Pfalzgeschichte(N)
80 Jahre Deportation nach Gurs: Opferstimmen gegen das Vergessen
Wir schreiben den 20. Tishri 5701. Nach Jom Kippur, ihrem höchsten Fest, feiern die jüdischen Gemeinden in Deutschland Sukkot. Nach dem strengen Ruhe- und Fastentag bedeutet das Laubhüttenfest im jüdischen Kalender eine Zeit der Freude. In jenem Jahr aber war die Vorbereitung für die Festtage gewiss weniger fröhlich als sonst ausgefallen. Spätestens seit dem 9. November 1938, als die Synagogen brannten, war nichts mehr wie es war und die Bedrohung mit Händen greifbar.
Manche hatten Vorsorge getroffen, waren von ihren kleinen Dörfern in die anonyme Großstadt gezogen oder von der linksrheinischen Pfalz, aus dem Gebiet des berüchtigten Gauleiters Josef Bürckel, hinüber auf die andere Rheinseite, nach Baden. Oder hatten ihre Kinder schon fortgeschickt, wie Luise Koch, Kunstmalerwitwe aus Bad Dürkheim. Ihre knapp 16-jährige Tochter Irmgard wartet seit März 1939 in den Niederlanden auf die Ausreise in die USA. Ein Plan, aus dem durch den Kriegsausbruch im September erst einmal nichts wird. Was aber dann am beginnenenden Laubhüttenfest 1940 geschieht, hat sich niemand von den in Hitlers Reich Zurückgebliebenen vorstellen können. In den Erinnerungen von Margot Wicki-Schwarzschild liest sich das so:
„Eines sehr frühen Morgens, bei Nacht und Nebel, am 22. Oktober 1940, wurden wir jäh aus dem Schlaf gerissen: Stiefelgetrampel und lautes Klopfen an der Wohnungstür. Ich sah meine Eltern erbleichen ... In der Tür standen Gestapo-Leute in Zivil. In barschem Ton forderten sie uns auf, das Wichtigste zu packen ... Wir hätten das Reichsgebiet zu verlassen. In einer Stunde müssten wir bereit sein. Ich sah meinen Vater zittern, meine Mutter weinen ...“
Gurs wird Vorstation von Auschwitz: Für Margots Vater wie für viele andere
Wie für über 6500 jüdische Männer, Frauen und Kinder aus Baden, der Pfalz und der Saarpfalz heißt das Ziel auch für die Schwarzschilds aus Kaiserslautern Gurs, ein Lager im Südwesten Frankreichs, am Fuß der Pyrenäen. Von Gurs kommt die Familie im März 1941 nach Rivesaltes, in ein weiteres Lager im unbesetzten, mit den Nationalsozialisten kollaborierenden Vichy-Frankreich. Richard, den jüdischen Vater, schicken sie von dort am 4. September 1942 nach Drancy bei Paris und von dort nach Auschwitz, wo er am 8. September stirbt. Die katholische Mutter Aloisia und die beiden Mädchen, die 1931 geborene Margot und ihre zwei Jahre ältere Schwester Hannelore, überleben dank des Schweizer Hilfswerks Secours Suisse und kehren 1946 sogar nach Kaiserslautern zurück. Die Verbindungen in die Schweiz aber bleiben: Hannelore wie Margot folgen ihren Ehemännern dorthin.
Die heute fast 89-jährige Margot Wicki-Schwarzschild gehört zu den wenigen, die das Lager von Gurs und die Geschichte der Deportation noch aus eigener Anschauung schildern können. Mehrere Publikationen mit ihren Erinnerungen gibt es, aber immer wieder kehrte sie auch in die Pfalz zurück und erzählte. Auch diesmal, 80 Jahre nach der Deportation, wollte sie persönlich Zeugnis ablegen, aber dann hat das am Oberrhein grassierende Coronavirus der Reise von Basel nach Kaiserslautern einen Riegel vorgeschoben.
An der großen Gedenkausstellung beteiligt sich auch das Auswärtige Amt
Die mit ihr geplante Veranstaltung im Pfalztheater muss ausfallen. Auch die zum traurigen Jahrestag geplante und von der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz konzipierte große Ausstellung wird erst einmal nicht eröffnet. Sie ist für mehrere Orte – in Baden, der Pfalz und im Saarland – angekündigt, aber auch in Berlin. Die drei betroffenen Bundesländer wirken mit, der Bezirksverband Pfalz als pfälzischer Vertreter in der zur Gurs-Gedenkarbeit ins Leben gerufenen Arbeitsgemeinschaft, die rheinland-pfälzische Landeszentrale für politische Bildung, aber auch das Auswärtige Amt. Die Ausstellung soll, so die Ankündigung, „regionale Geschichte in deutsch-französische, teils auch europäische Abläufe einbetten“. In Kaiserslautern ist die Eröffnung jetzt für April 2021 vorgesehen. Vielleicht trägt sie dann tatsächlich dazu bei, dass die Ereignisse von Gurs nicht wieder im Morast der Erinnerung versinken wie einst die Schritte der dort Internierten in den eiskalten durchnässten Lehmboden des Béarn.
Die Zurückgekehrten erzählen selbst, die Toten sprechen aus ihren Briefen
Dabei kann man nicht behaupten, dass nichts unternommen wurde, damit das nicht passiert. Ganz im Gegenteil. Zahllose Schulklassen und Jugendgruppen aus Baden, aus der Pfalz, aus dem Saarland, haben Gurs und seinen Friedhof mit den über 1000 Gräbern besucht und mit stummem Entsetzen die Ortsnamen auf den Grabsteinen hier im fernen Südwesten Frankreichs gelesen: Bergzabern, Kaiserslautern, Höheinöd, Winnweiler, Mutterstadt, Landau, Frankenthal, Zweibrücken ... Von überall in der Pfalz kamen jene, die das Lager und seine Strapazen nicht überlebten.
Margot Wicki-Schwarzschild aus Kaiserslautern hat viele dieser Jugendlichen begleitet, ist wie der 1940 aus Karlsruhe deportierte Paul Niedermann (1927-2018) immer wieder als Zeitzeuge aufgetreten und auch er hat, wie sie, seine Erinnerungen veröffentlicht. Die 1894 in Landau geborene Margarethe (Gretl) Drexler konnte das nicht mehr tun. Sie gehörte zu jenen, die sich auf der anderen Rheinseite sicherer glaubten und wurde von Mannheim aus deportiert, durfte Gurs für einen Freigang verlassen, wurde in Grenoble verhaftet und starb im September 1942 in Auschwitz. Aber sie hat Briefe hinterlassen, vor allem an ihre Tochter Dorothea, dem „Dorle“, das sie, weitsichtig genug, bereits 1938 zu ihrer Schwester Irma in die Schweiz geschickt hatte.
Roland Pauls „biographische Dokumentation“ wächst und wächst ...
Die über 300 Briefe und Postkarten, die sie aus Mannheim, Gurs und Grenoble schrieb, hat der Historiker Roland Paul transkribiert, kommentiert und 2014 als Buch herausgegeben: ein beeindruckendes Dokument des Terrors und Leids als Konsequenz des nationalsozialistische Rassenwahns. Ebenso wie seine „biographische Dokumentation“: Hier hat Paul, bis 2016 Direktor des Instituts für pfälzische Geschichte und Volkskunde und seither ehrenamtlicher Leiter der Arbeitsstelle für jüdische Geschichte in der Pfalz, den endlosen Namenslisten der Pfälzer Deportierten ihre Biografien zurückgegeben, ihr Schicksale verfolgt und ihnen auch noch im Tod ein Stück ihres Lebens zurück gegeben. Der Band „Pfälzer Juden und ihre Deportation nach Gurs. Schicksale zwischen 1940 und 1945“ wird gerade mit mehr als 30 weiteren Porträts und Ergänzungen neu aufgelegt, denn Pauls Recherchen gehen weiter. Immer wieder stößt er auf bisher unbekannte Spuren, nimmt Kontakt auf mit Nachkommen, findet neue Dokumente.
Wie etwa die Briefe von Luise Koch aus Bad Dürkheim. Die hat er bei Irmgard Hamid in New York gefunden, jener Tochter, die Luise 1939 nach Holland schickte. Statt in die USA zu emigrieren, landet das junge Mädchen damals in einem Heim für katholische Kinder in Nordbrabant, besucht zwei Jahre ein Schule in Posterholt in der Provinz Limburg, findet danach eine Anstellung als Haushaltshilfe und erlebt das Kriegsende in Breda. Erst 1947 reist sie schließlich zu Onkel Carl und Onkel August nach New Jersey.
Bilder von Bad Dürkheim im New Yorker Wohnzimmer
Dorthin wollte auch ihre Mutter: Luise hat nach langem Warten im Juli 1942 die Mitteilung erhalten, dass auf der Ende August 1942 von Lissabon in die USA auslaufenden „Serpa Pinto“ ein Platz für sie reserviert sei. Am 6. August jedoch wird sie nach Drancy gebracht, von dort fährt vier Tage später Transport Nr. 17 nach Auschwitz ...
Irmgard heiratet 1953 den aus Pakistan stammenden Mohamed Hamid. Einige Male noch hat sie vor ihrem Tod 2017 ihre Heimat besucht. In ihrer New Yorker Wohnung, erinnert sich Roland Paul, war Bad Dürkheim stets gegenwärtig: auf Bildern ihres Großvaters, des Kunstmalers Georg Koch. Während Irmgard Hamids Tochter Rehana in Philadelphia lebt, ist Sohn Arif Hamid mittlerweile in Heidelberg zu Hause.
„Wenn ich tot bin, liegt es an euch, aufzuschreien“, sagt Paul Niedermann (1927-2018)
Eine Geschichte von vielen, aber eine, die beispielhaft zeigt, welch weltweite Kreise die regionale Aktion der beiden NS-Gauleiter Josef Bürckel und Robert Wagner zog. Gurs ist wohl nicht nur eine südwestdeutsch-südwestfranzösische Angelegenheit. „Interessant ist, die vielen Sprachen zu hören, die die Leute aus allen Teilen Europas sprechen. Da hört man neben Deutsch und Französisch viel Spanisch, Polnisch, Tschechisch, Ungarisch, Englisch und last not least Jiddisch“, schreibt Luise im Oktober 1941 an ihre Schwester Irma in Bern.
Ja, errichtet wurde das Lager am Fuß der Pyrenäen 1939, zur Aufnahme von Bürgerkriegsflüchtlingen aus Spanien. Und dann kamen sie von überall in Europa: Gurs, das 420-Seelen-Dorf in Frankreich, ist ein europäischer Erinnerungsort ersten Rangs. „Solange ich noch lebe, kann ich gegen Ungerechtigkeit und Vergessen schreien. Aber wenn ich nicht mehr da bin und meine Generation, dann liegt es an euch aufzuschreien.“ Ein Satz von Paul Niedermann. Eine Aufforderung für die Zukunft.
Zur Sache: Gurs-Gedenken
Pfalzweit finden in diesen Wochen Veranstaltungen zum Gedenken an die Deportation der pfälzischen und badischen Juden nach Gurs statt: Vorträge, Ausstellungen, Theateraufführungen, Lesungen stehen auf dem Programm, das der federführende Bezirksverband Pfalz in einer Broschüre zusammengestellt hat und das unter www.bv-pfalz.de abrufbar ist. Auszüge aus einem Terminkalender, der auch Vortragstermine enthält, sich allerdings angesichts der sich ausbreitenden Corona-Pandemie ändern kann:
Ausstellung „Als Kinder Auschwitz entkommen“, aus der Biografie der Familie Schwarzschild: Bilder und Skizzen der Landauer Künstlerin Monika Kirks, inspiriert von den Erinnerungen Magot Wicki-Schwarzschilds, 19. Oktober bis 15. November im Wadgasserhof, Stadtmuseum Kaiserslautern.
Lesung „Gretl Drexler: Briefe aus Mannheim, Gurs und Grenoble (1939-1942)“, mit Hannelore Bähr und Roland Paul; 1. November, 18 Uhr, Rockenhausen, Donnersberghalle.
Rundgang zu den Häusern der Gurs-Deportierten in Bad Dürkheim, 19. November, 18.30 Uhr, mit Roland Paul; Treffpunkt Stadtmuseum im Haus Catoir, Bad Dürkheim.
Schauspiel „Bürckel! Frau Gauleiter steht ihren Mann“, ein Stück von Peter Roos mit Hannelore Bähr am Pfalztheater Kaiserslautern; Aufführungen am 22. und 30. Oktober, 6. und 25. November sowie 15. Dezember, Beginn jeweils um 19.30 Uhr; Info: www.pfalztheater.de