Hip-Hop
Michi Beck von den Fantastischen Vier im Interview
Die neuen Songs klingen frisch und doch gleichzeitig ein bisschen Oldschool. Was hattet ihr mit der Platte genau im Sinn?
Unser Ziel war es, einfach „real“ zu sein, also echt und glaubwürdig. Wir wollten ein Album machen, das in erster Linie uns gefällt und in dem wir uns wiederfinden. Natürlich in der Hoffnung, damit Gleichgesinnte zu finden. Es sind also natürlich Elemente aus dem zeitgenössischen Hip-Hop und der modernen Popmusik drin, trotzdem steht „Long Player“ den Sounds der 90er Jahre näher als dem, was aktuell so im Rap passiert.
„44 Tausend“ erinnert ein wenig an „Insane In The Brain“, „Win Win Win“ an die Beastie Boys. In „Wie weit“ verarbeitet ihr zudem einen Songschnipsel der Berliner Band MiA. aus dem Stück „Hungriges Herz“, der auch schon 20 Jahre alt ist.
Ich würde sagen, 50 Prozent der neuen Musik bedient sich bei schon vorhandener Musik. Vor allem im Pop ist es doch irre, wie viel und was da alles zitiert wird. Jeden zweiten Refrain, den ich beim Autofahren höre, kenne ich von früher. Das Samplen ist ein Stilmittel, dessen wir uns im Hip-Hop immer schon bedient haben. Mittlerweile scheint dieser Ansatz auf die gesamte Popmusik übergegriffen zu haben.
Weil die Musik früher einfach geiler war?
Gegen diese oft geäußerte Meinung wehre ich mich immer. Ich glaube nur, dass sich in der Popmusik die Möglichkeiten irgendwann erschöpft haben. Alles wiederholt sich, nicht nur in der Musik, auch in der Kunst insgesamt wird sehr viel zitiert. Die letzte bahnbrechende Entwicklung war einfach Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre die Popularisierung der elektronischen Musik mit deren Hauptspielarten Hip-Hop und Techno. Als wir angefangen haben, haben sich ganz neue Genres in der Popmusik gebildet, es gab komplett neue Begriffe. Alles, was jetzt noch kommt, sind sozusagen Unterspielarten.
Seit eurem letzten Album „Captain Fantastic“ sind sechs Jahre vergangen. Wie schwer fällt es denn euch selbst, den Fantastischen Vier noch neue, musikalische Facetten hinzuzufügen?
„Long Player“ ist das Ergebnis einer sehr langen Schwangerschaft und einer komplizierten Geburt. Auch dieses Mal haben wir wieder mit ersten Fragmenten und Ideen angefangen, die so ein bisschen den Beginn einer neuen Produktion kennzeichnen. Aber das fühlte sich noch nicht so an wie „Wir machen ein neues Album“. Mit der gezielten Arbeit an der Platte haben wir vor ungefähr drei Jahren losgelegt. Eines der ersten Stücke war „Wiedersehen“, das schon während der Corona-Pandemie entstand und sich mit Angstzuständen befasst. Vor einem halben Jahr haben wir die Strophen, die während der Lockdown-Zeit entstanden, komplett überarbeitet und den Refrain über Bord geworfen, den nun unser Freund Seven aus der Schweiz singt.
Wie muss man sich diese Angstzustände vorstellen?
Kurz bevor es mit Corona losging, haben wir Ende 2019 mit der ganzen Familie ein Sabbatical in Spanien gestartet. Dort war der Lockdown viel krasser als in Deutschland. Die Kinder durften praktisch das Grundstück gar nicht mehr verlassen. Da beschäftigt man sich natürlich mit Ungewissheiten und Ängsten. Auch „Weekendfeeling“, das sich mit dem Bedürfnis beschäftigt, wieder feiern zu gehen, ist in dieser Zeit entstanden. Mehr aber auch nicht. Wir haben gemerkt, dass wir nicht die Band sind, die ein Album über Beklemmungen schreiben wollte. Wir sind einfach keine introvertierten Künstlertypen, die sich ein halbes Jahr wegschließen und mit was Tollem wieder rauskommen. Wir müssen rausgehen, das Leben leben, um darüber schreiben zu können.
„Runter von der Couch, wir bauen für die Kinder was auf“, heißt es in „Weekendfeeling“. Auch „44 Tausend“ handelt von der Euphorie, die ein Konzert in euch auslöst. Tatsächlich wart ihr in den vergangenen Jahren sehr ausgiebig auf Tour, und im Dezember geht es schon wieder los. Seid ihr vielleicht so ein bisschen livespielsüchtig?
Um ehrlich zu sein: ja. Die Freude, live auf der Bühne zu stehen, ist einfach extrem greifbar und mit nichts zu vergleichen. Allerdings könnten wir es uns nicht vorstellen, eine reine Tingelband zu sein, die nur noch mit den größten Hits auf Tour geht. Es treibt uns schon an, auch neue Lieder live zu spielen. Das ist das Allerschönste. Und es dient auch unserem Broterwerb. So viele Streams, um mit neuer Musik signifikant Geld zu verdienen, werden wir wohl nie erreichen.
Auf dem Albumcover ist eine Giraffe zu sehen, wieso?
Als der Titel feststand, wurden uns ganz viele Motive vorgeschlagen, die wir alle nicht mochten, weil sie uns unangenehm angeberisch vorkamen. Dann kam die Giraffe. Sie ist der wahre Longplayer auf Erden. Kein Tier hat einen solchen langen Hals, und kein Tier gibt es schon so lange, nämlich seit 16 Millionen Jahren.
Da könnt ihr noch nicht ganz mithalten. Bei euch sind es 35 Jahre, und es fällt auf, dass ihr textlich in der Zeit zurückreist. In „44 Tausend“ geht es ins Jahr 1991, in „5 Zimmer mit Bad“ sogar noch drei Jahre weiter zurück.
Ja, wir beschäftigen uns mehr mit der Vergänglichkeit und dem Faktor Zeit als früher. Deswegen haben wir die Platte ja auch „Long Player“ genannt. Es geht um das Bewusstsein, dass wir das schon über 35 Jahre lang machen, in derselben Besetzung. Und bei „44 Tausend“ vor allem darum, dass uns so viele Leute schon so lange begleiten.
Wie lange wollt ihr noch weitermachen?
Mit jeder Platte kommen wir der Möglichkeit näher, dass es unsere letzte ist. Man muss vorsichtig sein mit solchen Aussagen, und wir sind nicht so drauf wie Howard Carpendale, der vier Abschiedstourneen nacheinander macht. Wenn wir so etwas entscheiden sollten, dann wollen wir uns hundertprozentig sicher sein.
Was heißt das konkret?
Es könnte sehr gut sein, dass „Long Player“ unser letztes Album sein wird.
Sicher?
Nein. Ich habe auch vor 28 Jahren gesagt, dass ich mit 30 nicht mehr auf der Bühne stehen werde. Jetzt bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich behaupten will, ich werde mit über 60 nicht mehr auf der Bühne stehen. Ich werde im Dezember 57, und ich will mich nicht später Lügen strafen lassen.
Kannst du dir ein Leben ohne die anderen Fantas überhaupt vorstellen?
Nein! Selbst wenn wir beschlössen, dass wir nicht mehr auf Tour oder ins Studio gehen würden, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, die anderen nicht mehr ab und zu treffen zu wollen (grinst)
Was auf „Long Player“ ausgeklammert wird, ist das politische Geschehen. Weshalb?
Wir hatten auf dem letzten Album schon fast vorausschauend den Titel „Endzeitstimmung“ gemacht. Obwohl die Lage damals noch gar nicht so schlimm war, wie sie unserer Meinung nach jetzt ist. Was die globalen Kriegssituationen, den Klimawandel, die wirtschaftliche Verfassung Deutschlands oder auch das Migrationsthema angeht, ist es im Vergleich zu 2018 ja nochmal deutlich brisanter geworden. Wenn wir wollten, hätten wir eine rein politische Platte machen können. Aber das sind wir nicht. Dafür haben Songs wie „Gebt uns ruhig die Schuld“ oder eben „Endzeitstimmung“ mehr Gültigkeit als je.
Unpolitisch seid ihr natürlich trotzdem nicht.
Beck:Nein, wir sind schon auch eine politische Band. Wir unterstützen seit zwanzig Jahren „Laut gegen Nazis“, wir haben kürzlich in Jamel bei „Rock den Förster“, einem Festival für Demokratie und Toleranz, gespielt. Wir finden das alles extrem wichtig. Aber momentan geht es uns in unserem Schaffen mehr darum, dass wir so ziemlich das einzige Sprachrohr unserer Generation sind. Die Babyboomer wie Grönemeyer, Westernhagen, Lindenberg sind zehn bis zwanzig Jahre älter, auch die Hosen oder die Ärzte sind schon über 60. Uns ist es wichtig, das Lebensgefühl der Mitte 40- bis Mitte 50-Jährigen musikalisch abzubilden und in Worte zu fassen. Das ist unser roter Faden.
Album und Tour
„Long Player“ erscheint am 4. Oktober. Live zu erleben sind die fantastsichen Vier unter anderem am 2. Dezember in Frankfurt (Festhalle), am 14. Dezember in Luxemburg (Rockhal, Esch) und am 22. Dezember in Stuttgart (Hanns-Martin-Schleyer-Halle).