Festival des deutschen Films
Ohne böse Absicht? Wettbewerbsbeiträge über falsche Entscheidungen
Die „beste Vermisstenstory in der Geschichte der Menschheit“, verspricht die Nachwuchs-Boulevardreporterin Aga (Elisa Schlott) im TV-Film „Bis es blutet“ von Daniel Sager ihrem harten Boss (Thomas Loibl). Dieser ist laut Kollegen „das Böse in Person“ und schickt sie zum „Witwenschütteln“ nach Hessen. Wobei es genauer gesagt darum geht, ein Elternpaar, dessen Teenager-Tochter vermisst wird, dazu zu überreden, in die Kamera von „True News“ zu sprechen. Aga reist mit dem abgebrühten Fotografen/Kameramann Thorsten (Franz Pätzold) an, um Clickfutter aufzutun. „Das ist der einzige Weg, wie man noch Leute dazu kriegt, überhaupt Informationen zu konsumieren“, rechtfertigt sie ihre Berufswahl vor sich selbst.
Manipulierte „Beweise“
Zwar kann Aga die Mutter zu einem Interview überreden, doch hatte der Vater bereits Exklusivrechte an eine andere Zeitung vergeben (man denke an die berühmten vier Buchstaben). Und so sucht Aga einen neuen Ansatz und spürt vermeintlich den „Täter“ auf, einen Freund der Vermissten mit Migrationshintergrund. Sie merkt dabei nicht, dass ihr Fotograf die „Beweise“ manipuliert hat. Es kommt zu einer Hetzjagd gegen den angeblichen Mörder, und Aga merkt endgültig, dass ihr Tun schlimmste Folgen haben kann.
Elisa Schlott spielt diese Reporterin gewohnt stark: Ihre Aga ist eine junge Frau mit großen Ehrgeiz, die sich beweisen und zugehörig fühlen möchte und darüber die Konsequenzen ihrer „Arbeit“ unterschätzt. Aga ist dabei keineswegs so hartgesotten, wie es zunächst erscheint und wird damit doch zu einer Antiheldin, der die Zuschauer eine gewisse Sympathie entgegenbringen können. Schade ist nur, dass das Drehbuch doch zu zugespitzt ist, das Geschehen zu sehr dramatisiert: Dadurch fühlt sich das Publikum doch weniger selbst getroffen in seinem Hang zu Neugier, der dazu beitragen kann, dass sich eine solche Lügenspirale überhaupt entspinnt.
Vom Wunsch, gebraucht zu werden
Auch der Antiheld in „Ungeduld des Herzens“ stößt eine dramatische Entwicklung an, die er nicht mehr aufhalten kann – ohne böse Absicht, sondern ebenfalls aus einem Wunsch heraus, gebraucht zu werden: Der junge Soldat Isaac will bei einem Bowlingabend mit Kameraden (und einer Kameradin) seiner Einheit, eine Frau aufreißen, die mit ihrer scheinbar mürrischen Schwester ein paar Bahnen weiter spielt. Da Ilona ans Telefon entschwindet, wendet er sich der verschlossenen Edith zu, will sie zum Spiel hochreißen, woraufhin sie stürzt: Edith ist gelähmt.
Seine Rechtfertigungsversuche landen prompt in den sozialen Medien, er muss sich gar am Telefon seiner italienischen Mutter erklären und spricht tags darauf am mondänen Zuhause der Schwestern und deren Vater (erneut Thomas Loibl) vor. Und er hilft ab dann, wo er kann. Aus Mitleid und Schuldbewusstsein. Oder entwickelt sich Liebe? Isaac behauptet es zwar, nachdem er Edith bei einem risikoreichen Therapieversuch unterstützt, doch belügt er sich nicht selbst?
Das Leben nur gespielt?
Isaac ist ein junger Mann, der versucht, seine Aggressionen im Zaum zu halten, das Soldatendasein („Die Disziplin tut mir gut“) aber eher als Spiel begreift, schließlich dient er nur im Wachbataillon, das protokollarische Aufgaben hat. Auch Minderwertigkeitsgefühle scheinen ihn zu quälen, wo er sich doch nur nützlich finden möchte. Isaac-Darsteller Giulio Brizzi, einst MMA-Kämpfer, spielt diese Figur, die auch ein wenig an Woyzeck erinnert, äußerst facettenreich und ist wie die ebenfalls glaubwürdig agierende Edith-Schauspielerin Ladina von Frisching dafür bereits beim Max-Ophüls-Festival ausgezeichnet worden.
„Ungeduld des Herzens“ ist das Regie-Langfilmdebüt von Lauro Cress und basiert auf Stefan Zweigs gleichnamigem Roman, nimmt jedoch ein anderes Ende. Schließlich ist es doch ein sehr heutiger Film, der auch seine weibliche Figur aus ihrer Passivität holen möchte. Cress trifft den richtigen Ton, vor allem beeindruckt, wie er die prahlerisch-zotige Sprache der jungen Soldaten einfängt. Auch wenn das hochherrschaftliche Setting der Schwestern und das Finale weniger überzeugen, ist „Ungeduld des Herzens“ sehenswertes Kino.
Termine
„Bis es blutet“ läuft ab 22. August fünf Mal auf der Parkinsel, als Gäste erwartet werden unter anderem Daniel Sager (Regie & Buch) sowie die Darsteller Franz Pätzold, Francisco Akudike (er spielt den zu Unrecht Verdächtigten) und Patrycja Ziólkowska. „Ungeduld des Herzens“ ist ab 30. August fünf Mal zu sehen, hier werden Giulio Brizzi und Lauro Cress erwartet. Details unter www.fflu.de


