Ludwigshafen
Der klingende Chemieriese: Die BASF feiert 100 Jahre Kulturengagement
Der erste Blick auf Ludwigshafen nimmt im Regelfall nur die Arbeiter- und Chemiestadt wahr, erkennt die Narben und Wunden einer Stadt, die gerne zu den hässlichsten in Deutschland gezählt wird. Nun liegen Schönheit und Hässlichkeit ohnehin im Auge des Betrachters, weshalb denn Ernst Bloch, der wohl größte Sohn Ludwigshafens, auch gerne von der „Seestadt auf dem Lande“ gesprochen hat. Und überdies Ludwigshafen stets gegen die vermeintliche schönere Schwester Mannheim in Schutz genommen hat.
Aber Ludwigshafen ist eben doch viel mehr. Es ist auch Kulturstadt, mit seinem Wilhelm-Hack-Museum, seinem Theater im Pfalzbau und der Philharmonie, wo das größte Orchester des Landes, die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, ihren Sitz hat.
Größter Arbeitgeber und Kulturermöglicher
Und da wäre noch der größte Arbeitgeber der Stadt, die BASF, die quasi als Synonym für Ludwigshafen verwendet wird. Wer an die Stadt denkt, der denkt immer auch den Chemieriesen mit. Wer in der Stadt unterwegs ist, der kommt oft genug nicht an der olfaktorischen Präsenz des Unternehmens vorbei.
Aber auch die BASF ist viel mehr. Sie ist zum Beispiel der größte Konzertveranstalter der Region, verfügt mit dem vor mehr als zehn Jahren grundlegend sanierten Feierabendhaus über einen der schönsten Konzertsäle in der Region, der seit dieser Sanierung auch viel, viel besser klingt.
Seit über 100 Jahren verantwortet das Unternehmen ein eigenes Konzertprogramm. Eigentlich sollte schon vergangenes Jahr groß gefeiert werden, was die Pandemie verhindert hat. Das große Jubiläumskonzert wurde nun am Sonntag nachgeholt.
Ein Kulturnetzwerk für die gesamte Metropolregion
Was als Bildungsprogramm für die Aniliner begonnen hat, ist mittlerweile zu einem Netzwerk der Kultur in der Metropolregion ausgewachsen. Denn die BASF ist ja nicht nur Veranstalter, sie ist auch Ermöglicher, indem sie Festivals ebenso wie Kulturinstitutionen mit finanziert. Das gilt für den Pfalzbau ebenso wie für das Hack-Museum und das Festival Enjoy Jazz.
Blickt man auf die 100 Jahre Konzertprogramm zurück, so liest sich das wie das Who is Who vor allem der Klassik, aber auch des Jazz. Da wären zum Beispiel die Dirigenten Richard Strauss, Wilhelm Furtwängler, Hans Knappertsbusch, Lorin Maazel, Bernhard Haitink oder Claudia Abbado, die im Feierabendhaus am Pult standen. Fritz Wunderlich hat hier gesungen, Alfred Brendel Klavier, Anne-Sophie Mutter Geige gespielt. Nicht zu vergessen die Jazzlegenden Lionel Hampton und Ornette Coleman.
Fast von Beginn an war auch die Deutsche Staatsphilharmonie ständiger Gast im Feierabendhaus. Jede Spielzeit gestaltet das Orchester einen eigenen Konzertzyklus im Feierabendhaus, und so war es denn vielleicht selbstverständlich, dass auch das Jubiläumskonzert am Sonntag von der Staatsphilharmonie übernommen wurde.
Eigentlich war es kein Konzert, sondern eine Geschichtsstunde mit Musik unter anderem von Strawinsky, Prokofjew, Beethoven und Thomas Tallis. Für die Konzeption des Konzerts war Inigo Giner Miranda verantwortlich. Seine Dramaturgie sah vor, dass das Orchester im ganzen Feierabendhaus verteilt war, mit dem Dirigenten Miguel Perez Inesta in der Mitte. Das sorgte zwar für einige spannende Raumklangwirkungen, verursachte natürlich aber auch für Wackler und erschloss sich nicht wirklich.
Eine Geschichtsstunde mit Musik
Cathrin Romeis fungierte als Sprecherin, zitierte beispielsweise aus der Werkszeitung der BASF, die über das erste Konzert des Unternehmens am 30. November 1921 berichtete. Auf dem Podium saß damals ebenfalls die Staatsphilharmonie, allerdings noch unter dem Namen Landessinfonieorchester Pfalz und Saarland. Auch an den Abend des 19. November 1936 wurde erinnert, weil damals Musikgeschichte bei der BASF geschrieben wurde. Sir Thomas Beecham stand am Pult des London Philharmonic Orchestra und dirigierte Werke von Mozart, Delius und Rimski-Korsakow. Es war das erste Konzert weltweit, von dem eine Tonbandaufnahme mitgeschnitten wurde.
Die konnte man am Sonntag auch bewundern und dabei feststellen, dass sie noch immer gut klingt. Der besondere Einfall für den Jubiläumsabend bestand nun darin, dass die Staatsphilharmonie mit einstimmte bei den zwei Stücken für Orchester von Frederick Delius, Inesta am Pult also ein reales, heutiges Orchester dirigierte – und eines, das aus der Vergangenheit zu uns herüberrief.
Und dann wurde es ganz still. Und dunkel. Die Sprecherin zitierte Hannah Arendt. Der historische Rundgang war in den Jahren 1933 bis 1945 angekommen. Natürlich gab es auch im Dritten Reich ein Kulturprogramm, und sicherlich hat der Chemiekonzern auch Schuld auf sich geladen. Zum Geburtstag gehören auch die dunklen Zeiten, die Verwerfungen und Verwicklungen. Die passende Antwort darauf: beschämtes Schweigen.
Viel Raum nahm dann die Geburtsstunde der BASF-Kultur ein, dem die Einrichtung eines Ausschusses für Bildungswesen vorausging. Es waren Zeiten großer Verunsicherung nach dem Ersten Weltkrieg, Zeiten auch von Klassenkämpfen, welche die Gesellschaft zu zerreißen drohten. Tiefe Gräben gingen auch durch die Belegschaft der BASF, und man war überzeugt, dass die Kultur die Kraft hat, diese Gräben zu überwinden. Dieser Glauben an die Gemeinschaft stiftende Funktion der Kultur prägt bis heute das kulturelle Engagement des Unternehmens.
Bekenntnis des Werksleiters zur Kultur
Dies betonte Werksleiter Uwe Liebelt beim Empfang nach dem Konzert. „Kulturförderung passt zur BASF“, unterstrich er und nahm zugleich Bezug zur aktuellen Situation, die wie 1919 von Unsicherheiten und gesellschaftlichen Differenzen geprägt sei. Kultur könne, so Liebelt, ein „Gemeinwesen zusammenhalten, das auseinanderzufallen“ drohe.
Das klare Bekenntnis zum Kulturengagement freute natürlich auch Ludwigshafens Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck, die zugleich unterstrich, wie wichtig dieses Engagement für die gesamte Region sei. „Wir teilen uns die BASF ja gerne“, meinte sie in Richtung ihres Mannheimer Amtskollegen Peter Kurz, „so lange die Steuern in Ludwigshafen bleiben“. Die Stadt Ludwigshafen und das Unternehmen BASF bildeten eine „Schicksalsgemeinschaft“, die gemeinsam durch gute wie durch schwere Zeiten gehe. Das Konzert am Sonntag jedenfalls ist definitiv zu den guten Zeiten zu zählen.