Festival des deutschen Films
Regisseur Tim Fehlbaum über seinen Film „September 5“
Regisseur Tim Fehlbaum erzählt im Gespräch mit
Katharina Dockhorn über die Berichterstattung bei der damaligen Geiselnahme und wie sich die Rolle der Medien seitdem verändert hat.
Herr Fehlbaum, viele Kollegen stufen „September 5“ als amerikanischen Film ein und sind erstaunt, dass er in Deutschland entwickelt wurde. Ist das für Sie ein Kompliment?
Das ist lustig. Die Perspektive und die Sprache lassen wohl leicht den Eindruck entstehen, der Film sei in den USA entstanden. In den USA wird er im positiven Sinn als europäischer Film gesehen. Ich weiß aber gar nicht, ob man das heutzutage noch so pauschalisieren kann.
Dazu tragen sicher auch die Namen der Schauspieler bei, die der Zuschauer sonst eher mit dem amerikanischen Kino verbindet?
Als Regisseur möchtest du immer mit den Besten arbeiten. Wir hatten einen hohen Anspruch an den Cast, bei dessen Verpflichtung wir lange nicht weiterkamen. Wenn europäische Firmen Anfragen an amerikanische Agenturen verschicken, lässt die Antwort meist länger auf sich warten. Das änderte sich erst, als wir Sean Penn und seine Produktionsfirma als Partner an unserer Seite hatten. Mit deren Briefkopf ging alles schneller.
Was hat Sie an dem Thema interessiert?
Ich habe mich gefragt, ob zu diesem historischen Ereignis bereits alles erzählt wurde. Die Rolle der Medien fehlte, was mich verwundert hat. Der 5. September gilt als ein Wendepunkt in der Mediengeschichte. Erstmals berichtete ein Sender live von einem Terroranschlag mit Geiselnahme. Und es waren keine profilierten Krisenberichterstatter vor Ort, die Sportjournalisten haben die Aufgabe gemeistert. Meine Faszination war endgültig nach einem Gespräch mit Jeffrey Geoffrey Mason über diesen 22-stündigen Marathon der Berichterstattung geweckt. Er war damals Producer bei den Sportübertragungen und musste plötzlich Verantwortung für die Berichterstattung über die Geiselnahme übernehmen.
Seitdem haben sich die Erwartungen dahin entwickelt, dass bei Katastrophen oder Geiselnahmen beinahe durchgehend berichtet werden muss?
Deshalb sind die Geschehnisse im News Control Room für mich nicht nur im Rückblick, sondern gerade aus heutiger Sicht relevant. In einer Zeit, in der sich die Medienlandschaft so rapide schnell entwickelt, das wir noch gar nicht begreifen können, was das für unsere Wahrnehmung weltpolitischer Ereignisse bedeutet, schien es wichtig, einen Schritt zurückzumachen, um zu sehen, wie zum ersten Mal über ein Ereignis dieser Art im Live-Fernsehen berichtet wurde. Das ist auch interessant für unsere heutigen Erwartungen. Ich dachte zum Beispiel an den Terror-Anschlag im Stade de France während des Fußballspiels zwischen Frankreich und Deutschland, als der Reporter plötzlich mit einem mutmaßlichen Terroranschlag konfrontiert war.
Wollten Sie immer eine deutsche Note im Film haben?
Die von Leonie Behnisch gespielte Dolmetscherin Marianne beruht auf mehreren Deutschen in ähnlichen Funktionen. ABC hat immer viele Leute von vor Ort angestellt, die die Sprache beherrschten und sich vor Ort auskannten. Zudem repräsentiert sie die Nachkriegsgeneration in Deutschland.
Sie sind zu jung, um sich an die Ereignisse in München zu erinnern?
Ich war noch nicht geboren. Ich habe jedoch gespürt, dass die Olympischen Spiele in München ein besonderes Ereignis waren. Unsere Recherche hat uns gezeigt, dass die Olympischen Spiele von 1972 in München schon vor dem tragischen Ereignis ein Wendepunkt in der Mediengeschichte waren. Es waren zudem die ersten Spiele auf deutschem Boden seit 1936, die damals für faschistische Propaganda missbraucht wurden. Nun wollte man sich der Welt als das neue, liberale Deutschland präsentieren. Dafür wurde ein gigantischer Medienapparat aufgefahren. Erstmals wurden die Spiele weltweit live übertragen. Deutschland wollte sich von seiner besten Seite zeigen und hat alles dafür getan, ein guter Gastgeber zu sein.
Folgen Sie gerne Sportereignissen im Fernsehen?
Ich sitze bei großen Sportereignissen begeistert vor dem Fernseher. Für den Film konnte ich nun hinter die Kulissen der Live-Berichterstattung blicken. Ich war in den Kontrollräumen der Sender in Deutschland als auch in New York, wo es heute natürlich ganz anders aussieht. Ich bekam aber einen guten Einblick in die Arbeitsweise und die Hektik der Live-TV-Studios, wenn irgendwo auf der Welt eine Krise ausbricht und schnell berichtet werden muss. Dabei wurde mir die Komplexität der Entscheidungsprozesse bewusst.
Die Reporter wurden bald mit der Möglichkeit konfrontiert, dass sie die Terroristen mit Informationen versorgen. Hat Sie auch diese moralische Frage der Grenzen von Live-Berichterstattung interessiert?
Absolut. Diese Frage stellt sich immer, wenn live von tragischen Ereignissen wie der Geiselnahme in Gladbeck berichtet wird. Jeffrey Geoffrey Mason erzählte uns, dass sogar die Polizei ins Studio kam und bat, die Kameras auszuschalten. Sie haben sofort reagiert, weil sie die Bedenken verstanden hatten. Wobei laut unserer Recherche bis heute keiner genau weiß, ob die Terroristen die Fernseher angeschaltet hatten, und ob die Polizeiaktion zur Geiselbefreiung deswegen abgebrochen wurde. Ich halte es für wahrscheinlicher, dass sie scheiterte, weil noch keine Spezialkräfte ausgebildet waren.
Heute ernten ARD und ZDF immer wieder Vorwürfe, wenn sie bei bestimmten Ereignissen die Live-Berichterstattung abbrechen, weil es keine Neuigkeiten gibt. Haben Sie Recht?
Diese grundlegende ethische Frage ist für mich der interessanteste Aspekt an der ganzen Geschichte. Für mich gibt es auf diesen Zwiespalt keine zufriedenstellende, pauschale Antwort. Ich habe mit vielen Reportern gesprochen, die bekennen, dass sie in derselben Zwickmühle sind. Nicht zu berichten, ist aber auch keine Lösung. Insofern hoffe ich, dass der Film zur Diskussion anregt.
Im Zeitalter der Fake News scheint es ebenso wichtig, jede Neuigkeit möglichst durch eine weitere Quelle zu prüfen?
Auch das lehren uns die Ereignisse von München. Wobei sich ABC auf das ZDF berufen hat. Auch der damalige Regierungssprecher Konrad Ahlers sprach als Studiogast der ABC zunächst von einer geglückten Befreiungsaktion. Wobei ich den Eindruck habe, dass er zum Zeitpunkt dieses Gesprächs auch nicht genau weiß, ob die Geiseln befreit werden konnten. Ich habe für diese Falschinformation nur eine Erklärung. Laut unserer Recherche wollte einer der Schaulustigen am Flughafen einen großen Moment für sich haben und hat die Nachricht verkündet. Sie hat sich schnell verbreitet, dann hat sich offenbar einer auf den anderen verlassen. Auch in der Hoffnung, dass die Nachricht von der Geiselbefreiung stimmt.
Die Technik hat sich verändert und keiner bräuchte einen Mitarbeiter, der neue Filmrollen in ein von der Polizei abgeriegeltes Gelände schmuggelt. Fanden Sie dies nicht besorgniserregend?
Im Nachhinein ist es erstaunlich, wie lasch die Sicherheitsvorschriften und wie leicht die Ausweise zu fälschen waren. Das hat sich heute bestimmt verändert.
Sie bleiben immer in Distanz zum Geschehen. Wollten Sie den Terroristen keine große Bühne bieten?
Unser Blickwinkel ist die Berichterstattung und der jeweilige Wissensstand der Reporter. Und wenn du dich für ein starkes Konzept entscheidest, musst du es durchziehen. Insofern war die Versuchung gering, in die Zimmer der israelischen Olympiamannschaft zu blicken. Ich finde es aber prinzipiell gut, Terroristen keine Bühne zu bieten. Zumal man nicht genau weiß, was sich dort abgespielt hat. Es wäre also reine Spekulation gewesen.
Haben Sie Angst, dass die Rezeption des Films durch den Konflikt zwischen Israel und der Hamas leidet?
Es ist unvermeidbar, dass er in dem aktuellen Kontext gesehen wird. Wir beschränken uns jedoch auf den Blickwinkel der Medien, und wollen das Publikum durch diese historische Linse zum Nachdenken darüber anregen, wie wir heute Nachrichten konsumieren.
Termine
„September 5“ wird beim Festival des deutschen Films auf der Ludwigshafener Parkinsel an folgenden Terminen gezeigt: Dienstag, 2. September, 20.30 Uhr, Zeltkino B, Mittwoch, 3. September, 15.30 Uhr, Zeltkino B, Donnerstag, 4. September, 17.30 Uhr, Zeltkino A, Samstag, 6. September, 18.15 Uhr, Freiluftkino. Tickets gibt es im Internet unter https://www.festival-des-deutschen-films.de/
Zur Person: Tim Fehlbaum
Der Schweizer Regisseur Tim Fehlbaum, 1982 in Basel geboren, studierte an der HFF in München und machte seine ersten künstlerischen Schritte als Kameramann und mit mehreren Kurzfilmen, die unter anderem das Interesse von Roland Emmerich weckten. 2011 inszenierte er die Weltuntergangsdystopie „Hell“, 2021 folgte „Tides“, der bei der im Wettbewerb der von Corona überschatteten Berlinale seine Premiere feierte. Im vergangenen Jahr legte er das Drama „September 5“ vor. Fehlbaum und sein Team erhielten dafür eine Oscar- sowie eine Golden Globe-Nominierung, außerdem räumte der von Sean Penn koproduzierte Film bei der Verleihung des deutschen Filmpreises im Mai ab.


