Parkinsel-Premiere RHEINPFALZ Plus Artikel Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt über seinen Film zum Ramstein-Unglück

Der TV-Film „Ramstein - Das durchstoßene Herz“ erzählt aus mehreren Perspektiven. Ein Erzählstrang wimdet sich der Familie von R
Der TV-Film »Ramstein - Das durchstoßene Herz« erzählt aus mehreren Perspektiven. Ein Erzählstrang wimdet sich der Familie von Robert Müller (Max Hubacher, Mitte, in orange).

Interview: Am 28. August 1988 führte der jährliche Flugtag auf der US-Air Base Ramstein in die Katastrophe. Der Spielfilm „Ramstein – Das durchstoßene Herz“ des SWR, der beim Festival des deutschen Films in Ludwigshafen läuft, erzählt von dem Ereignis und seinen Folgen. Stefan Otto sprach mit Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt über die Arbeit an diesem schwierigen Thema.

Was hat Sie veranlasst, über die Katastrophe von Ramstein zu schreiben?
RTL wollte 1998 das Unglück als Film verarbeiten und hat mich als Autor engagiert. Aber nach meinem Besuch der Nachsorgegruppe und der Begegnung mit vielen Angehörigen und Opfern dort war sehr schnell klar, dass sich das, was der Sender sich vorstellte, und das, was ich für angemessen hielt, nicht in Deckung bringen ließen.

Was wollte RTL?
Die damals Verantwortlichen wollten einen quotenträchtigen Spielfilm aus diesem Unglück machen. Es ging um die Quote, nicht um die Opfer.

Sie hatten also nach dem Besuch der Nachsorgegruppe das Gefühl, anders erzählen zu müssen. Können Sie kurz erläutern, wie diese Gruppe arbeitet?
Das ist eine Gruppe, die damals und bis heute ehrenamtlich von Sybille und Hartmut Jatzko und von Heiner Seidlitz betreut wird. Sie waren damals als Psychologen im Dienst und haben gemerkt: Diese Leute brauchen alle Hilfe, weil niemand sich um sie kümmert. Sie haben angefangen, diese Opfer neben ihrem Job ehrenamtlich zu betreuen, teilweise einzeln und individuell. Aber mindestens einmal im Jahr, am Jahrestag der Katastrophe, haben sich alle nahe Ramstein getroffen und sind zu dem Gedenkstein auf der Air Base gefahren, der auch im Film zu sehen ist.

Durch diese Arbeit der Psychologen ist übrigens die posttraumatische Belastungsstörung überhaupt erst weiter in die Medizingeschichte eingegangen. Ich kenne es noch aus der Generation meiner Großeltern, dass man früher zu Leuten, die aus dem Krieg zurückkamen und schwerstens traumatisiert waren, gesagt hat: „Jetzt reiß’ dich mal zusammen!“ Man hat erst viel später erkannt, dass die Ursachen etwa einer Panikattacke nicht mit Reiß-dich-mal-zusammen aus der Welt geschafft werden können.

Wie ging es mit dem Buch weiter, als klar war, dass es nicht zu der RTL-Verfilmung kommen wird?
Ich habe es über zwei Jahrzehnte mit unterschiedlichen Produktionsfirmen diversen Sendern angeboten, den ARD-Anstalten, dem ZDF und so weiter. Es ist immer abgelehnt worden, auch der SWR hatte es schon zweimal abschlägig beschieden. Dann hat sich beim SWR zwei Jahre später doch noch eine Tür geöffnet, und diesmal hat es geklappt.

Wie hatten Sie recherchiert?
Ich habe zunächst die Nachsorgegruppe besucht und dort mit Angehörigen und Opfern und auch Helfern sprechen können und so viele Eindrücke und Details aus erster Hand erfahren. Außerdem habe ich natürlich die Berichterstattung in Presse und Fernsehen und schließlich den Untersuchungsausschussbericht des Landes Rheinland-Pfalz studiert. Kurz vor der Verfilmung kamen dann noch neue Zeitzeugen mit ihren Einblicken und Informationen dazu.

Wie haben Sie die Geschichte, die Figuren und die Form gefunden, in der Sie davon erzählen?
Die Geschichte hat mich gefunden, weil ich nach der Befragung in der Nachsorgegruppe intuitiv wusste, dass ich meine Erzählung nicht auf ein, zwei Opfer beschränken kann, sondern hier einen Reigen an Figuren erzählen muss. Auch den Umstand etwa, dass Helfer mit ihren posttraumatischen Belastungsreaktionen ebenfalls Opfer waren und immer noch sind. Es ging dann um eine sinnfällige Orchestrierung all dieser Stränge zu einem Ganzen, immer wieder durch Querverweise miteinander verwoben.

Gehen die einzelnen Schicksale oder Figuren auf konkrete Personen und Vorfälle zurück?
Ja. Bis auf die beiden Ermittler, die ich erfunden habe, damit sie für die Zuschauer die Fakten zusammentragen, haben sich alle anderen Figurenschicksale so ereignet.

In der Szene am Gedenkstein sehen Sie übrigens neben dem Schauspieler, der Robert Müller verkörpert, den echten Robert Müller, der in Wirklichkeit Roland Fuchs heißt. Auch die Psychologen und der Notarzt haben da einen stummen Gastauftritt.

Eine solche Geschichte erfordert doch ganz besondere Sorgfalt beim Schreiben?
Absolut. Ich fühle mich dabei der Authentizität verpflichtet und möchte den Opfern gerecht werden.

Entspricht Ihr Drehbuch aus den 1990er Jahren noch dem von heute?
Im Prinzip, ja. Mit Änderungen und Ergänzungen entsprechend der Informationen, die heute vorliegen. Dazwischen gab es immer wieder neue Fassungen, die den Betroffenen, Opfern und Angehörigen über die Psychologen immer wieder vorgelegt wurden. Ich brauchte ja für jeden neuen Anlauf einer geplanten Verfilmung immer das Einverständnis der Beteiligten dafür.

Stellen Sie sich vor: Das waren jetzt fünf oder sechs Produktionsfirmen, ich weiß es gar nicht mehr so genau. Und jedes Mal hat man Hoffnung, und jedes Mal sagt man den Angehörigen, diesmal könnte es so weit sein. Ich muss sie dafür immer wieder aufs Neue gewinnen, und sie müssen immer wieder dem jeweiligen Produzenten vertrauen, dass ihre Geschichte adäquat umgesetzt wird.

Es gab dann auch einen Zeitzeugen, der wollte sein Schicksal heute nicht mehr dargestellt sehen. Dessen Geschichte habe ich aus dem Drehbuch entfernt – dafür kamen zwei andere dazu: der Notarzt, der mit dem Helikopter angeflogen ist, und der junge Mann, der seinen ersten Tag in der Klinik hat und gleich mit den Brandopfern konfrontiert wird.

Wie haben Sie das Maß gefunden, was sich den Fernsehzuschauern zumuten lässt?
Das Schlimmste passiert ohnehin im Kopf und wird nicht gezeigt. In einer Szene etwa lässt der Notarzt einen Jungen mit entsetzlichen Durst trinken, und der Zuschauer erfährt erst im Nachhinein, dass nur diejenigen trinken durften, die nicht mehr zu retten waren, die anderen bekamen Infusionen. Die wirklich schlimmen Dinge habe ich ausgespart – und für den Rest gibt es die FSK-12-Stelle des Senders.

Gibt es eine Aussage, die Sie mit dem Film machen möchten?
Nein, ebenso wie bei „Gladbeck“ fungiere ich hier nur als eine Art Chronist mit einer Haltung. Ich bestimme den Schwerpunkt und die Akzente. Die Aussage muss jeder für sich finden und treffen. Das nehme ich dem Zuschauer nicht ab.

Zur Person

Holger Karsten Schmidt ist ein renommierter Drehbuchautor, beim Festival lief bereits seine Arbeit „Das weiße Kaninchen“. 2018 schrieb er das Buch zum ARD-Zweiteiler „Gladbeck“ über die Geiselnahme 1988. Der 56-Jährige hat in Mannheim Medienwissenschaften und an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg Drehbuch studiert und schreibt auch Romane.

RHEINPFALZ-Audio-Doku

Der Podcast „Die Katastrophe von Ramstein“ erzählt in sieben Teilen von den Folgen des Unglücks. Kostenlos zu hören unter rheinpfalz.de/ramstein und auf allen gängigen Plattformen, etwa Spotify.

Hier direkt in den Trailer reinhören:

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Sieht sich „als eine Art Chronist mit einer Haltung“: Autor Holger Karsten Schmidt.
Sieht sich »als eine Art Chronist mit einer Haltung«: Autor Holger Karsten Schmidt.
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