Weintipp
Das waren Zeiten!
Deutschen Eiswein kennen weltweit selbst Menschen, die wenig mit Wein zu tun haben. Mancher Russe oder Mexikaner scheint zu glauben, das „kalte“ Deutschland produziere hauptsächlich Eiswein. Das war schon immer falsch, denn Eiswein ist eine außergewöhnliche Spezialität und war immer ein verschwindend geringer Teil der Produktion. Aber kaum ein anderes Land konnte diese süße, jahrzehntelang reifefähige Spezialität erzeugen. Voraussetzung waren freilich mindestens minus acht Grad kalte Nächte möglichst früh im Winter, wenn die Trauben noch einigermaßen gesund waren. Dann wurden sie gefroren geerntet und gepresst. Das gefrorene Wasser bleibt dabei in der Beere, der Saft ist ungemein konzentriert und ergibt eine höchst wertvolle Essenz mit viel Fruchtzucker, viel Säure und konzentrierten Aromen.
Früher: Frost schon Anfang November
In den guten alten Zeiten konnte alle zwei, drei Jahre im günstigen Fall schon Anfang November mit ausreichend Nachtfrost gerechnet werden. Seit die Winter nur noch ein Abklatsch früherer Kältemonate sind, passiert dies manchmal gar nicht, manchmal erst im Januar oder Februar, wenn die Trauben keine klaren Aromen mehr hergeben. Denn Eiswein soll keine Fäulnisnoten aufweisen. Je gesünder die Trauben, umso besser.
Auf das Pokerspiel, einen Weinberg hängen zu lassen und auf Frost zu spekulieren, lassen sich immer weniger Weingüter ein. Manchmal gelingt es trotzdem. So geschehen im Jahrgang 2012 bei Gabi und Martin Schweikart, als es doch tatsächlich schon im November eine Nacht lang kalt genug war. Ganze 300 Liter Eiswein aus der Rebsorte Cabernet-Sauvignon tröpfelten aus der Kelter - nicht nur irgendein Eiswein, sondern ein großer Wurf: bernsteinfarben, brillant klares, geradezu reines Aroma von Karamel, Zitrus, Honig, reifen Trauben und Banane, im Mund cremig-weich, vielschichtig, so dass er minutenlang nachschmeckt. Das Musterbeispiel eines großartigen Eisweins und jeden Cent seines Preises wert.
Der Wein
2012 Cabernet-Sauvignon Eiswein Weingut Schweikart, Landau-Godramstein, Telefon 06341/61796, www.weingut-schweikart.de, 39 Euro für 0,375 Liter ab Weingut
Der Autor
Jürgen Mathäß ist Weinjournalist und Seminarleiter, er war Chefredakteur verschiedener Weinzeitschriften und ist Experte für Pfälzer Weine sowie für die Weine der iberischen Halbinsel und Südamerikas. Seit 2007 schreibt alle zwei Wochen den „Weintipp“ für die RHEINPFALZ am SONNTAG. Er lebt in Landau-Arzheim

Dürfen wir nachschenken?
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