Städtebau RHEINPFALZ Plus Artikel Hoffnungsträger Wohnsilo: Kanzler Scholz recycelt ein Konzept aus den 1970er-Jahren

Pfingstweide, Anfang der siebziger Jahre.
Pfingstweide, Anfang der siebziger Jahre.

Großsiedlungen gegen die Not: Weil Hunderttausende Wohnungen fehlen, propagiert Bundeskanzler Olaf Scholz jetzt in Verruf geratene Städtebaumodelle aus den Siebzigerjahren: Viertel auf der grünen Wiese wie die Pfingstweide am Rand von Ludwigshafen. Kann das gut gehen?

„Wir brauchen wahrscheinlich 20 neue Stadtteile in den meistgefragten Städten und Regionen“, es sind vollmundige Kehrtwenden, die der Kanzler gerade vollführt. Im Wahlkampf vor zwei Jahren versprach Olaf Scholz (SPD) noch „bezahlbare“ Wohnungen, die en gros gebaut werden sollten. Jetzt hat er bei einer Veranstaltung der „Heilbronner Stimme“ die Rückkehr zur Baupolitik der 1970er-Jahre propagiert.

Scholz meint Projekte wie das im BASF-nahen Randgebiet von Ludwigshafen. Es ist seit 1967 im Herbst auf einer saisonal – nach Pfingsten – genutzten feuchten Wiesenlandschaft hochgezogen worden. Eine Gemeinschaftsanstrengung von Stadt, Land, BASF und den Wohnungsgesellschaften GAG, GEWOGE und LUWOGE damals. Über 6000 Menschen leben jetzt in der Pfingstweide, die das erste große Bauvorhaben des späteren, internationalen Stadtplanerstars und langjährigen Kaiserslauterer Uni-Professors Albert Speer (1934 bis 2017) gewesen ist: 20mal mehr als in der kleinsten Stadt Deutschlands, Arnis im Landkreis Schleswig-Flensburg. Es sind solche Zahlen, die den Bundeskanzler dazu gebracht haben dürften, das in der Öffentlichkeit ramponierte Konzept der Großsiedlung als Heilmittel wieder aufzurufen.

Zum Schwärmen: Cité du Lignon von Architekt Georges Addor.,
Zum Schwärmen: Cité du Lignon von Architekt Georges Addor.,

Die neue Wirtlichkeit der Städte

Vom Hoffnungsträger zum Sozialghetto – und jetzt zurück? Auch die Pfingstweide hat die beinahe typischen Phasen des großflächigen Wohnungsbautyps durchgemacht. Bis lange nach der Nachkriegszeit galten Wohnblöcke wie die Grindelhochhäuser am Rand des Hamburger Nobelviertels Harvestehude als Zukunftsmodell. Das begrünte Berliner Hansaviertel ist sogar ausdrücklich als Signalbau für die Fortschrittlichkeit des Westens und Gegenentwurf zur Ost-Berliner Stalinallee konzipiert worden. Danach allerdings setzten oft auch gesellschaftspolitisch verursachte Niedergangstendenzen ein, die Alexander Mitscherlich in seinem Bestseller „Die Unwirtlichkeit der Städte“ beschrieb – nachdem der Psychoanalytiker selbst als Gutachter beim besonders von ihm gemeinten Heidelberger Viertel Emmertsgrund involviert war.

Anfang der Achtziger, sagt auch Joachim Müller, der Vorsitzende des Pfingstweider Nachbarschaftsvereins Miteinander, sei es „nicht so prickelnd“ an dem Ort gewesen, an dem er seit über 40 Jahren lebt. Schuld? Die Stadt, die in der Trabantenstadt gezielt „nicht so betuchte Schichten“ einquartiert habe, wie er das nennt. Später wurden Hochhäuser abgerissen und rückgebaut. Neue Bewohner zogen her. Mittlerweile lebt man im Quartier wieder gut bürgerlich in einem bautypologischen Mix aus mehrgeschossigen und Einfamilienhäusern. Derweil warnt der Zentrale Immobilienausschuss (ZIA), könnten in Deutschland in vier Jahren bis zu 830.000 Wohnungen fehlen.

Die Nachverdichtung kommt zu ihrem Ende

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe schätzt, dass im Laufe des vergangenen Jahres 607.000 Menschen zumindest zeitweise wohnungslos waren. 2022 sind von den 400.000 von der Bundesregierung angepeilten Neubauwohnungen, die pro Jahr gebaut werden sollten, 295.000 entstanden. Der Druck wächst enorm – auch durch den Zuzug aus den weltpolitischen Problemzonen. Ob neue Großsiedlungen da weiterhelfen? Die Experten sind sich uneins.

Findet die Idee von Scholz „ganz in Ordnung“: Architekt und Professor Helmut Kleine-Kraneburg.
Findet die Idee von Scholz »ganz in Ordnung«: Architekt und Professor Helmut Kleine-Kraneburg.

Der Architekt Helmut Kleine-Kraneburg etwa, Professor an der Kaiserslauterer RPTU, findet die Idee, das Wohnen wieder auf die grüne Wiese auszuweiten, „grundsätzlich in Ordnung“, gut sogar. Auch wenn das vordergründig Klimazielen diametral zuwiderläuft. Denn eigentlich soll der tägliche Flächenverbrauch durch Bautätigkeit bis 2030 von 54 Hektar auf unter 30 reduziert werden.

In einem, „Haus der Erde“ benannten Positionspapier des Bunds der Architekten und Architektinnen steht auch: „Bauen muss vermehrt ohne Neubau auskommen.“ Priorität komme dem Erhalt und dem konstruktiven Weiterbau des Bestehenden zu. Nur, wenn das Leben in der Stadt teuer und der Nachverdichtung Grenzen gesetzt sind, hat das allein keinen Sinn. Insbesondere junge Familien ziehen dann in Fläche und Energie fressende Einfamilienhäuser und Neubaugebiete weiter draußen – und pendeln.

Kämpft für die Pfingstweide: Joachim Müller vom Nachbarschaftsverein Miteinander.
Kämpft für die Pfingstweide: Joachim Müller vom Nachbarschaftsverein Miteinander.

Was ist besser, pendeln oder aus der Ferne heizen?

In der Pfingstweide, in der die Autobahn zeituntypisch ausgelagert worden ist, erzählt Nachbarschaftsvereinsvorsitzender Joachim Müller, verkehrt der Bus kurz getaktet und regelmäßig, auch wenn die Straßenbahn in Oppau endet. Zudem seien zumindest die Grundbedürfnisse von einem zentral gelegenen Supermarkt abgedeckt.

Verdichtet wohnen, ohne es zu merken: Das Freiburger Quartier glt als mustergültig.
Verdichtet wohnen, ohne es zu merken: Das Freiburger Quartier glt als mustergültig.

Ein Vorteil von Großsiedlungen ist, sie lassen sich mit Fern- oder Nahwärmenetzen nachhaltig beheizen. Zudem lässt sich unter Einsatz von computergestützten modularen Bauweisen, bei denen vorgefertigte Bauteile verwendet werden, günstiger bauen. Und wohnen: In Frankfurt etwa zu 16/17 Euro pro Quadratmeter statt der üblich gewordenen 20 Euro, wie die „FAZ“ zuletzt den Immobilienanalysten der Firma Empirica, Reiner Braun, zitierte.

Früher war in einer Großsiedlung zu leben, etwas, um das man sich – zumal in der DDR – riss; selbst das gehobene Bürgertum, das später lieber in Einfamilienhäuser in die Neubaugebiete gezogen ist. Mittlerweile bewegt sich der Trend wieder leicht in umgekehrte Richtung.

Utopie zwischen Taunusturm und Neuer Vahr

Zusammen mit Büro-Kompagnon Martin Gruber hat der vorhin schon zitierte Architekt Helmut Kleine-Kraneburg so den sehnsuchtsumtosten Taunusturm in Frankfurt gebaut, von dem herab die „Heldin“ Jana Liekam (Paula Beer) in der Serie „Bad Banks“ beseelt von ihrem Erfolg auf die Stadt schaut. Zuletzt widersprach Kleine-Kraneburg bei einer Veranstaltung des Vereins Stiftung Urban Future, den er als Vorsitzender führt, dem Architekturkritiker Michael Mönninger heftig.

„Der Ruf nach Großsiedlungen ist weder realistisch noch vernünftig“, hatte Mönninger behauptet. Er ist Professor an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig und Autor eines Buches über die Baugesellschaft Neue Heimat, die mit Großbauprojekten wie der Neuen Vahr in Bremen viele Städte (negativ) geprägt hat. Helmut Kleine-Kraneburg dagegen glaubt, dass das Revival der Trabantenstadt tatsächlich funktionieren könnte. Großsiedlungen könnten, meint der in Rheda-Wiedenbrück geborene Professor, eine „qualitative, bezahlbare“ Wohnform sein. Bei manchen Beispielen gerät er regelrecht ins Schwärmen.

Vor Kurzem, erzählt der 62-Jährige am Telefon, sei er mit Studierenden in der Großsiedlung Cité du Lignon gewesen – im Kanton Genf. Realisiert in den Sechzigern strotzt das Viertel nur so vor hochkarätiger Architektur. Dort lebten Menschen aus allen sozialen Schichten, ob als Eigentümer oder Mieter, sagt Kleine-Kraneburg. Dort steht auch das längste Wohnhaus Europas. Vor einiger Zeit ist die ikonische Curtain-Wall-Fassade energetisch saniert worden. In Genf hätten ihm nur Leute die Tür geöffnet, die nirgendwo sonst hätten leben wollen, erinnert sich der smarte Architekturdenker. „Wie Würfelhusten“ käme ihm dagegen vor, was vielerorts in kleinerem Maßstab entsteht. Dann führt er, wie alle die sich mit der Materie beschäftigen, noch das mustergültige, an einem künstlichen Gewässer ufernde Wiener Viertel Seestadt Aspern an. Oder das einem Gründerzeitviertel nachempfundene Quartier Vauban in Freiburg, dessen Bewohner freiwillig ihre Autos draußen stehen lassen und lieber ein Stück heimlaufen, statt ihren Lebensmittelpunkt autogerecht zu verschandeln. Dass sie hochverdichtet wohnen, sagen sie, käme ihnen gar nicht so vor. Kein Vergleich zu klotzigen Wohnsilos der Negativbeispiele, die es natürlich auch gibt, wie den Problembezirk Hannover-Sahlkamp, der mehr oder minder vor sich hin verrottet.

Fast die Hälfte der Bewohner lebt teilweise oder ganz von Transferleistungen. Die Arbeitslosenquote ist hoch, die Kinderquote dito. 40 Prozent der Bewohner haben keinen deutschen Pass, 25 Prozent der Bewohner besitzen mehr als eine Staatsangehörigkeit. Wie es heißt, wolle die Wohnungsbaugesellschaft Vonovia 850 ihrer Wohnungen dort nur noch loswerden. Wie überall kommt es bei Großsiedlungen vor allem darauf an, wie man es macht. Und sich kümmert.

Die Krux: Der Bund baut nun mal keine Wohnungen

In der Ludwigshafener Großsiedlung Pfingstweide jedenfalls wurde in den Neunzigern eine gemeinsame Strategie der Stadt, der Bürgerinnen und Bürger, der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft GAG und der LUWOGE (heute BASF Wohnen + Bauen) entwickelt: „Unsere Pfingstweide soll attraktiver werden“ hieß der etwas nüchterne Wiederertüchtigungsslogan. 25 Millionen Euro wurden investiert, 2006 folgten weitere Rück-, Um- und Neubauten. Jetzt kämpft Joachim Müller mit seinem Nachbarschaftsverein gegen den Verfall des „historischen“ Einkaufszentrums im Viertel an. Wie es für die älteren Bewohner besser werden könnte in seinem Stadtteil, treibt ihn um. Immerhin kann er sich selbst darum sorgen. Kanzler Olaf Scholz ist bei seinen Forderungen nach einer Neubauoffensive auf Investoren und vor allem auf die Kommunen angewiesen. Wie immer geht es ums Geld. Milliarden. Denn Wohnungen baut der Bund nun mal nicht selbst.

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