Festival des deutschen Films RHEINPFALZ Plus Artikel „Ein Fan des Festivals“: Regiepreisträger Kai Wessel im Gespräch

„Letztendlich machen wir Filme, damit sie gesehen werden, damit sie die Zuschauer und Zuschauerinnen unterhalten, in neue Welten
»Letztendlich machen wir Filme, damit sie gesehen werden, damit sie die Zuschauer und Zuschauerinnen unterhalten, in neue Welten entführen, zum Nachdenken anregen oder vielleicht an Grenzen bringen«, sagt Regisseur Kai Wessel – hier bei einem früheren Parkinsel-Besuch – über seine Arbeit.

Regisseur Kai Wessel erhält am 26. August den Regiepreis des 21. Festivals des deutschen Films. Vorab sprach Stefan Otto mit ihm auch über sein Verhältnis zu Ludwigshafen.

Ich finde, Sie haben vor einigen Jahren die schönste Serie gedreht, die je in der Rhein-Neckar-Region entstanden ist: „Zeit der Helden“.
Vielen Dank! Ich mag die auch sehr, wirklich. Das war ein Projekt, das in einer sehr freien, positiven und kreativen Atmosphäre entstanden ist. Ich glaube, das hat damit zu tun, dass nur der SWR und Arte die Serie produziert haben und da nicht dieser Megadruck wie im ersten oder zweiten Programm herrschte. Ich denke, das merkt man auch, dass sie einfach so ein bisschen radikaler und mutiger ist.

Sie haben später auch „Ramstein – Das durchstoßene Herz“ gedreht. Bedeutet das, dass Sie eine gewisse Verbindung zu unserer Region hier haben?
Im Kern nein, aber irgendwie doch. Weil der SWR sich immer sehr stark um junge Regie- und Buchtalente gekümmert hat. Dadurch ist so eine Nähe zum SWR entstanden. Mein erster Fernsehfilm nach zwei Kinofilmen war „Geboren 1999“ für den SWR. Das hat mich mit diesem Sender verbunden, und es hat auch dazu geführt, dass ich gespürt habe: Dieser Sender ist anders. Die sind neugierig, die hören zu, die wollen etwas bewegen. Es hat vielleicht auch etwas mit dieser Randlage zu tun, die zumindest Baden-Baden hat. Vielleicht war der Sender immer einen Hauch wagemutiger oder unabhängiger als andere, die mehr im Zentrum stehen. Es gab dann noch einige Filme, die ich für den SWR gemacht habe. Deswegen fühle ich mich dem Sender dankbar verbunden, das kann man schon sagen. Auch wenn die Menschen, die damals da waren, jetzt nicht mehr da sind. Aber da sind neue gute und interessante Leute.

2022 hatte Kai Wessel seinen TV-FIlm „Ramstein – Das durchstoßene Herz“ beim Filmfestival in Ludwigshafen präsentert. Der Spielf
2022 hatte Kai Wessel seinen TV-FIlm »Ramstein – Das durchstoßene Herz« beim Filmfestival in Ludwigshafen präsentert. Der Spielfilm zeigt aus mehrerern Perspektiven, wie Menschen mit den Folgen des Flugtag-Unglücks umgehen, darunter ein Notarzt (Jan Krauter)..

Sie waren schon mehrmals auf dem Ludwigshafener Filmfestival.
Zum ersten Mal vor genau zehn Jahren. Da hatte ich vorher schon viel von Ludwigshafen gehört. Und zwar sehr Positives, weil es so ein warmherziges, zuschauerfreundliches und gut besuchtes Festival ist. Ich war das erste Mal mit dem Film „Roggenschaubs Reise“ eingeladen, und ich weiß noch, dass ich mit Hannelore Hoger dahin gefahren bin, und wir beide nicht so genau wussten, was uns erwartet. Aber als wir ankamen, waren wir sehr beeindruckt von der Lage am Rhein, die ist ja fantastisch, und dann von der Größe des Kinozeltes.

Dass da so viele Menschen saßen und unseren Film sehen wollten, das werde ich nie vergessen. Das hatte ich überhaupt nicht erwartet, und ich war wirklich tief beeindruckt. Denn letztendlich machen wir ja Filme, damit sie gesehen werden, damit sie die Zuschauer und Zuschauerinnen unterhalten, in neue Welten entführen, zum Nachdenken anregen oder vielleicht an Grenzen bringen. Genau das war da der Fall, und das war toll! Seitdem bin ich ein Fan dieses Festivals, weil man auch in den Gesprächsrunden nach den Vorstellungen mit den Zuschauern wirklich in Kontakt kommt. Das ist ja im Fernsehen sonst nie der Fall. Da wird der Film irgendwann laufen und danach kommt schon die nächste Sendung, und das war’s dann.

Was bedeuten Ihnen Auszeichnungen wie der Regiepreis?
Der jetzt aus Ludwigshafen tatsächlich sehr viel. Ich habe mich wirklich sehr gefreut und tue das auch immer noch. Nicht zuletzt, weil der Preis nicht an einen einzelnen Film geknüpft ist, sondern an die Arbeit der letzten Jahre, und da ist besonders „Ramstein“ nochmal zu erwähnen, weil der auch in Ludwigshafen lief, und mindestens zwei „Spreewaldkrimis“, würde ich sagen, aber eben auch „Roggenschaubs Reise“. Ich denke also, dass die Festivalmacher Daniela und Michael Kötz sich relativ gut mit meinen Filmen der letzten Jahre auskennen. Und wenn ausgerechnet die sagen, dieses Jahr sollst du den Preis bekommen, ist das eine tolle Anerkennung.

Für wie bedeutsam in der Geschichte Deutschlands und Frankreichs halten Sie das erste Treffen von Konrad Adenauer und Charles de Gaulle, das Sie in „An einem Tag im September“ nacherzählen?
Ich bin kein Historiker und maße mir nicht an, das in eine historisch exakte Wertung zu bringen. Aber das Besondere ist ja schon, dass hier zwei Menschen versuchen, miteinander in Kontakt zu kommen und an die Zukunft zu denken, obwohl die Bevölkerung beider Länder eine tiefe Abneigung bis hin zu Hass verspüren. 250 Jahre „Erbfeindschaft“, die im Zweiten Weltkrieg mit dem Überfall Deutschlands auf Frankreich ihren schrecklichsten Tiefpunkt erreicht hat - da wissen die beiden, dass es so nicht weitergehen darf und suchen einen Weg, der dem Druck der Öffentlichkeit ausweicht.

In „An einem Tag im September“ verkörpert Burghart Klaußner Konrad Adenauer (rechts) und Jean Yves Berteloot spielt Charles de G
In »An einem Tag im September« verkörpert Burghart Klaußner Konrad Adenauer (rechts) und Jean Yves Berteloot spielt Charles de Gaulle.

Die Schwierigkeit war ja: Der deutsche Kanzler konnte 13 Jahre nach dem Krieg nicht als Staatsgast in Paris empfangen werden. Das wäre ja ein offizieller Staatsbesuch mit militärischen Ehren gewesen. Darüber hätte sich die französische Öffentlichkeit zu großen Teilen zutiefst empört, und damit wäre das Treffen von vornherein sehr in der Kritik und großem Druck gewesen. Und umgekehrt hätte der französische Präsident damals niemals nach Bonn fahren können. Dass de Gaulle diesen Weg gefunden und gesagt hat, dann lade ich den Kanzler zu mir nach Hause zu einem privaten Treffen ein, war eine genial praktische und vernünftige Lösung. Trotzdem mussten aber vor allem die großen politischen Differenzen überwunden werden.

Wie haben Sie sich der damaligen Zeit und Stimmung angenähert?
Zum einen ist Fred Breinersdorfer, der Drehbuchautor, jemand, der sehr genau recherchiert, bevor er zu schreiben anfängt. Insofern war für mich schon allein durch sein Drehbuch und die langen Gespräche sehr viel getan. Dazu kommen dann Recherchereisen. Wir waren in Colombey, in der Boisserie, dem privaten Wohnhaus der de Gaulles, und in Museen. Man kauft sich Bildbände, um auch eine Bilderwelt zu bekommen, schaut Dokumentationen und Filme über de Gaulle und Adenauer, versucht die Zwänge, Ängste und Nöte der Zeit zu verstehen, aber auch die Sehnsüchte. Von der französischen Wochenschau gibt es einen kleinen Beitrag über die Ankunft von Adenauer. Wie der große Mercedes auf das Gelände fährt, die beiden sich das erste Mal begrüßen und Adenauer tatsächlich so einen kleinen Stolperer hat, den wir dann im Film übernommen haben.

Inwieweit ist das Treffen darüber hinaus dokumentiert?
Weil es kein Staatsempfang war, ist das Treffen nicht Wort für Wort protokolliert worden. Es war aber ein Dolmetscher dabei und im Nachhinein wurden die Gespräche aus der Erinnerung heraus dokumentiert. Es gibt also keine wörtlichen Aufzeichnungen, und das war dann natürlich für Fred Breinersdorfer die Möglichkeit, die Dialoge mit seinem Wissen zu füllen. Vor allem unter dem Aspekt, welche Themen, die die beiden besprochen haben, heute noch relevant sind. Das ist dann zum Beispiel die Atombewaffnung.

Wie viel Wert haben Sie auf Authentizität gelegt?
Wir haben gesagt, wir machen kein Reenactment, und wir suchen keine Lookalikes. Sondern wir suchen die bestmöglichen Schauspieler und nehmen über das Maskenbild und Kostüm äußere Zeichen und Merkmale auf. Aber in allen anderen Bereichen haben wir versucht, historisch so genau wie möglich zu sein. Ich habe mich inzwischen so daran gewöhnt, für mich sieht der Adenauer aus wie Burghart Klaußner. Und Charles de Gaulle sprach in der Tat hervorragend deutsch. Das ist nicht ausgedacht und übrigens auch nicht, dass er die deutsche Kultur sehr geschätzt hat. Die Dichter und Denker, die Philosophen, die Musiker … Er war ja im Ersten Weltkrieg in deutscher Gefangenschaft und ist dort offensichtlich an Leute geraten, mit denen er einen lebendigen Austausch über das kulturelle Leben dieser beiden Länder pflegen konnte. So hat er auch die Sprache gelernt und hat sich dann mit Adenauer tatsächlich auf Deutsch unterhalten.

Welche Beziehung haben Sie selbst zu Frankreich?
Ich bin überhaupt nicht mehr mit einer Vorstellung von „Erbfeindschaft“ großgeworden, sondern immer der von der deutsch-französischen Freundschaft. Ich habe dann manchmal auf Reisen von Freunden oder Freundinnen gehört, dass sie als Deutsche in Frankreich kein Zimmer bekommen haben, oder Ähnliches. Ich persönlich habe das nie erfahren. Wir waren oft in Südfrankreich und wurden da immer sehr warmherzig aufgenommen.

2009 hatte Kai Wessel seinen Film „Hilde“ in Mannheim vorgestellt.
2009 hatte Kai Wessel seinen Film »Hilde« in Mannheim vorgestellt.

Wie wird „An einem Tag im September“ bislang aufgenommen?
Der Film geht gerade einen unglaublichen Weg, das hätte niemand von uns gedacht. Von einer Vorführung mit Frank-Walter Steinmeier und dem französischen Botschafter in Bonn über eine Vorstellung in Brüssel, bei der die EU-Parlamentspräsidentin Roberta Metsola die einleitende Rede gehalten hat, bis zu den Preisen, die wir beim Festival de Television in Monte Carlo gewonnen haben. Ich denke, die Botschaft, die Adenauer und de Gaulle, und für sie der Film vermittelt, wird gerade sehr gerne gehört.

Zur Person

1961 in Hamburg geboren, produzierte Kai Wessel zunächst „Hamburger Wochenschauen“, die in den Programmkinos der Hansestadt liefen, bevor er zahlreiche und vielfach prämierte Kino-, TV-Filme und -Serien inszenierte, darunter „Martha Jellneck“ (1988), „Klemperer – Ein Leben in Deutschland“ (1999), Die Flucht“ (2007), „Hilde“ (2009), „Nebel im August“ (2016) sowie 2012 die in und um Mannheim gedrehte Echtzeit-Serie „Zeit der Helden“.

Termine

Zur Verleihung des Ludwigshafener Regiepreises ist am 26. August um 18 Uhr sein neuester Film „An einem Tag im September“ zu sehen. Weitere Termine: 27. August, 20.45 Uhr; 28. August, 20 Uhr; 30. August, 18.15 Uhr; 31. August, 13 Uhr.

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