Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Deutschlands größtes Jazzfestival: „Enjoy Jazz“ und sein Gründer Rainer Kern

Rainer Kern, der vor 25 Jahren das heute größte Jazzfestival Deutschlands in Leben rief.
Rainer Kern, der vor 25 Jahren das heute größte Jazzfestival Deutschlands in Leben rief.

Es begann 1999 in einem Kulturzentrum in Heidelberg, inzwischen hat sich Enjoy Jazz zum größten Jazzfestival in Deutschland und einem der wichtigsten in Europa entwickelt. Am 2. Oktober startet die 25. Festivalausgabe. Rainer Kern, Festivalgründer und künstlerischer Leiter, erklärt im Gespräch mit Dietrich Wappler seine spezielle Sicht auf die Musik und das Festivalmachen.

Vor 25 Jahren wurde Google gegründet, ein Jahr später das Festival Enjoy Jazz, das damit in diesem Jahr zum 25. Mal stattfindet. War Enjoy Jazz damals auch eine Art Startup?
Rückblickend ja. Am Anfang stand wie immer eine Idee, dann ist es größer geworden, jetzt ist es ziemlich groß.

Sie nannten die Anfänge des Festivals auch einmal einen großen Glücksfall. Was war da passiert?
Ich hatte 1999 eine Bewerbung beim Softwareunternehmen SAP abgegeben, das sein regionales Sponsoring neu strukturierte. Dass man dort meine Idee für ein Jazzfestival unterstützen wollte, war natürlich ein Glücksfall, und dass SAP nach der ersten Ausgabe die eigentlich einmalige Unterstützung fortsetzen wollte, ein noch größerer. Ein Glücksfall war auch, dass der Karlstorbahnhof in Heidelberg unter Ingrid Wolschins Leitung bereit war, dieses Festival zu veranstalten. So wurde aus dem kleinen Anfang mit 15 Konzerten Deutschlands größtes Jazzfestival.

Dazu gehörte auch die Ausweitung auf Mannheim und Ludwigshafen. Ein Festival in drei Städten und zwei Bundesländern war damals ungewöhnlich, wie kam das zustande?
Nachdem SAP die weitere Unterstützung angeboten hatte, schlug ich die Ausweitung nach Mannheim vor, damit unterschiedliche Zielgruppen erreicht werden können. Damals sind noch nicht viele Menschen von einer Stadt in eine andere gefahren, um Kulturveranstaltungen zu besuchen. Noch einmal drei Jahre später kam ein Anruf aus Ludwigshafen, wo der damalige Kulturfachbereichsleiter Dietrich Skibelkski vorschlug, die Jazzkonzerte seiner Stadt mit unserem Festival zusammenzulegen. Ich hab sofort ja gesagt, und so waren die drei Städte vereint.

Enjoy Jazz war von Anfang an ein „Festival für Jazz und Anderes“, das heißt der Jazz war das programmatische Zentrum, aber die Idee, die Grenzen auszuweiten, war immer schon da?
Ja, Jazz interessierte mich am meisten, aber mir war immer auch wichtig darzustellen, auf wie viele andere Bereiche der Jazz Einfluss ausgeübt hat, auf Film, elektronische Musik, HipHop und so fort. Ich bin mit all diesen Sachen aufgewachsen und wollte dann eben dieses ganze Universum des Jazz zeigen.

Während die meisten Jazzfestivals ein Wochenende lang eine geballte Ladung Musik anbieten mit mehreren, manchmal sogar parallel auftretenden Bands an einem Tag, gibt es bei Enjoy Jazz sechs Wochen lang fast immer nur ein Konzert mit einem Ensemble pro Abend. Warum war Ihnen dieses Konzept so wichtig?
Das war bereits das Gründungsprinzip unseres Festivals, einfach weil ich überzeugt bin, dass Kunst Zeit braucht und Konzentration. Ich habe das selbst erlebt, wenn mehrere Konzerte gleichzeitig angeboten werden, ist man weniger bereit, sich auf ein Konzert einzulassen, zieht lieber weiter zum nächsten. Bei uns bekommen die Bands keine Vorgaben, wie lange sie spielen sollen, ob ein Set oder zwei, das ist ganz allein deren Entscheidung.

Lange war das Festivalprogramm allein künstlerisch definiert, ein Mix aus bekannten Jazzstars und spannenden Newcomern. In den letzten Jahren ist eine gesellschaftspolitische Komponente hinzugekommen, es geht jetzt auch um Themen wie Geschlechtergerechtigkeit, Diskriminierung oder Klimaschutz. Ist ein Musikfestival da nicht überfordert?
Das war schon immer Teil meiner Art, ein Programm zu entwickeln. Es ist vielleicht über die Jahre sichtbarer geworden, weil wir jetzt mehr Möglichkeiten haben. Die Kunst steht für mich nach wie vor im Zentrum, aber ich kann all diese wichtigen Themen nicht ignorieren, die unsere Gesellschaften, mich und die Künstlerinnen und Künstler umtreiben. Es ist einfach ein Prozess, der stattfindet, und da möchte ich nicht so tun, als wären Musik und Kunst isoliert. Dennoch ist die künstlerische Qualität entscheidend.

Ein Festival kann sich zu einer Frauenquote von 50 Prozent verpflichten, wie Enjoy Jazz dies getan hat. Aber wie soll eine solche Veranstaltung klimaneutral werden, wo die Musiker auch aus New York anreisen und das Publikum aus der ganzen Region oder von noch weiter herkommt?
Wir beschäftigen seit einem halben Jahr eine Nachhaltigkeitsmanagerin, die wir uns leisten können, weil wir eine Ausschreibung gewonnen haben. Als erstes haben wir für unseren Bürobetrieb eine CO2-Bilanz erstellt und haben nach Einsparpotenzial gesucht. Bei den Konzertveranstaltungen zeigte sich, das haben auch große Studien ergeben, dass die anreisenden Musiker einen geringeren CO2-Anteil haben, den größten hat in der Regel das Publikum. Deshalb werben wir ja schon längere Zeit dafür, das Eintrittsticket, das auch als Ticket für den öffentlichen Nahverkehr gilt, stärker dafür zu nutzen. Erstmals gibt es auch drei klimafaire Konzerte, die wir mit der Klimaschutzstiftung Baden-Württemberg zusammen machen, da gleichen wir das CO2, das wir nicht einsparen können, über eine der Kompensationsmöglichkeiten aus. Mit all diesen Maßnahmen versuchen wir für das Thema Nachhaltigkeit zu sensibilisieren. Das Klima retten kann die Kulturszene sicher nicht, aber sie kann einen Beitrag leisten.

Erstmals wird diesmal die Programmplanung eine Woche lang von anderen internationalen Festivals übernommen. Da spielen dann bei uns weitgehend unbekannte Bands aus der Türkei, aus Israel, Mali oder Uganda. Ist das eine einmalige Sache oder soll damit eine Öffnung für andere Programmideen und Perspektiven geschaffen werden?
Wir wollen tatsächlich ausloten, wie man andere Sichtweisen ins Festivalprogramm bringen kann. Diesmal ist die fremd kuratierte Woche ja Teil des Festivalkonzepts, das vier unterschiedliche Themenwochen anbietet, aber wir wollen damit auch den Startschuss geben zu einem neuen Ansatz.

Enjoy Jazz kann mit vielen selbst initiierten Projekten und Premieren aufwarten, geht es da vor allem darum, dem Festival ein unverkennbares Profil zu geben?
Ich höre ganz unterschiedliche Musikstile, zeitgenössische Musik, Avantgarde, elektronische Musik, HipHop, klassische Musik. Ich höre einfach gerne Musik. Und wenn ich dann eine Berührung sehe zu dem, was sich gerade in meinem Kopf tut bei der Planung des Festivals, dann kommt es schon vor, dass ich auch Bands einlade, die gerade nicht über die großen Tourpläne gereicht werden. Da geht es gar nicht um Exklusivität, sondern mehr um das Aufzeigen von Verbindungen, um ein Universum, nicht um ein Dorf.

Im Gegensatz zu vielen anderen Festivals hat Enjoy Jazz aktuell keine finanziellen Probleme. Die öffentlichen Zuschüsse machen zwar nur 27 Prozent des 1,8-Millionen-Etats aus, aber dank Sponsoren wie SAS und BASF und weiteren privaten Unterstützern ist das Festival stetig gewachsen. Wie kriegt man das hin?
Dieses Jahr spielt unser Jubiläum eine große Rolle, für das wir Extragelder akquirieren konnten von unseren Unterstützern, besonders der Manfred-Lautenschläger-Stiftung. Auch SAP, die uns zu Beginn fünf Jahre unterstützt hatten, ist zurückgekehrt. Das alles ermöglicht uns viele besondere Konzerte, wie das Ornette-Coleman-Projekt mit der Staatsphilharmonie. Unsere Unterstützer, ob öffentlich oder privat, schätzen unser Festival, sehen ihre Unterstützung aber auch als Investment in die Region. Und da wir, das zeigen Studien, einen Beitrag dafür leisten, dass die Rhein-Neckar-Region attraktiv wird für Leute, die hier Arbeit und einen neuen Lebensmittelpunkt suchen, dann geht das Konzept auf und das Investment ist gut angelegt.

Zum Jubiläum: Über 50 Konzerte in drei Städten

Im Kulturzentrum Karlstorbahnhof am neuen Standort im Heidelberger Süden wird das 25. Festival Enjoy Jazz am 2. Oktober eröffnet. Zum Programm der langen Eröffnungsnacht gehören die deutsch-iranische Sängerin Cymin Samawatie, der amerikanische Avantgarde-Schlagzeuger Kahil El’Zabar.

Bis 4. November folgen in Mannheim, Ludwigshafen und Heidelberg mehr als 50 Konzerte mit über 200 Künstlern aus 22 Ländern. Bekannte Namen sind die US-Saxophonistin Lakecia Benjamin, die japanische Pianistin Aki Takase, Trompeter Nils Petter Molvaer, Saxophonist Isaiah Collier und Pianist Jason Moran. Artists in Residence sind die Poetin und Performerin Moor Mother und die Schlagzeugerin Terry Lyne Carrington mit jeweils mehreren Auftritten.

Sieben von internationalen Festivals kuratierte Abende stellen Ensembles aus Mali, Uganda, Israel, Korea und der Türkei vor. Ein Ornette-Coleman-Projekt im BASF-Feierabendhaus mit Colemans Sohn Denardo und der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz bildet einen der Festivalhöhepunkte. Für das Abschlusskonzert musste Archie Shepp wegen eines Bandscheibenvorfalls absagen, stattdessen treten die Prager Gitarristin Zsofia Boros und das Quartett der Sängerin Elina Duni auf. dw

Termine und Karten unter www.enjoy jazz.de.

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