Festival des deutschen Films RHEINPFALZ Plus Artikel Herzschmerz zum Auftakt: „Petra geht baden“ ist sommerliches Wohlfühlkino

Ihre Ehe steht nach 37 Jahren vor der Zerreißprobe: Petra (Ulrike Kriener) und Erik (Rolf Lassgård) im Festival-Eröffnungsfilm „
Ihre Ehe steht nach 37 Jahren vor der Zerreißprobe: Petra (Ulrike Kriener) und Erik (Rolf Lassgård) im Festival-Eröffnungsfilm »Petra geht baden«.

Der Titel ist bewusst zweideutig: „Petra geht baden“ von Regiepreisträger Rainer Kaufmann läuft zur Eröffnung des 21. Festivals des deutschen Films in Ludwigshafen.

Die Komödie mit Schwedens Starschauspieler Rolf Lassgård wird auf der Parkinsel sommerliche Leichtigkeit verbreiten, auch wenn das Thema des ZDF-Stücks aus der Reihe „Herzkino“ durchaus ganz grundlegende Fragen stellt. „Petra geht baden“ erzählt vom Altern und dem Umgang mit der eigenen Sterblichkeit: Plötzlich bist du Mitte/Ende 60 und merkst: So viele Sommer wird es nicht mehr geben, wie möchtest du sie wirklich verbringen?

„Ich will meine Zeit nicht verschwenden“, sagt Eric. „Alles ist vergänglich, das ist schwer für mich zu akzeptieren.“ Der knapp 70-Jährige (gespielt von Rolf Lassgård, der diesen März 70 Jahre alt wurde) treibt im Grunde die Handlung des Eröffnungsfilms an, auch wenn dieser „Petra geht baden“ heißt.

Wellness oder Wohnwagen?

Eric ist Petras Ehemann, sie sind zwar ziemlich gegensätzlich – er lebt als Maler in den Tag hinein, sie ist als Geschäftsfrau stets hoch effizient auf Zack –, aber schon seit 37 Jahren verheiratet. Glücklich, denkt Petra. Doch Eric sieht das etwas anders. Der Künstler, der sich wie ein Kind begeistern kann, wenn ihm ein inspirierendes Motiv begegnet („Ich muss das hier malen, alles!“), hat sich ausgemalt, dass seine frisch verrentete Ehefrau, bislang Geschäftsführerin eines Industrie-Unternehmens, nun mit auf seine Traumreise geht. In einem weinseligen Moment hatte ihm dies Petra (Ulrike Kriener) versprochen.

Ziehen sich Gegensätze an? Ulrike Kriener und Rolf Lassgård in „Petra geht baden“.
Ziehen sich Gegensätze an? Ulrike Kriener und Rolf Lassgård in »Petra geht baden«.

Doch die Art von Reise, die Eric lockt, passt gar nicht zu der patenten Macherin, die gern alles bis ins Detail plant: Er möchte mit einem alten Campingwagen losziehen, Richtung Tschechien und sich dort von „Lost Places“, also verfallenen Orten wie Villen und Fabriken, zu neuen Bildern anregen lassen. Petra ist eher der Wellness-Typ. Und hat sich offenkundig noch nicht damit auseinander gesetzt, wie sie ihre verbleibende Lebenszeit verbringen möchte. Das Einzige, was für sie feststeht, auch wenn Eric zweifelt: Sie möchte bei ihrem Mann sein. „Ich bin gekommen, um zu bleiben“, verkündet sie diesem nach ihrem letzten Arbeitstag, an dem sie von ihrer Nachfolgerin als „streng, klar und fair“ gewürdigt wurde.

Als Eric sie vor die Wahl stellt – „Sofa oder Abenteuer“ – willigt sie doch recht schnell ein. Sie befolgt dabei auch den Rat ihrer offenbar langjährigen Assistentin Georgette (Lara Mandoki). Diese antwortet auf ihre Frage, was sie tun solle – schließlich hatte Eric angekündigt, auch ohne sie loszuziehen: „Mitfahren! Sonst kann es ein, dass er nicht zurückkommt.“

Planen oder in den Tag träumen?

Petra steigt also ins Wohnmobil, sogar, wie von Eric verlangt, mit nur einem Koffer. Auch das Handy nimmt er ihr ab. Doch Petra hat einen Plan B: Mit einem Zweithandy lässt sie Georgette die scheinbar so spontane Reise vorab organisieren, inklusive erlaubtem Zugang zu leerstehenden Herrenhäusern. Aber natürlich gibt es keine Liebeskomödie der Reihe „Herzkino“ ohne Konflikt, der hier in Gestalt eines früheren Liebhabers daherkommt: Der Arzt Bruno (Philipp Moog), Vater auch von Georgette, reist Petra hinterher, lauert ihr gar bei einem von seiner Tochter organisierten Abstecher in ein Hotel auf und möchte Petra für sich gewinnen: Er bietet ihr die Geschäftsführung einer Klinik an, in der er der neue Chefarzt werden soll. Petra ist geschmeichelt, doch lässt sie sich nicht auf Bruno ein. Eric aber fürchtet, dass sie ihn betrügt, nachdem er beide mehrfach heimlich beobachtet hat.

Es kommt zum Streit, bei dem auch die unterschiedlichen Vorstellungen vom Leben aufeinander prallen: „Wenn du planst, bist du schrecklich, wenn du nicht planst, bist du fantastisch“, sagt Eric. Und daher, das Publikum ahnt es von Beginn an, geht Petra gleich doppelt baden: Ihre Pläne sind durchkreuzt, sie geht voll und ganz auf Eric ein, um ihn zu besänftigen und seine Eifersucht zu entkräften. Und sie springt sogar in einen See – vorher hatte sie das für sie eher trügerische als verlockende Nass auf Reisen stets gemieden.

Das Abenteuer Liebe

Ob das ein „Happy-End“ ist, dürfte das Publikum durchaus für diskussionswürdig halten. Schließlich erzählt „Petra geht baden“ nicht gerade die Geschichte einer Emanzipation, sondern begibt sich auf eher traditionelles Jane-Austen-Territorium: Die Titelfigur wandelt sich nahezu um hundert Prozent, um ihren Ehemann zu halten. Doch, wie ein hilfreiches junges tschechisches Paar ihr ja geraten hat: „Liebe ist das größte Abenteuer.“ Und so legt das Drehbuch von Uli Brée (Autor mehrerer, vor allem Wiener „Tatort“-Folgen) der vormaligen Managerin Worte in den Mund wie „Ich bin dein Schicksal, das weißt du“; gerichtet an ihren Mann, der die Freiheit eines Daseins als Künstler, der sich einfach treiben lässt, regelmäßig preist. Herrliche Sonnenuntergänge inklusive.

Ulrike Kriener, die lange als Kommissarin Ellen Lucas im ZDF präsent war und ebenfalls inzwischen 70 Jahre alt ist, spielt ihre Rolle dabei engagiert und mit Verve. Dem Schweden Rolf Lassgård, der lange den wahrlich nicht vor Lebenslust sprühenden Kommissar Kurt Wallander verkörperte und danach den mürrischen „Mann namens Ove“, nimmt man den sorglosen Künstler dagegen nicht so ganz ab. Das liegt vor allem an seinem Akzent: So mancher Satz wirkt auswendig gelernt, vermutlich spricht Lassgård nicht wirklich Deutsch.

Dennoch: „Petra geht baden“ unterhält, lässt gerade nicht mehr ganz so junge Zuschauer ihren eigenen Lebensweg reflektieren und bietet auch durch das sommerliche Urlaubsszenario einen passenden Auftakt für die 21. Festivalausgabe.

In Cannes mit dem Regiepreis ausgezeichnet und nun im Wettbewerb in Ludwigshafen: „In die Sonne schauen“; ebenfalls eine ZDF-Pro
In Cannes mit dem Regiepreis ausgezeichnet und nun im Wettbewerb in Ludwigshafen: »In die Sonne schauen«; ebenfalls eine ZDF-Produktion.

Diese offeriert als Gegengewicht aber auch einige filmische Schwergewichte und Kinokunst auf hohem Niveau: Darunter ist der neue, hoch philosophische Film von Edgar Reitz, der am 23. August auch einen Ehrenpreis erhält, oder der diesjährige deutsche Cannes-Überraschungserfolg „In die Sonne schauen“ von Mascha Schilinski, die als erste deutsche Filmemacherin überhaupt bei dem prestigeträchtigen A-Festival den Jurypreis erhielt. Der Film über Frauenleben in verschiedenen Jahrhunderten ist übrigens ebenfalls eine ZDF-Produktion, allerdings aus der Reihe „Fernsehspiel“.

Termine

„Petra geht baden“ läuft zur Festivaleröffnung am 20. August auf der Parkinsel, die Gala mit Gästen gibt es zeitversetzt in beiden Zelten, um 19 und um 20 Uhr. Als Gäste erwartet werden aus dem Ensemble Ulrike Kriener und Philipp Moog. Rolf Lassgård möchte zur Vorstellung am 23. August kommen. Weitere Informationen gibt es unter www.fflu.de

Aus der Gästeliste

Rund 400 Gäste aus der Branche haben sich zum 21. Festival des deutschen Films in Ludwigshafen angekündigt, sagte Programmplanerin Daniela Kötz beim Pressetermin zur Festivaleröffnung. Und scherzte: „Inzwischen kommen sogar Münchner.“ Gemeint ist Udo Wachtveitl, der seinen neuen „Tatort“ am Rhein vorstellen wird.

Aber auch die Kommissar-Darsteller aus Ludwigshafen, Ulrike Folkerts und Lisa Bitter, und Hessen , Ulrich Tukur, Barbara Philipp und Edin Hasanovic, sind bei den Inselpremieren dabei. Hasanovic ist der Nachfolger von Janneke und Brix, die von Margarita Broich und Wolfram Koch verkörpert wurden; Erstere stellt diesmal eine Komödie in Ludwigshafen vor.

Nina Hoss (rechts, mit Co-Hauptdarstellerin Saskia Rosendahl und Regisseurin Ina Weisse) stellt den Film „Zikaden“ auf der Parki
Nina Hoss (rechts, mit Co-Hauptdarstellerin Saskia Rosendahl und Regisseurin Ina Weisse) stellt den Film »Zikaden« auf der Parkinsel vor.

Auch frühere Schauspielpreisträgerinnen haben ihr Kommen angekündigt: Nina Hoss, Anne Ratte-Polle und Julia Koschitz. Das dürfte ein wenig aufwiegen, dass dieses Jahr eine Männerriege geehrt wird: Uwe Ochsenknecht und Rainer Bock bekommen einen Schauspielpreis, Kai Wessel den Regiepreis, David Ungureit den Drehbuchpreis und der 92-jährige „Heimat“-Regisseur Edgar Reitz den erstmals vergebenen Ehrenpreis des Festivals.

Weitere bekannte Namen, die auf dem roten Teppich erwartet werden, sind: Burghart Klaußner, Andrea Sawatzki, Christian Berkel, Emil Steinberger, Milan Peschel, Hans-Jochen Wagner, Stephan Grossmann, Silke Bodenbender, Victoria Trauttmansdorff, Steffi Kühnert, Julia Jäger, Hinnerk Schönemann. Auch die Jury, die über die drei Hauptpreise entscheidet, die am 6. September vergeben werden, steht nun fest: Schauspielerin Lina Wendel, Produzentin Martina Haubrich und Wolfgang Esser beurteilen die 14 Filme im Wettbewerb.

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