc diskutierte, seit einigen Jahren alle Texte vorher kennt aber, ist eine der gravierendsten Neujustierungen der Veranstaltung, deren Vergangenheit, was auch ganz gut ist, manchmal ganz ganz fern erscheint.
„Wen interessiert schon“, schalt Reich-Ranicki 1977 einen Text von Karin Struck, „was die Frau denkt, was sie fühlt, während sie menstruiert“, ihr Text sei keine Literatur, sondern „ein Verbrechen“. Struck flüchtete unter Tränen aus dem Saal. 1983, der Klassiker, ritzte sich der spätere Büchnerpreisträger Rainald Götz während des Lesens die Stirn und saß blutüberströmt da. 1990 teilte Gewinner Sten Nadolny sein Preisgeld unter allen Teilnehmenden auf, womit er das Wettbewerbsprinzip unterlief. Ein Jahr später beherrschte der Schweizer Urs Allemann mit der Fantasie eines Pädophilen die Diskussionen. 2009 betrauerte Philipp Weiss in seinen Text „Blätterliebe“ erst die Unfähigkeit eines Autors mit seinem Werk, dann aß er sein Manuskript einfach auf. 2000 fiel der Preis beinahe aus Protest gegen die in Wien regierende Koalition mit der FPÖ von Jörg Haider in den Wörthersee. Und die Erben von Ingeborg Bachmann setzen durch, dass der Bachmann-Wettbewerb nicht mehr so heißt. Mittlerweile ist die rechtspopulistische Partei bei der jüngsten Europawahl zur stärksten Kraft in Österreich gewählt geworden.
Jahrelang saß man in Klagenfurt mit Schulklassen und bildungsbürgerlichen Damen auf harten Bierbänken im Scheinwerferlicht. Ein Kritikerkollege weckte morgens den Pförtner, um in Reihe eins zu reüssieren. Dann fuhr man mit dem Rad ins Strandbad Maria Loretto und begegnete sich in Badehosen wieder. Immer hatte das alles etwas von einem Betriebsausflug. Inzwischen herrscht eine harte Akkreditierungstür.
So lange ragten die Tage der deutschsprachigen Literatur aus einer analogen Vorzeit in die Google-Welt. Als unwahrscheinliches Ereignis mit unterirdischen Einschaltquoten, das nichts wichtiger nimmt als ein paar Buchstaben auf Papier. Inzwischen schaut man dem Wettbewerb in manchen Städten öffentlich beim Public Viewing zu.
Das Selbstdarstellungsvideo der Teilnehmenden, seit den 1990ern-Jahren freiwilliges Gimmick, dem man sich oft verweigerte, ist jetzt Pflicht. Unter #tddl und #abgeklopft beantworten die Autorinnen und Autoren auf Instagram in Kurzclips Fragen nach dem Lieblingsstapel der ungelesenen Bücher und dem Lieblingsschreibort. Nicht allen gefällt das. So hat der „Spiegel“-Journalist Andreas Bernhard jetzt sinngemäß beklagt, die Schriftsteller würden aus Gründen ihrer Selbstvermarktung den langen Kampf um den Text als autonomes Kunstwerk kannibalisieren. Andererseits hätten wir so nie erfahren, dass Tijan Silas Lieblingssnack, Lakritzbonbons mit einem weichen Kaffeekern, in Kaiserslautern schwer zu bekommen ist. Wir drücken nicht nur dafür die Daumen.
Termin
Die Tage der deutschsprachigen Literatur starten am Mittwochabend mit der Rede zur Literatur von Ferdinand Schmalz. Lesungen und Diskussionen am Donnerstag und Freitag von 10 bis 15.30 Uhr und am Samstag von 10 bis 14.30 Uhr. Preisverleihung Sonntag, 11 Uhr. Live auf 3Sat und www.bachmannpreis.orf.at; #tddl und #abgeklopft auf Instagram.