Kultur
Der Dichter der Kleinbürger-Seele: Zum 200. Geburtstag des Schriftstellers Gottfried Keller
Es sind drei Schriftsteller vor allem, welche die deutsche Sprache in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als der realistische Roman seinen Siegeszug antrat, auf der Landkarte der Weltliteratur einschrieben: Der Deutsche Theodor Fontane, der Österreicher Adalbert Stifter und der Schweizer Gottfried Keller, dessen „Grüner Heinrich“ zum Roman-Kanon gehört. Am 19. Juli 1819 wurde Keller in Zürich geboren.
Gottfried Keller, der seine Geburtsstadt für Aufenthalte in München, Heidelberg und Berlin verließ, enttäuscht zurückkehrte und 1890 in Zürich als hochgeehrter Schriftsteller starb, war ein Dichter der bürgerlichen, eigentlich der kleinbürgerlichen Seele. Wie mit einem Scheinwerfer leuchtet er den strebsamen, aber eben oft auch geistig minderbemittelten, treuen, auf wirtschaftlichen Krämerseelen-Erfolg fixierten Bürger aus, entlarvt ihn, ohne ihn der Lächerlichkeit preiszugeben. Aber auch ohne ihn zu schonen.
Wir erschrecken, weil uns Keller einen Spiegel vorhält
Nirgends ist das besser nachzulesen als in dem Novellen-Zyklus „Die Leute von Seldwyla“, dessen erster Band 1856 erschien. Seldwyla ist eine Art Schweizer Schilda, wir lachen über die unbedarften, skurrilen, offensichtlich in jeder nur denkbaren Hinsicht beschränkten Menschen, die noch dazu von Vorurteilen gegenüber allem Fremden, Neuen geradezu besessen sind. Und wir erschrecken ganz fürchterlich vor ihnen. Weil sie uns einen Spiegel vorhalten. Der kann manchmal auch eine Schublade sein. Wie die der Züs Bünzli in der Novelle „Die drei gerechten Kammacher“. Da versammelt eine sehr einfache, sehr naive, sehr gläubige Frau ihr ganzes Weltwissen in einer Schublade. Vom Kirschkern, „in welchen das Leiden Christi geschnitten war“, bis zum „Marderdreck“. Vor allem versteckt sie darin ihren „Gültbrief“, der sie zu einer reichen Partie für die drei aus Deutschland in die Schweiz gewanderten Handwerksburschen macht. Bei dieser Figur kommt dann aber auch noch eine hinterhältige Bösartigkeit zum Ausbruch, die Keller von seinen Mitmenschen oft genug sehr schmerzhaft erfahren musste.
Erst im Alter kann Keller von der Schriftstellerei
leben
Keller sehnte sich nach der Zugehörigkeit zum Bürgertum. Und zugleich strebte er, ihm zu entfliehen. Aufgewachsen in armen Verhältnissen, infolge eines dummen Jungenstreichs mit 15 Jahren von der Schule verwiesen und damit von jeder höheren Bildung abgeschnitten. Er versuchte sich vergeblich als Maler in München. Nur dank Mäzenen führten ihn Studienaufenthalte nach Heidelberg und Berlin, ohne dass er jedoch den wirtschaftlichen Erfolg feiern konnte, den sein Werk verdient gehabt hätte. 1861 erreicht er so etwas wie finanzielle Unabhängigkeit, als er zum Staatsschreiber des Kantons Zürich ernannt wurde. Aber erst im Alter konnte er alleine durch seine schriftstellerische Tätigkeit seinen Lebensunterhalt verdienen. Doch die Sehnsucht nach einer bürgerlichen Existenz blieb dennoch unerfüllt.
Drei vergebliche Heiratsanträge und viel Alkohol
Gottfried Keller war – ähnlich wie sein komponierender Zeitgenosse Anton Bruckner – ein tragischer Versager auf dem schwierigen Terrain der Liebe. Abgelehnte Heiratsanträge begleiten ihn sein ganzes Leben lang. Auch in Heidelberg, wo er zwischen 1848 und 1850 studierte und sich unter anderem mit Ludwig Feuerbach anfreundete. Und sich in Johanna Kapp verliebte. Seinen Antrag wies sie zurück. Sie war schon heimlich liiert – mit eben jenem Ludwig Feuerbach. Keller ertränkte seinen Kummer in Alkohol. Ein Mittel, auf das er zeit seines Lebens zurückgriff. Und er rettete sich in die Poesie, schuf großartige Gedichte. So entstand auch ein Gedicht auf die Alte Brücke in Heidelberg, das in folgenden Zeilen endet: „Trage leicht die blühende Gestalt!/Schöne Brücke, magst du ewig stehen,/Ewig aber wird es nie geschehen,/Dass ein besseres Weib hinüberwallt.“ Doch Kellers vergebliche Liebesbemühungen nehmen dann auch noch eine Wendung ins Tragische: 1866 verlobt er sich, mittlerweile längst wieder in Zürich, mit der Pianistin Luise Scheidegger. Und die künftige Ehefrau nimmt sich wenige Wochen nach der Verlobung das Leben!
Ein alter Junggeselle schreibt den großen deutschen Bildungsroman
Über die Gründe wird nur spekuliert. Fürchtete sie sich vor der Ehe mit einem streitsüchtigen Alkoholiker und bekennendem Atheisten, hatte aber nicht den Mut, ihr gegebenes Ja-Wort zurückzuziehen? Keller trauerte sieben Jahre um die Braut, ehe er einen letzten, natürlich erfolglosen Heiratsantrag machte. Und resigniert feststellte: „Ich bin ein kleiner (Keller war nur gut 1,50 Meter groß, Anm. d. Red) dicker Kerl, der abends 9 Uhr ins Wirtshaus und um Mitternacht zu Bette geht als alter Junggeselle.“
Kein wirklich schönes Leben. Nachzulesen in dem in zwei Fassungen vorliegenden Roman „Der grüne Heinrich“. Kellers Lebens- und Hauptwerk – trotz der Bedeutung des späten Romans „Martin Salander“ –, ist zunächst einmal bis ins kleinste anekdotische Detail auch ein autobiografisches Buch. Aber er ist eben auch einer der großen Bildungsromane der deutschsprachigen Literatur, damit ein Bruder von Adalbert Stifters „Nachsommer“. Nur gelingt die Bildung nicht, der Held bleibt unvollendet. Keller wusste, was er da schrieb. Er kannte sich nur zu gut.